Scholz-Gruppe wird 150

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Scholz-Stammsitz in Essingen von oben.
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Das Traditionsunternehmen feiert Geburtstag. Warum bei dem Essinger Recycler nach unruhigen Jahren endlich wieder Kontinuität eingekehrt ist.

1872 Gründung eines Sortierbetriebs durch Paul Scholz in Niederschlesien.

1945 Nach Vertreibung der Familie Verlegung des Unternehmens nach Aalen

1961 Umzug nach Essingen

1965-1989 Ausbau des Exports, Beteiligung an mehreren Firmen

Ab 1989 Expansion in Ostdeutschland und -europa

1999 Umwandlung in eine Aktiengesellschaft

2014 Toyota-Konzern steigt beim inzwischen kriselnden Unternehmen ein

2016 Verkauf des Unternehmens an den chinesischen Konzern Chiho Tiande

Essingen

Vor einigen Tagen feierte die Scholz-Gruppe mit ihren Beschäftigten ihr 150-jähriges Bestehen. Nach unruhigen und bisweilen turbulenten Jahren ist mit dem neuen Eigentümer, der chinesischen Chiho-Tiande-Gruppe, Ruhe und Kontinuität bei der Traditionsfirma eingekehrt. 2021 hat das Recyclingunternehmen, das in der Region an seinen Standorten in Essingen, Fichtenberg und Gmünd insgesamt 300 Menschen beschäftigt, einen Umsatz von rund 1,6 Milliarden Euro erzielt, fast doppelt so viel wie im Vorjahr.

Allerdings resultiert diese Entwicklung aus zwei Effekten: Zum einen war das Jahr 2020 wegen der Auswirkungen der Covid-Pandemie ein Ausreißer nach unten, zum anderen fuhren die Preise für Rohstoffe 2021 Achterbahn. Mit dem Verlauf des aktuellen Jahres ist die regionale Führungsriege zufrieden. „Das Jahr ist positiv angelaufen, insgesamt werden wir uns gut entwickeln“, sagt Prokurist Kay Gessner. Angesichts der Herausforderungen auf den Märkten in Folge des Kriegs in der Ukraine und der Energiekrise werde es aber „ein spannendes viertes Quartal“. Klar sei aber, wie Burkhard Bachmann betont: „Wir stellen uns den Herausforderungen der Zukunft.“

Dabei hilft das erfahrene Führungsteam um CEO Henry Qin. Ungeachtet der Turbulenzen um die Scholz-Anleihe (2012), der Beteiligung von Toyota (2014) und des schlussendlichen Verkaufs an Chiho Tiande, die sich mit der Übernahme nicht nur Zugang zu den europäischen Märkten, sondern auch zum Scholz-Know-how erschloss, ist das operative Management seit vielen Jahren im Unternehmen tätig. Klar ist: Am Kerngeschäft hakte es bei Scholz selbst in der tiefsten Krise nicht. Kay Gessner arbeitet seit 26 Jahren im Unternehmen, Markus Maier seit 23, Burkhard Bachmann seit 19 und CFO Daniel Fischer seit 10. Ohnehin halten die Mitarbeitenden dem Unternehmen trotz der Turbulenzen im vergangenen Jahrzehnt überdurchschnittlich lang die Treue: So liegt die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit laut Fischer bei rund zwölf Jahren.

Als energieintensives Unternehmen ist Scholz von den steigenden Energiepreisen direkt betroffen. Bereits vor Jahren habe man eine PV-Anlage in Essingen installiert, ein Ausbau ist angedacht. Seit 2020 setzt Scholz komplett auf nachhaltigen Strom, wie Einkaufsleiter Stefan Mord betont – was auch von den Kunden, etwa der Autoindustrie, eingefordert werde. Die steigenden Energiepreise belasten dennoch das Unternehmen, 70 Prozent des Energieverbrauchs entfallen auf Diesel für die Lkw und Umschlagmaschinen, 25 Prozent auf Strom, der Rest auf Erdgas, Heizöl und technische Gase. Bei einem eventuellen Gasstopp seitens des Versorgers wäre Scholz zwar betroffen, aber arbeitsfähig.

Herausfordernd für Scholz ist auch die Mobilitätswende. „Fahrzeuge mit Verbrenner können wir dank unserer Technologie zu 99 Prozent recyceln“, erklärt Markus Maier. Beim Elektroauto sieht das aktuell anders aus. Der Einsatz von Verbundstoffen in den neuen Fahrzeugen, etwa um Gewicht zu sparen, stellt die gesamte Recycling-Branche vor eine anspruchsvolle Aufgabe, die Wiederaufbereitung ist komplexer als jenes von Eisen, Stahl und Co. „Das Bewusstsein der Hersteller für dieses Problem wächst allerdings seit geraumer Zeit“, so Maier. Noch in Entwicklung ist indes die Frage des Recyclings des Herzstücks, der Batterie – und an dieser entscheidet sich schließlich die Nachhaltigkeit eines Elektroautos.

Aktuell planen Chiho Tiande und Scholz einen speziellen Recyclingpark in China, in dem unter anderem Batterien von Elektroautos wiederaufbereitet werden sollen. Mittelfristig sind ähnliche Projekte in Europa geplant, denn ein Transport der Akkus über größere Entfernungen ist schlicht zu gefährlich und unwirtschaftlich. Derzeit arbeitet die Forschungs- und Entwicklungsarbeit des Recyclers an einer Technologie, um die Rohstoffe zu verwerten. „Problematisch ist nicht nur die nötige Entladung der Batterien, sondern auch die Tatsache, dass jeder Hersteller unterschiedliche Akkus einsetzt und die Batterien selbst sehr komplex aufgebaut sind“, sagt Bachmann. Das Forschungsteam arbeite mit Hochdruck an einer Lösung.

Nach der zu schnellen Expansion in neue Märkte vor einigen Jahren hat sich Scholz inzwischen auf die erfolgreichsten konzentriert. Unter dem neuen Eigentümer gab es eine Konsolidierung, unprofitable Unternehmen zum Beispiel in Nordamerika wurden beendet, der Fokus liegt nun auf Deutschland, Osteuropa und Asien. Insgesamt betreibt das Unternehmen mit seinen fast 2900 Beschäftigten (in Deutschland etwas mehr als 1400) weltweit 200 Standorte, rund 70 davon in Deutschland. Expandieren will Scholz nunmehr eher in gut erreichbare Regionen, wie zum Beispiel Tschechien, wie Fischer erklärt. „Dort ist in Pilsen in unmittelbarer Nähe zur Industrie ein neuer Entsorgungsplatz geplant.“ Auch in Ungarn sei man in Gesprächen. Investieren will das Unternehmen auch in Essingen. Dort fließen zwei Millionen Euro in die Shredder-Anlage. Nicht nur das zeigt: Der Stammsitz an der B29 spielt im weltweiten Standortnetz weiter eine tragende Rolle – auch im 151. Jahr des Bestehens. 

Waagenstation am Scholz-Standort Essingen.
Scholz-Verwaltungsgebäude in Essingen.

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