Heidenheim hat ganz besondere Qualitäten

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Heidenheims Oberbürgermeister Michael Salomo (SPD).
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Oberbürgermeister Michael Salomo erklärt im Interview die Neugestaltung der Innenstadt und nimmt zum Widerstand gegen den Solarpark Kleinkuchen Stellung.

Heidenheim

Seit mehr als einem Jahr leitet Michael Salomo (34) als Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt Heidenheim. Zuvor war er Bürgermeister der Gemeinde Haßmersheim im Neckar-Odenwald-Kreis: Dieses Amt hatte er 2014 als damals jüngster Bürgermeister Deutschland angetreten. Salomo ist Bundesvorsitzender des Netzwerks Junge Bürgermeister*innen, das er mitgegründet hat. Für die Oktober-Ausgabe der Wirtschaft Regional sprach er mit Bernhard Hampp.

Erst Corona, nun die Energiekrise. Haben Sie sich gewünscht, dass Ihr Start als Oberbürgermeister etwas ruhiger verläuft?

Bürgermeister bin ich ja schon seit 2014: In dieser Zeit gab es die Flüchtlingskrise, die Coronakrise und nun den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Das heißt, die Verwaltungen sind schon seit einigen Jahren krisenerprobt. Natürlich bringt das alles zusätzliche Herausforderungen, die man mit dem gleichen Personalstamm meistern muss – und man will ja eigentlich die Stadt planen, mit allen Akteuren etwas voranbringen. Aber wer sich auf diesen Beruf einlässt, weiß um die Herausforderungen.

Mit welchen Stärken hebt sich Heidenheim unter den Großen Kreisstädten Ostwürttembergs hervor?

Heidenheim hat ganz besondere Qualitäten. Wie der frühere Pressesprecher Wolfgang Heinecker immer sagte: Man ist von jedem Bereich aus in zehn Minuten im Grünen. Heidenheim als 26.-größte Stadt in Baden-Württemberg hat ihre eigene DNA, die unter anderem der FCH im Fußball, die Opernfestspiele, die Duale Hochschule und viele weitere hochwertige Schulen und Bildungseinrichtungen, das Naturtheater, der Brenzpark, der Schlossberg und vieles weitere ausmachen. 

Manche sagen, Heidenheim läge im Speckgürtel von Ulm…

Ich würde eher sagen, der Landkreis Heidenheim liegt im Speckgürtel von Heidenheim. Ich bin dagegen zu sagen, dieses ist der große, jenes der kleine Bruder. Bescheidenheit ist eine gute Tugend, man darf sich aber auch nicht unter Wert verkaufen. Wir haben viele Gründe, selbstbewusst zu sein.

Die Entwicklung der Innenstadt liegt Ihnen besonders am Herzen.

Die Innenstadt ist einfach die Visitenkarte der Stadt. Deshalb gibt es dafür auch Sanierungsgelder Eine Bürgerbeteiligung hat stattgefunden, dann folgte der städtebauliche Realisierungswettbewerb. Die Jury hat sich für den Entwurf des Münchner Büros Terra.Nova entschieden, der auch die Zustimmung des Gemeinderats fand. Geplant ist eine Durchgängigkeit in zwei Achsen von der DHBW am einen Ende der Innenstadt bis zum Konzerthaus am anderen. 

Welche Achsen sind das?

Die eine Achse ist eine grüne Oase entlang der Grabenstraße. Das Rathaus, das jetzt und die nächsten Jahre saniert wird, ist Teil dieser Achse, das Meeboldhaus wird rückgebaut, Treppenstufen entstehen. Der Rathausplatz wird wie die ganze Grabenstraße begrünt. Hier entsteht ein naturnaher Ort, an dem sich Menschen treffen und begegnen können, ohne dafür Geld auszugeben – das ist gerade bei den momentan steigenden Lebenshaltungskosten wichtig. Der neue Campus der DHBW ist bis 2025 fertig. Mit einem Fuß- und Radweg, der auch eine Brücke über die Bahnlinie beinhalten soll, wird er an das bestehende Gebäude angebunden.

Und die zweite Achse?

Die zweite, parallel verlaufende Innenstadtachse umfasst Hauptstraße und Hintere Gasse und ist für Handel und Gastronomie vorgesehen. Das Bürgerhaus als Treffpunkt der Vereine soll aufleben. Eine wichtige Rolle spielt hier das historische Rathaus, das Elmar-Doch-Haus. Wir sehen in diesem städtischen Gebäude nun eine Gastronomie vor statt Verwaltungsräume. Es gibt bereits Bewerber hierfür, jetzt geht es in die Planung. Wir wollen das Elmar-Doch-Haus freistellen. Außerdem soll der Eugen-Jaekle-Platz, an dem die Bundesstraße 466 vorbeigeht, aufgewertet werden, der Plan sieht hier unter anderem ein Wasserspiel vor. Stadtauswärts ist im neuen Verkehrsentwicklungskonzept ein Innenstadttunnel vorgesehen. Es geht darum, das Konzept planerisch umzusetzen und nach und nach die einzelnen Vorhaben auszurollen. Natürlich müssen wir immer die Finanzierbarkeit im Auge haben.

Auch das Rathaus wird umgestaltet.

Diese Maßnahme kostet etwa 28 Millionen Euro und dauert noch zweieinhalb bis drei Jahre. Ich habe in meinem früheren Tätigkeitsort Haßmersheim auch schon ein Rathaus saniert und weiß: Das ist eine Operation am offenen Herzen. Die Stadtverwaltung, die ja das Stadtleben organisiert, muss hier selbst mit Einschränkungen leben. Die Fassade wird optisch mit Aluminiumelementen aufgelockert, vor allem aber steht die energetische Sanierung im Vordergrund. Auch das Tiefgaragendach wird saniert.

Wie geht es in der Wohnraumentwicklung weiter?

In den nächsten Jahren werden im Heidenheimer Stadtgebiet etwa 1500 Wohneinheiten geschaffen, teils in Neubaugebieten, mittels Nachverdichtungen. Der Bebauungsplan in den Reutenen ist umgesetzt, für das Schlossparkareal gib es einen Bebauungsplan, Nachverdichtet wird unter anderem Schnaitheim beim Bahnhof – auf dem ehemaligen Zigarrenfabrik-Areal der „Weißen Eule“, ebenso auf dem ehemalige Schlachthof-Areal. Ein Blickfang wird das sogenannte Pixelgebäude auf dem DHBW-Areal, Baugebiete gibt es außerdem in Großkuchen und Oggenhausen. 

Und bei den Gewerbegebieten?

Hier ist beispielsweise ein neues Gewerbegebiet im Stadtteil Oggenhausen zu nennen, außerdem natürlich das Stowe-Woodward-Areal, das interkommunale Gewerbegebiet und die Bohnäcker.

Wie begegnet Heidenheim der aktuellen Energiekrise?

Zum einen überlegen wir, wo und wie Energie eingespart werden kann. Die Rathaussanierung zeigt es eindrucksvoll, aber auch bei Straßenbeleuchtung und in anderen Bereichen unternehmen wir Anstrengungen. Wenn wir aber ehrlich sind, wird der Bedarf an Energie weiter steigen und dieser Bedarf will gedeckt sein. Die Stadtwerke Heidenheim sind bundesweit gut aufgestellt bei der Erzeugung erneuerbarer Energien. Insgesamt erzeugen die Erneuerbaren-Energien-Anlagen, an denen die Stadtwerke beteiligt sind, rund 463 Millionen Kilowattstunden Strom jährlich und umfassen eine Leistung von rund 228.130 Kilowatt. Im Stadtteil Großkuchen ist ja bereits der Windpark Nattheim in Betrieb. Hier ist auch der Solarpark Kleinkuchen auf einer Fläche von 22 Hektar geplant. Eine erste Phase der Bürgerbeteiligung ist hier schon abgeschlossen.

Gegen den Solarpark regt sich Widerstand. Kritisiert wird unter anderem der Verbrauch landwirtschaftlicher Fläche.

Man erwartet von der Politik immer einfache Lösungen, aber so einfach ist es nicht. Ich verstehe, dass jede Veränderung einen gewissen Widerstand hervorruft. Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, denn alles fließt und nichts bleibt, lautet ein Sprichwort. Die Dinge verändern sich und wir benötigen Energie. Wenn argumentiert wird, es gingen landwirtschaftliche Flächen für die Lebensmittelerzeugung verloren, sollte man sich fragen, ob nicht auch auf landwirtschaftlichen Flächen bisher schon viel für die Energieerzeugung produziert wird. Wir prüfen auch das Thema Agri-PV, also Photovoltaikmodule, die weiterhin eine intensive landwirtschaftliche Nutzung des Gebietes erlauben. Das ist aber eine Entscheidung des Investors. Und diese Technologie ist wahrscheinlich noch nicht ausgereift, die Ausbeute ist sehr gering. 

Aalen und Heidenheim werden Smart Cities. Was steckt hinter dem Begriff?

Für die Smart-City-Initiative haben wir zusammen mit der Stadt Aalen 17,5 Millionen Euro Fördergelder von der Bundesregierung erhalten. Hier geht es darum, Prozesse zu digitalisieren. Ein Beispiel ist die Sensorik an Pflanzbeeten. Bisher wässert die Stadtgärtnerei einfach alle Beete regelmäßig. Nun erheben Sensoren den Bedarf, und der Wassereinsatz erfolgt bedarfsorientiert und ressourcenschonend. Sensoren werden auch für die intelligente Parkraumüberwachung eingesetzt. Ein anderes Beispiel ist der digitale Zwilling: Die ganze Stadt wird digital abgebildet, inklusive aller Leitungen, die im Boden verlaufen, und des Flächenkatasters. 

Welche Schwerpunkte setzen Sie in der Wirtschafts- und strukturpolitik?

Man kann politisch vielleicht die Grundpfeiler vorgeben. Aber es sind 50.000 Menschen, die Heidenheim prägen, zum Beispiel Selbstständige, Kreative, Ehrenamtliche. Dieses Potenzial zu entfalten und umzusetzen, das ist echte Bürgerbeteiligung. Wir als Verwaltung sind hier wie ein Architekt beim Hausbau. Beispiele sind Firmengründungen– für die unser DOCK 33 zur Verfügung steht-, Naturtheater, 1. FC Heidenheim und viele mehr.Große Unternehmen wie Voith, Hartmann, Edelmann und Schwenk sind nicht nur Arbeitgeber und Steuerzahler, sondern prägen auch die Stadt.Mit diesen wichtigen Unternehmen besteht ein ständiger Austausch. Das gilt aber auch für kleine und mittelständische Betriebe. Besonders hervorzugeben ist die Identifikation der Firmen mit der Region. Wir wollen wiederum die Stadt so attraktiv machen, dass für Fach- und Führungskräfte der Firmen ein lebenswerter Ort ist.

Fachkräftemangel betrifft weite Teile der Wirtschaft…

…aber auch der Verwaltung. Im öffentlichen Dienst wird es bis 2030 rund 1,3 Millionen unbesetzte Stellen geben. Das heißt, wir stehen mit der Privatwirtschaft in Konkurrenz. 

Wie beschäftigt die Stadt Heidenheim der Klimawandel?

Es ist sicher eine Herausforderung, die uns auch hier in der Region beschäftigt. In Gebieten wie etwa dem Rhein-Neckar-Raum könnten steigende Temperaturen zu einer Abwanderung führen, in unserer Region eher zu einer Zuwanderung. Zur Nachhaltigkeitsstrategie gehört etwa unser Radwegekonzept, das wir umsetzen. Das ist in einer gewachsenen Stadt natürlich immer mit Schwierigkeiten verbunden. Wichtig ist die gegenseitige Rücksichtnahme, ohne die wir nicht auskommen.

Heidenheims bundesweites Aushängeschild, der Fußballclub FCH hat in dieser Saison einen regelrechten Lauf. Worauf führen Sie das zurück?

Das liegt zum einen an der gelebten Kontinuität. Frank Schmidt ist ja seit mittlerweile 15 Jahren Trainer. Aber auch die Nachwuchsarbeit und die Talentsichtung sind vorbildlich. Der Teamspirit beim FCH ist ein ganz besonderer.

Abgesehen von der Voith-Arena, was sind Ihre Lieblingsorte in Heidenheim?

Das ist zum einen der Blick vom Schloss Hellenstein, ein herrliches Panorama. Und das Uhuloch an der Stadtmauer, hier wird die Geschichte der Stadt lebendig.

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