Haftstrafen im Hartmann-Prozess

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Die Zentrale von Hartmann in Heidenheim.

Im Prozess vor dem Ellwanger Landgericht gegen zwei ehemalige Hartmann-Mitarbeiter und drei Paletten-Händler gab es jetzt ein Urteil.

Heidenheim

Wie zwei gewöhnliche Mitarbeiter gemeinsam mit Paletten- Händlern einen Weltkonzern wie die Paul Hartmann AG so leicht um 3,5 Millionen Euro bringen konnten - diese Frage wurde auch am zweiten Prozesstag vor dem Landgericht in Ellwangen mehrfach gestellt. "Paletten wurden von Unternehmen lange Zeit nicht als wirtschaftliches Gut betrachtet. Sie lagen nicht im Fokus", mutmaßte der Vorsitzende Richter Bernhard Fritsch. Und oder gerade deswegen habe es bei Hartmann auch kein effektives Kontrollsystem gegeben. "Zwei Augenpaare sollten über den Warenein- und Warenausgang wachen, aber wenn bei den Straftaten beide Seiten beteiligt sind, lässt sich so ein Vier-Augen-Prinzip natürlich leicht aushebeln."

Bei den zwei Augenpaaren handelte es sich um den ehemaligen Leiter des Herbrechtinger Hartmann-Logistikzentrums und seinen Stellvertreter. Die beiden Männer sowie drei Unternehmer aus dem süddeutschen Raum, die sich auf den Handel mit Transportpaletten spezialisiert haben, waren angeklagt wegen Bandendiebstahls sowie banden- und gewerbsmäßigen Computerbetrugs. Weit über 1000 Einzeltaten waren für den Zeitraum zwischen 2010 und 2015 ermittelt worden.

Und so funktionierte das System: Die Lagermitarbeiter bestellten Paletten bei den Händlern, die lieferten zwar, aber nur einen Teil der offiziell bestellten Ware. Insgesamt wurden in den fünf Jahren etwa eine Million Transportpaletten bestellt, nicht geliefert, aber dennoch von Hartmann bezahlt. Den Erlös aus diesen Schein lieferungen teilten die Beteiligten dann unter sich auf. Und das illegale System funktionierte auch in die andere Richtung: Bei Hartmann ausgediente Paletten wurden ohne Kenntnis der Firma von den beiden Logistik-Mitarbeitern an Palettenhändler in der Region verkauft. Auf eigene Rechnung. Die beiden Mitarbeiter saßen im Unternehmen "wie die Laus im Pelz", so Richter Fritsch. "Sie haben die Paul Hartmann AG abgezogen."

"Normale Lebensläufe"

"Die Tatvorwürfe sind erheblich und der Schaden hoch", sagte Oberstaatsanwalt Oliver Knopp in seinem Plädoyer. Die beiden Hartmann-Mitarbeiter hätten zudem das Grundvertrauen, das ein Unternehmen seinen Mitarbeitern entgegenbringt, gebrochen. Demgegenüber stehe aber das Bild, das man sich während des Verfahrens von den Angeklagten machen konnte. "Alle haben verhältnismäßig normale Lebensläufe ohne Auffälligkeiten." Zudem waren alle Beteiligten geständig und um Schadenswiedergutmachung gegenüber der Firma Hartmann ernsthaft bemüht. "Und die Taten liegen weit zurück. Seit sechs Jahren leben die Angeklagten damit, dass sie nicht wissen, wie das Verfahren endet."

Das unterstrichen auch die Verteidiger: "Seit sechs Jahren kann man im Leben nicht richtig durchstarten, weil man nicht weiß, ob vielleicht ein Aufenthalt in der JVA ansteht", sagte etwa der Verteidiger des ehemaligen Lagerleiters. "Hier sitzen keine typischen Straftäter, sie haben einen ordentlichen Werdegang und sind auch ohne hohe Strafen schon geläutert."

Der Vorsitzende Richter hatte sich schon am ersten Prozesstag zu einem möglichen Strafmaß geäußert und betont, dass man den Angeklagten beruflich keine Steine in den Weg legen wolle. Dennoch erhielt der ehemalige Lagerleiter letztendlich eine Freiheitsstrafe in Höhe von zwei Jahren und neun Monaten und damit keine bewährungsfähige Strafe; sein Stellvertreter erhielt zwei Jahre ausgesetzt zu Bewährung. Man blieb damit unter der Forderung des Oberstaatsanwalts von drei Jahren sowie zwei Jahren und sechs Monaten.

In der Urteilsbegründung benannte der Richter den ehemaligen Lagerleiter als den Kopf des Systems, der seinen Untergebenen angeworben hatte. Unterstrichen wurde diese Annahme durch die Höhe der Einnahmen. Während durch die Scheinlieferungen und Scheinrechnungen an den ehemaligen Lagerleiter 1,5 Millionen Euro geflossen sein sollen, war es für seinen Stellvertreter nur etwa ein Drittel dieser Summe. "Und wo die 1,5 Millionen hin sind, wissen wir nicht", so Richter Fritsch. "Sehen Sie es uns nach, dass wir Internet-Sexsucht nicht als einzige Begründung dafür gelten lassen können, dass das Geld nicht mehr da ist."

Zwei der angeklagten Unternehmer erhielten Freiheitsstrafen in Höhe von zwei Jahren und sechs Monaten, ein weiterer erhielt ein Jahr und drei Monate ausgesetzt zu Bewährung. "Eine Vollzugsstrafe wirft erhebliche Probleme auf und es braucht sie in diesem Fall auch nicht, um die Angeklagten von zukünftigen Straftaten abzuhalten", so Richter Fritsch. Aber in Anbetracht der Anzahl der Taten und der Schadenshöhe liege man "am unteren Rand dessen, was man verhängen kann". Den geäußerten Wunsch nach offenem Vollzug werde man unterstützen.

Die Tatvorwürfe sind erheblich und der Schaden hoch."

Oliver Knopp , Oberstaatsanwalt

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