Heiße Luft für die Wärmewende

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Bei vielen industriellen Prozessen entsteht Abwärme, die anderweitig genutzt werden kann.
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Unternehmen sollen der Stadt Ellwangen und ihrem Partner ODR melden, wo bei ihnen Abwärme entsteht, die andernorts sinnvoll zum Heizen genutzt werden kann.

Ellwangen

Fast alle Ellwanger Unternehmen haben Post von der Stadt mit Fragen erhalten: Wie viel Energie verbraucht der Betrieb, wie viel davon geht für Wärme drauf?Welche Brennstoffe und Energiequellen kommen zum Einsatz? Entsteht Abwärme – etwa durch Motoren, Server oder Kühlanlagen –, die genutzt werden kann?

Dies Fragen sind Teil der kommunalen Wärmeplanung. Das Klimaschutzgesetz des Landes verpflichtet alle Großen Kreisstädte, bis Ende 2023 einen entsprechenden Plan zu erstellen. Und Ellwangen möchte Vorreiter sein. Partner ist das ortsansässige Energieunternehmen EnBW ODR. „Wir Kommunen haben ein unglaubliches Potenzial, Energie einzusparen und zum Klimaschutz beizutragen“, betont OB Michael Dambacher: „Mit unserem  lokalen Partner EnBW ODR können wir viele Synergien nutzen.“

Das Energieunternehmen übernimmt die Federführung bei dem Prozess in vier Schritten: Im ersten Schritt wird das Potenzial abgefragt. Im Blick sind einerseits die Privathaushalte. Stadtwerke, ODR, aber auch Bezirksschornsteinfegermeister teilen ihre Daten – welche Netze bestehen, welche Heizwerte und Emissionen kennzeichnen die einzelnen Haushalte?

Besonders interessant sind die Unternehmen. Wie Wirtschaftsförderin Verena Kiedaisch berichtet, ging die Post an 280 Unternehmen in Industrie, Gewerbe und Handwerk, aber auch Pflegeeinrichtungen, Seniorenheim, Schulzentren und Kindergärten raus: „Alle, von denen wir angenommen haben, dass sie höhere Verbräuche haben.“

Erhoben wird, ob die Unternehmen mit Heizöl, Erdgas, Pellets oder Strom heizen, ob Abwärme etwa als Dampf oder Abwasser anfällt und ob die Firmen bereit sind, überschüssige Wärme auszukoppeln, abzugeben oder zu verkaufen.

Zweiter Schritt: die Potenzialanalyse. Wo kann Ellwangen Energie einsparen, welche Potenziale für erneuerbare Energie existieren, wo existiert Abwärme, die sinnvoll verwendet werden kann, wo ist Kraft-Wärme-Kopplung, wo sind Verbünde möglich?

Es folgt ein Zielszenario. In einer Landkarte werden Gebieteeingezeichnet, die sich für Nah- und Fernwärmenetz eignen, die Eignung der einzelnen Dachflächen für Photovoltaik werden dargestellt.

Der städtische Energiemanager Olaf Butz weist allerdings auf den großen Bestand historischer Gebäude in der Ellwanger Altstadt hin. Zum Beheizen dieser Gebäude ist relativ viel Energie nötig, die Nutzung erneuerbarer Quellen ist hier schwieriger. Andererseits kann das warme Rücklaufwasser dieser alten Heizungen für ein Nahwärmenetz in einem Neubaugebiet verwendet werden. Im Blick hat Ellwangen das Gelände der ehemaligen Kaserne. „Dieser neue Stadtteil kann als erster klimaneutral werden“, sagt Volker Engelhardt, technischer Leiter der Stadtwerke Ellwangen.

„Der Gedanke, dass jeder seine eigene Heizung im Keller braucht, wird sich ein Stück weit auflösen“, macht OB Dambacher deutlich. Die Lösung liege darin, entsprechende Nahwärmenetze zu konzipieren. Auch damit könne man dem Ziel näherkommen, nicht nur kommunale Liegenschaften, sondern das ganze Stadtgebiet hinsichtlich Wärme klimaneutral zu gestalten.

Wie viel Erdgas Ellwangen pro Jahr verbraucht

Sebastian Maier, Vorstand der EnBW ODR AG, sieht es als großes Plus der Wärmeplanung, Transparenz zu schaffen. Durch die Ukrainekrise habe das Thema Energieversorgung, speziell die Erdgas-Problematik „deutlich mehr Drive“ erfahren, so der Manager. Im Erdgas sieht Maier eine Übergangstechnologie, die noch einige Jahre benötigt werde, um den Energiebedarf zu decken. Fast 40 Prozent des Gasverbrauchs, so Maier, entfalle auf die in letzter Zeit verstärkt installierten Blockheizkraftwerke, die Strom erzeugen und die Abwärme nutzen.

Volker Engelhardt von den Stadtwerken findet ein Bild für die Menge Erdgas, die im Ellwanger Stadtgebiet verteilt wird: „Angenommen, wir würden das Gas durch Hackschnitzel ersetzen, so wäre hierfür jedes Jahr ein Würfel mit einer Kantenlänge 60 Metern nötig.“ Drei bis fünf Jahre, so schätzen die Experten am Beispiel Ellwangens , wären mindestens notwendig, um eine Unabhängigkeit vom russischen Gas zu erreichen.

Auch diese Überlegungen flißen in die Wärmewendestrategie und ihre konkreten Maßnahmen ein: So legt die Stadt Bebauungspläne fest, Vereinbarungen mit Unternehmen werden getroffen, Öffentlichkeitsarbeit informiert die Bürger über das Vorgehen. An der Hochschule Aalen wird eine zentrale Beratungsstelle für kommunale Wärmeplanung eingerichtet. Auch Hilfestellungen zu möglicher Förderung wird es geben.

Stefanie Stengel-Mack, Kommunalmanagerin bei der ODR hofft, dass sich möglichst viele Unternehmen beteiligen: „Jetzt haben wir die Chance, aktiv die Wärmewende zu gestalten.“ Ganz konkret werden die Ellwanger Partner bis Ende 2023 fünf Maßnahmen definieren, die innerhalb von fünf Jahren umgesetzt werden müssen.

„Jetzt haben wir die Chance, aktiv die Wärmewende zu gestalten.“

Stefanie Stengel-Mack, EnBW ODR

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