Im Tesla zur letzten Ruhestätte

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Achim Heidle leitet den Betrieb bei der Binz International in Gmünd – einst war er Geschäftsführer der Lorcher Binz-Tochter PB Composit.
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Ein kleines Team unter britischer Führung tritt auf dem Gmünder Gügling in die Fußstapfen des in Lorch geschlossenen Unternehmens Binz und fertigt Leichenwagen.

Schwäbisch Gmünd

Lautlos zur letzten Ruhestätte gleiten. Das geht, wenn der Leichenwagen ein Tesla ist. Der Spezialfahrzeughersteller Binz International in Schwäbisch Gmünd macht aus dem Elektroauto ein Bestattungsfahrzeug. In der Halle auf dem Gügling sind neun Mitarbeiter mit dem bestattungsgerechten Umbau von Mercedes E-Klasse und Tesla Model S zugange. Zwei Wagen pro Monat verlassen die Fabrik - in Kürze sollen es vier sein.

Wen das alles stark an die 2019 nach der Insolvenz geschlossene Lorcher Firma Binz erinnert, der liegt richtig: Binz International – beziehungsweise sein Mutterkonzern Woodall Nicholson aus dem britischen Manchester – hat sich nicht nur die Namensrechte gesichert, sondern auch das Recht, Bestattungsfahrzeuge mit den gleichen Verfahren wie einst in Lorch zu bauen: nur eben zunächst in kleinerem Stil. Während in Lorch mit 54 Mitarbeitern zudem Stretchlimousinen, Behördenfahrzeuge und früher auch Ambulanzfahrzeuge entstanden, haben sich die Gmünder auf das Geschäft mit den Bestattungswagen konzentriert. An den Start ging die Firma Anfang des Jahres im Gewerbegebiet Gügling.

Woodall Nicholson ist in Großbritannien selbst der wichtigste Bestattungswagenbauer. Die deutsche GmbH unter britischer Führung baut die Mercedes-Modelle für Deutschland und die Nachbarstaaten aus, die Teslas zusätzlich auch für den britischen Markt. "In Großbritannien, Schweden und Schweiz ist der Tesla als Bestattungswagen sehr gefragt, in Deutschland gibt es noch Nachholbedarf", sagt Betriebsleiter Achim Heidle, der gemeinsam mit Sascha Heinemann das Heft in Gmünd in der Hand hat. Heidle selbst war bis zur Insolvenz und Abwicklung Geschäftsführer der Lorcher Binz-Tochtergesellschaft Composit GmbH.

Die Kunden der neuen Binz International sind große und kleinere Bestattungsunternehmen. Sie lassen von Binz International die Autos über einen Rahmenvertrag kaufen oder besitzen sie bereits selbst und geben sie nach Gmünd zum Umbauen. Ein neuer Leichenwagen auf Tesla-Basis kostet je nach Ausstattung 170 000 bis 180 000 Euro, bei der Mercedes E-Klasse sind es 125 000 bis 147 000 Euro.

Achim Heidle erklärt die einzelnen Arbeitsschritte: Wie die Spezialisten die Fahrzeuge zerlegen, hinter der A-Säule zersägen und das Fahrgestell um einen Meter oder mehr verlängern. Beim Mercedes ist diese Verlängerung aus Metall, beim Tesla aus Aluminium. Mittels selbsttragender Sandwichtechnologie aus glasfaserverstärktem Kunststoff werden die verlängerte Karosserie, das erhöhte Dach und die Heckklappe gestaltet.

In der Schweiz sind Tesla-Leichenwagen sehr gefragt.

Achim Heidle Betriebsleiter Binz International

Auch die Innenausstattung passiert in der Werkshalle, einige Bestandteile werden mit Teppichbodenstoff bezogen. Vor die Fenster kommen Gardinen, oder die Experten bauen elektronisch gesteuerte selbsttönende Scheiben ein. Der Binz.E auf Tesla-Basis ist 5,82 Meter lang, 1,86 Meter breit und am Heck 1,72 Meter hoch. Damit könne er neben dem Sarg auch ausreichend Ausrüstung aufnehmen, heißt es bei Binz. Übrigens kommt auch bei Urnenbeisetzungen stets ein großer Bestattungswagen zum Einsatz. "Die Wagen besitzen außer einer Sargablage auch einen speziellen Behälter für die Urne", erklärt Heidle.

Brexit könnte die Situation komplizierter machen

Die Geschäftsführung der deutschen Woodall Nicholson Binz International GmbH selbst sitzt in England. Auf den nahenden - womöglich harten – Brexit sieht man daher in Gmünd nicht ohne Sorge. Möglicherweise könnte es Schwierigkeiten beim Geldfluss zwischen den beiden Ländern kommen. Auch, dass wie bisher die Fahrzeuge Bearbeitungsschritte in beiden Ländern durchlaufen, dürfte schwieriger werden. Bislang wurden die Mercedes-Modelle in England verlängert und in Deutschland umgebaut – in einigen Wochen wird dann nur noch in Gmünd verlängert.

Neu ist außerdem eine werkseigene Lackieranlage, die bereits auf ihren Betrieb wartet. In der Zukunft peilt Heidle an, für externe Kunden den Innenausbau von Kastenwagen wie beispielsweise des Mercedes-Benz Vito und des VW T6 zu übernehmen. "Mit den Projekten wird auch die Mitarbeiter-Mannschaft wachsen", gibt sich der Betriebsleiter zuversichtlich.

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