Gründer trotz Coronakrise

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Führt seit 1. März den Betrieb: Eva-Maria Kientz.
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Im ersten Halbjahr 2020 hat sich eine Rekordzahl Handwerker in der Region selbstständig gemacht. Eva-Maria Kientz, Stefan Jäger und Manuel Knödler gehören dazu: Was sie antreibt.

Aalen/Heubach

Betriebssterben durch die Coronakrise? Zumindest im Handwerk ist davon keine Rede. Im Gegenteil: Im Gebiet der Handwerkskammer Ulm zwischen Ostalb und Bodensee gibt es Stand Ende Juni so viele Betriebe wie noch nie: 19 534 insgesamt und damit 110 mehr als zu Jahresbeginn.

Zwar hörten im Ostalbkreis zwischen Januar und Juni 163 Betriebe aus verschiedensten Ursachen auf. Gleichzeitig wurden 170 neu eingetragen, sodass es nun 4129 sind. Im Kreis Heidenheim wuchs die Zahl der Betriebe um elf auf 1560.

Was treibt Unternehmer an, sich in unsicheren Zeiten wie diesen selbstständig zu machen? Für Eva-Maria Kientz stand schon lange fest, dass sie die elterliche Bäckerei-Konditorei Köhler in Heubach-Lautern übernehmen wird. Der unerwartete Tod ihres Vaters Hans-Dieter Kientz 2019 sorgte nun dafür, dass die 38-Jährige Handwerksmeisterin und geprüfte Eisherstellerin Chefin im Betrieb mit 20 Mitarbeiterinnen und drei Mitarbeitern ist.

Auch, wenn Bäckereien in Lockdown-Zeiten geöffnet blieben, war die Krise zu spüren: In der Filiale im Edeka beim Mögglinger Bahnhof deckten sich viel weniger Pendler mit Frühstück und Kaffee ein. Eva-Maria Kientz' beide mobile Eiswagen kamen kaum noch zum Einsatz. Die Nachfrage nach Hochzeitstorten brach ein. Und dann waren auch noch mitten in der Krise Investitionen fällig: in einen neuen Ofen und in neue Kassen. "Corona hin oder her", lacht Kientz, die ihren Beruf liebt und lebt: "Es ist einfach schön, Teig zwischen den Fingern zu haben.

Als Schornsteinfegermeister Stefan Jäger aus Unterkochen zum 1. Januar seinen Betrieb gründete, war von Corona noch keine Rede. Kurz zuvor war seine seine Bewerbung auf einen eigenen Kaminkehrerbezirk im Heidenheimer Raum erfolgreich gewesen. Aber auch im Lockdown konnte er weiterarbeiten: "Betriebs- und Brandsicherheit gehen vor", sagt er. Einerseits wurden Termine bei Risikogruppen, etwa älteren Menschen, geschoben, andererseits waren auch mehr Menschen zu Hause anzutreffen als sonst.

Es ist einfach schön, Teig zwischen den Fingern zu haben.

Eva-Maria Kientz Bäckermeisterin

Lehrling gesucht

Jäger beschäftigt einen Angestellten, der sich um laufende Arbeiten wie die Schornsteinreinigung kümmert, er selbst übernimmt beispielsweise Abnahmen und Feuerstättenschauen. Gerne würde Jäger, der seine Meisterprüfung 2010 abgelegt hat, Lehrlinge ausbilden, Interessenten sind willkommen: "Es ist ein Beruf mit hohen technischen Anforderungen, in dem man oft genug mit Laptop, Messgerät und Endoskop unterwegs ist", sagt der 42-Jährige, der aber genauso das Traditionelle seines Handwerks liebt. Schon dreimal hat er am internationalen Schornsteinfegertreffen im italienischen Santa Maria Maggiore Anfang September teilgenommen - diesmal fällt die Traditionsveranstaltung am Geburtsort des modernen Schornsteinfegerberufs leider aus.

Zunächst einmal im Nebengewerbe hat sich Manuel Knödler aus Heuchlingen, 27, im Mai selbstständig gemacht. Der Kraftfahrzeugtechnikermeister ist in einem Handwerksbetrieb beschäftigt. Er besitzt zwei Pkw-Anhänger, die er im Nebenerwerb vermietet. Daneben gehören der Verkauf von Pkw-Anhängern und die Vermietung und der Verkauf von Umzugsboxen zu seinem Angebotsspektrum. Und schließlich bietet er einen mobilen Kfz-Service an: "Die Leute schätzen es, wenn man zu ihnen nach Hause kommt und sie so lange im Garten arbeiten können, während man sich um das Auto kümmert." Das gelte besonders in Corona-Zeiten. Hygiene- und Abstandsregeln sind für ihn – wie für alle Befragten – selbstverständlich: "Alles, was man anfasst, wird gereinigt, man gibt dem Kunden das Auto sauberer zurück, als man es erhalten hat." Wenn nötig, mietet sich Knödler für seinen Service auch in Werkstätten ein. Sein Traum für später ist eine eigene Werkstatt mit Angestellten.

Gestiegen ist laut Handwerkskammer Ulm die Betriebszahl im Kammergebiet in fast allen Bereichen: Bei den Friseuren um 22 auf 1700 Betriebe, bei den Fleischern um 27 auf 380. Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Tobias Mehlich sagt: "Bei den Betriebsschließungen spüren wir noch keine größeren Auswirkungen der Pandemie. Das darf uns aber nicht nachlässig machen oder uns sicher fühlen lassen." Die nächsten Monate würden richtungsweisend. Wichtig seien unter anderem weitere Unterstützungsmaßnahmen, so Mehlich.

Seit Januar selbstständig: Stefan Jäger.

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