Jäger der verborgenen Firmenschätze

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Seit 2001 gehen die Firmenhistoriker in Firmenarchiven auf Spurensuche und bereiten diese strukturiert auf.
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Mit seiner Geschichtsagentur „D.I.E. Firmenhistoriker“ hat der Aalener Dr. Rainer Lächele in 20 Jahren zahllosen Firmen zu Chroniken, Archiven oder sogar Museen verholfen.

„Große Geschichte spiegelt sich im Kleinen.“

Dr. Rainer Lächele, Historiker

Aalen

Als sich Rainer Lächele einmal im Keller eines Sparkassengebäudes vorantastete, blieb sein Sakkoärmel an einem Schriftstück hängen. Er zog das staubige Papier aus dem Regal und hatte das einzige Original der Sparkassen-Gründungsurkunde in der Hand. Für solche Funde lebt und arbeitet Lächele seit inzwischen 20 Jahren. Mit seinem Team von 17 Festangestellten gräbt er im Auftrag von Unternehmen in deren Geschichte, birgt, ordnet und katalogisiert die Funde und bereitet sie als Archive, Bücher, Videos, Ausstellungen oder Museen auf.

Zur Mannschaft der Firmenhistoriker gehören neun Historikerinnen und Historiker, aber auch Text-Profis und mit Martin Burkhardt ein waschechter Archivar. Die Liste der Kunden in 20 Jahren ist fast endlos, sie reicht von Versorgungsunternehmen über Banken und Industriebetriebe bis hin zu Ortsverwaltungen und Adelshäusern – und wird immer länger. „Bis Herbst 2022 sind wir ausgebucht“, sagt Lächele.

Dabei war der Aalener 2001 selbst skeptisch, ob sich mit Geschichte in großem Stil Geld verdienen lässt. Nach seiner Promotion und Habilitation ließ damals – wie in der akademischen Welt üblich – eine Professorenstelle auf sich warten. Stattdessen machte sich Lächele selbstständig und gründete in seinem Reihenhaus-Keller die Firmenhistoriker.

Beziehungsweise „D.I.E. Firmenhistoriker“, so heißt die Firma offiziell. Für die Abkürzung hat Lächele zwei Erklärungen. Die poetische: Sie steht für „Die intelligenten und ehrlichen Firmenhistoriker“. Die prosaische: Die IHK Ostwürttemberg wollte „Firmenhistoriker“ alleine nicht akzeptieren, da es als Berufsbezeichnung nicht benutzt werden dürfe. Intelligent und ehrlich, aber auch akribisch und unermüdlich wühlen sich die Forscher durch Unterlagen, bei den beauftragenden Firmen, bei ihren Geschäftspartnern, in Archiven. Das sind oft Konzerne, die ihre Bestände ordnen und sich durch Traditionspflege abheben möchten. Oder Familienunternehmer, die wissen wollen, was der Großvater eigentlich getrieben hat. Oft geht es um Firmenjubiläen. In der Anfangszeit der Agentur spielte die Frage nach Entschädigungen für Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle.

Nicht alles, was das Team ausgräbt, trägt zum Ruhm der Auftraggeber-Firmen bei. Gab es Produktionskrisen oder Erbstreitigkeiten in der Eigentümerfamilie? Profitierte der Betrieb von der sogenannten Arisierung oder beschäftigte Zwangsarbeiter? „Ohne eine Aufarbeitung der NS-Zeit ist Firmengeschichte bei älteren Unternehmen nicht zu machen“, betont Lächele. Nur ein einziges Mal habe sich ein Firmenverantwortlicher gegen eine Veröffentlichung der Forschungsergebnisse ausgesprochen.

Die Sache mit den Metzgern

In vielen Fällen haben die Weltkriege Firmengeschichte beeinflusst: „Da fiel der designierte Nachfolger des Firmenchefs im Krieg, und plötzlich musste der musisch veranlagte Bruder Rasierklingen produzieren“, sagt Lächele.

Er findet: „Die große Geschichte spiegelt sich im Kleinen.“ Wie bei der 1613 gegründeten Papierfabrik am Weißen Kocher in Unterkochen, die im Dreißigjährigen Krieg von schwedischen Truppen einkassiert wurde. Heute gehört die Nachfolgefabrik wiederum zum schwedisch-finnischen Konzern Ahlstrom Munksjö.

Für jüngere Firmengeschichte helfen Interviews mit Zeitzeugen: „Die wissen Dinge“, sagt Lächele, dessen Agentur seit 2008 in Räumen der Aalener Löwenbrauerei arbeitet, „die in keiner Akte stehen.“ Warum galt jemand als Patriarch? Oder, konkret: Warum hat die Maschinenbaufirma Mann+Hummel zwei Metzger beschäftigt? Antwort: weil sie ihren Mitarbeitern als Boni verbilligte Maultaschen verkaufte.

Im Tübinger Museum der Walter AG sind solche Zeitzeugeninterviews auf Bildschirmen neben Exponaten und Schautafeln zu sehen. Die Konzeption und Gestaltung des Unternehmensmuseums für den Metallkonzern war das bislang umfangreichste Projekt der Firmenhistoriker.

Weitere Projekte dieser Art dürften folgen, versichert Lächele. Der 60-Jährige selbst befasst sich kaum noch mit dem Aufstöbern alter Patenturkunden oder dem Wälzen von Kassenbüchern. Er kümmert sich um das große Ganze, das Management. Und um die Zukunft der Firmenhistoriker – sollte er selbst einmal aufhören.

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