"Für die Zukunft brauchen wir Mut"

+
Nadine Kaiser
  • schließen

Geschäftsführerin Nadine Kaiser über 25 Jahre WiRO, die Zukunftsoffensive, die Herausforderungen und die Ziele für die kommenden Jahre.

Schwäbisch Gmünd

Die WiRO wird 25 Jahre. Im Interview skizziert Geschäftsführerin Nadine Kaiser, wie sich die Arbeit der regionalen Wirtschaftsförderung im Lauf der Jahre verändert hat, warum die Herausforderungen trotz aktuell intaktem Arbeitsmarkt für die Region beträchtlich sind und weshalb Innovation der Schlüssel für die Zukunft von Ostwürttemberg ist.

Die WiRO wird 25. Wie feiern Sie? Und wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Bescheiden, wie man uns kennt. Angesichts der aktuellen Pandemielage haben wir uns dazu entschlossen, in einer speziellen Ausgabe unseres „UnternehmerTREFF digital“ einige Wegbegleiter der WiRO zu Wort kommen zu lassen. Auch die Landräte unserer Region haben für den 16. Dezember zugesagt, was uns sehr freut. Wir wollen aber nicht nur zurückblicken, sondern auch voraus. Die Herausforderungen, vor denen die Region steht, sind beträchtlich, auch wenn die Wirtschaft in Ostwürttemberg ungleich bessere Voraussetzungen hat als noch vor 25 Jahren, als die WiRO gegründet wurde. Damals lag die Arbeitslosigkeit um ein Vielfaches höher, vor allem die Jugendarbeitslosigkeit war ein großes Problem, die Wirtschaft befand sich in einer tiefen Strukturkrise. Damals war es an der WiRO unter Dr. Ursula Bilger, Netzwerke aufzubauen und zu organisieren sowie die Strukturen zu schaffen, damit die Region besser sichtbar ist – auch über Ostwürttemberg hinaus. Und auf der über die ersten Jahrzehnte erarbeiteten, hervorragenden Basis, tut die WiRO das bis heute recht erfolgreich.

Die Arbeitslosenquote in der Region liegt aktuell bei 3,5 Prozent, das ist weniger als im Landesschnitt…

Es stimmt, dass die Region die Auswirkungen der Corona-Pandemie bis jetzt gut gemeistert hat. Aber es gibt einige Anzeichen, dass das nicht von Dauer sein wird. Der Strukturwandel in der Autoindustrie sowie der gesamte Transformationsprozess der Industrie sind nur zwei Entwicklungen, auf die wir reagieren müssen. Das Positive: Viele Unternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht und gehen diesen Wandel forsch und mutig an. Unsere Aufgabe ist es, die Firmen dabei zu unterstützen und ebenfalls den Weg für weitere vorzubereiten. So hat sich auch das Aufgabenprofil einer regionalen Wirtschaftsförderung in den vergangenen Jahren immer wieder gewandelt. Die WiRO hat sich immer wieder an die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen angepasst.

Welche Bedeutung haben regionale Netzwerke, wie das der WiRO, in einer sich stetig globalisierenden und fragmentierenden Wirtschaft?

Ich denke, regionale Netzwerke haben nach wie vor eine große Bedeutung. Die Unternehmen arbeiten Tür an Tür und stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel oder dem Ausbau der Infrastruktur. Unsere Aufgabe ist es, die Strukturen und Netzwerke zu schaffen, damit die Unternehmen und damit der Standort vital, lebendig und innovativ bleiben. Und: Wenn die Welt globaler wird, ist es wichtig, ein regionales Wir-Gefühl zu pflegen. Und nicht zu vergessen, vertreten wir als WiRO natürlich die Interessen der Region nach außen, etwa in Stuttgart, Berlin oder Brüssel, und bewegen uns in überregionalen und internationalen Netzwerken. Das ist wichtig, um als Region bei den unterschiedlichsten Themen wahrgenommen zu werden.

Die Autoindustrie ist in der Region ein wichtiger Arbeitgeber. Wie lässt sich der Strukturwandel in der Region bewältigen? Welche Ansatzpunkte gibt es?

Wir müssen uns auf das konzentrieren, was uns stark und erfolgreich gemacht hat: auf die Talente und Patente. Die Region ist mit ihren Innovatoren, Tüftlern und Ideen hervorragend aufgestellt. Innovation ist der Schlüssel, um den Herausforderungen zu begegnen. Aber der Wandel gelingt nur, wenn man sich auf ihn einlässt, in den Bemühungen nicht nachlässt und es schafft, kreative Köpfe und Tüftler für diesen zu begeistern. Für die Zukunft benötigen wir jede Menge Mut – und Disruption. Das kann zum Beispiel durch Diversifizierung gelingen, indem Firmen ihr technisches Know-how in andere Produkte oder Branchen übersetzen. Wir dürfen deshalb künftig nicht mehr starr in Branchen denken, die Übergänge zwischen ihnen werden zunehmend fließend. Ebenfalls wichtig: Die Unternehmen müssen nicht nur ihre Produkte, sondern ihre kompletten Geschäftsmodelle hinterfragen und sich weiterentwickeln wollen. Nur mit diesem Spirit, dieser Bereitschaft bestehen wir auch in Zukunft.

Eines der zentralen Themen der WiRO ist seit vielen Jahren der Kampf gegen den Fachkräftemangel. Wie steht es um die Attraktivität der Region und wo sehen Sie Nachholbedarf? Was kann die WiRO tun, damit die Region im War for Talents besteht?

Der Fachkräftemangel ist nach wie vor existent – und er wird auch nicht verschwinden. Das spüren nicht nur wir, sondern auch andere Regionen. Allerdings kommen aktuell einige Entwicklungen zusammen, von denen Ostwürttemberg profitieren kann. Durch die Digitalisierung und dem Trend zum mobilen Arbeiten erschließen sich Firmen neue Zielgruppen, können Fachkräfte von jenseits der Region für sich begeistern, ohne dass diese ihren Job dauerhaft vor Ort ausüben können. Das gilt natürlich nicht für jeden Arbeitsplatz. Weitere Vorteile der Region sind die Lage mitten in Süddeutschland, die Lebensqualität und die im Vergleich zu den Metropolen noch relativ niedrigen Immobilienpreise sowie die Nähe zu ebendiesen Großstädten. Nachholbedarf haben wir sicherlich im Bereich des Breitband- und Mobilfunkausbaus oder im ÖPNV. Die WiRO fokussiert sich bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels vor allem auf das Standortmarketing. Wir gehen hier neue Wege, um alle Zielgruppen zu erreichen. So haben wir in den vergangenen Jahren unsere Präsenz auf den Social-Media-Plattformen massiv ausgebaut.

Ein wichtiges Element im Kampf um Fachkräfte ist das Welcome Center, welches 2020 gestartet ist. Wie fällt ihre erste Bilanz aus und was sind die Ziele?

Es gibt Branchen, gerade im Pflege- und im Bausektor oder im IT-Bereich aller Branchen, die ihren enormen Fachkräftebedarf in Zukunft ohne Zuwanderung aus dem Ausland schlicht nicht mehr decken können. Aber nicht nur deshalb ist das Welcome Center wichtig: Es ist Anlaufstelle für Fachkräfte wie Firmen gleichermaßen. Nach etwas mehr als einem Jahr fällt die Bilanz sehr positiv aus. Bis heute hat das Team mit seinen Aktivitäten mehr als 300 internationale Fachkräfte, mehr als 200 Unternehmen und rund 320 Multiplikatoren erreicht. Das Beratungsteam erreichen Anfragen aus der gesamten Region Ostwürttemberg und auch aus dem Ausland. Über digitale Beratungen können auch Zielgruppen jenseits der Landesgrenze sehr gut beraten werden. Besonders nachgefragt sind aktuell die digitalen Formate wie das Online-Speed-Dating, mit dem das Welcome Center Firmen und Fachkräfte digital, schnell und unkompliziert zusammenbringt. Dadurch erschließen wir auch neue Zielgruppen, vor allem Handwerksbetriebe nehmen das Angebot gerne an.

Wie soll es beim Welcome Center weitergehen?

Unser Ziel ist klar: Nach Ende der Förderphase 2023 soll es auf jeden Fall weitergehen, das Welcome Center soll weitere Personalstellen erhalten, um sich auch strukturell weiterentwickeln zu können. Das Thema internationale Fachkräfte wird an Bedeutung gewinnen, wir wollen entsprechend auch das Marketing für unsere Region im Ausland ausbauen.

Im November soll die große Zukunftsoffensive der Region Ostwürttemberg starten, was sind die Ziele und welche Funktion hat die WiRO in diesem Prozess?

Mit der Initiative „Zukunft Ostwürttemberg“ will die Region Ostwürttemberg jetzt die strategischen Leitplanken für die Zukunft definieren. Es ist die Fortsetzung der bisherigen Zukunftsinitiativen, die nun in dem aktuellen Prozess erfolgreich fortgeschrieben werden. Alle wesentlichen Akteure in der Region haben sich zu dem Prozess bekannt. Die IHK und die WiRO werden im Duett diesen Prozess strukturieren und organisieren. Die Arbeitsgruppen werden ab November eingerichtet und ihre Arbeit aufnehmen. Jeder Partner soll zudem seine spezifische Expertise in diese Prozesse einbringen, zum Beispiel der Regionalverband in Fragen der Regionalplanung, die IHK unter anderem im Bereich der industriellen Transformation und die WiRO eben bei Themen wie Netzwerken oder Standortmarketing. Nach der Auftaktveranstaltung mit Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, die Schirmherrin der Offensive ist, geht es mit der Arbeit der verschiedenen Expertengruppen los.

Start-ups wird allgemein eine wichtige Rolle für die Zukunftsfähigkeit einer Region zugeschrieben. Wie kann sich deren Zahl in Ostwürttemberg steigern lassen?

Ich sehe die Region im Vergleich mit anderen Gegenden gut aufgestellt. In Ostwürttemberg hat sich in den vergangenen Jahren ein funktionierendes und effizientes Ökosystem herausgebildet, rund um die Hochschulen, Digitalisierungs- und Gründerzentren, den Initiativen der IHK, dem Business-Angels-Netzwerk und dem Pegasus-Fonds. Aber klar ist: Gründen erfordert Mut und ist in Deutschland nicht so populär wie in anderen Nationen, weshalb viele Menschen lieber den sicheren Job wählen, als Unternehmer zu werden und damit ins Risiko zu gehen. Deshalb ist Aufklärungsarbeit wichtig, wir müssen die Erfolgsgeschichten herausstellen, von denen es gerade in unserer Region sehr viele gibt, und natürlich die nötigen Netzwerke und Plattformen weiter pflegen und ausbauen, was insbesondere in dem bei der IHK angesiedelten Netzwerk Start-up Region Ostwürttemberg schon in die Tat umgesetzt wird. Die MAKE Ostwürttemberg ist dafür ein ideales Veranstaltungsformat, das in der Region entwickelt und jährlich eindrucksvoll zeigt, wie vielfältig, erfolgreich und vital die Gründerszene in Ostwürttemberg ist. Und mit dem Innovationspreis zeichnen wir Jahr für Jahr ebenfalls die besten jungen Firmen aus. In Ostwürttemberg schreiben viele Start-ups Erfolgsgeschichte.

Wie verändert Digitalisierung die Arbeit der WiRO?

Früher waren wir mit Roll-ups und Flyern auf Messen unterwegs und haben für unsere Region geworben, heute informieren wir die Landesvertretung Brüssel auch per Pecha-Kucha-Vortrag in einer Videoschalte über unsere Region. Das zeigt recht gut, wie sich unsere Arbeit verändert. Das Ziel ist zwar dasselbe wie vor 25 Jahren, eben für Ostwürttemberg zu trommeln, aber die Mittel und Wege haben sich nicht nur wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie grundlegend verändert. Wir bleiben als WiRO immer am Ball, über digitale Kanäle wie über den persönlichen Austausch.

Corona hat die WiRO beinahe ihrer wichtigsten Funktion, dem Netzwerken, zumindest in analoger Form, beraubt. Sie haben als Ausgleich schnell den UnternehmerTREFF als digitale Plattform geschaffen. Wie geht es mit den Netzwerken in Zukunft weiter?

Trotz der Auswirkungen der Pandemie möchten viele Akteure den persönlichen Austausch nicht missen. Einige Formate werden aber digital bleiben, weil diese Form in manchen Fällen effizienter und praktischer ist. Der UnternehmerTREFF digital hat sich in Corona-Zeiten bewährt und die große Nachfrage zeigt, dass Formate wie dieses auch künftig fester Bestandteil unseres Angebots bleiben. Beim Thema Messen zeigt sich indes, wie wichtig der persönliche Austausch ist. Virtuelle Messen bleiben auf den reinen Informationscharakter beschränkt, erst der persönliche Austausch und das Erlebenkönnen machen ein Produkt oder eine Firma authentisch. In der Zukunft werden sowohl analoge als auch digitale Formate einen wichtigen Platz einnehmen.

Wie sehen Sie die Rolle der WiRO in den kommenden 25 Jahren?

Die WiRO wird sich wie in den vergangenen Jahren in Zukunft weiterentwickeln und sich den Anforderungen der Firmen, Netzwerke und der Politik anpassen. Ich sehe aber gleichzeitig ein Wachstum der WiRO: Die Zahl der Projekte nimmt zu, gerade um Digitalisierung und Strukturwandel zu bewältigen und voranzutreiben, braucht es starke Netzwerke. Gleiches gilt auch für den Fachkräftemangel, der uns, allein aus demografischen Gründen, noch Jahrzehnte begleiten wird und nur durch ein wirkungsvolles Standortmarketing bekämpft werden kann. Und nicht zuletzt benötigt eine Region eine starke Interessenvertretung auf überregionaler, nationaler und europäischer Ebene.

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft Regional

WEITERE ARTIKEL

Kommentare