Klartext: Wann das Gas abgedreht wird

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Über Energiepreise und Versorgungssicherheit diskutierten IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler (links) und Handwerkskammer-Präsident Joachim Krimmer (rechts) mit ODR-Vorstand Frank Reitmajer.
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Frank Reitmajer, Vorstand der EnBW ODR, sieht im Gespräch mit Wirtschaftsvertretern schwierige Zeiten für Gas- und Stromversorgung sowie hohe Preise voraus.

Königsbronn

Wie steht es um die Energieversorgung im Winter? „Es wird eng“, prophezeite ODR-Vorstand Frank Reitmajer beim Wirtschaftsgespräch Ostwürttemberg. Seit 2013 laden IHK, Handwerkskammer und die Kreise Heidenheim und Ostalb Verantwortliche aus den Unternehmen in die Hammerschmiede Königsbronn ein, um über aktuelle Fragen zu diskutieren. Dieses Jahr drehte sich alles um die drängenden Themen der explodierenden Energiepreise und der gefährdeten Versorgung.

Für Reitmajer, der als kaufmännischer Vorstand das Versorgungsunternehmen EnBW ODR mit Sitz in Ellwangen und rund 600 Mitarbeitern leitet, lag die unternehmerische Herausforderung der vergangenen Jahre in der Umsetzung der Energiewende. Der Ukraine-Krieg hat hier völlig neue Fakten geschaffen: Russland fiel als verlässlicher Handelspartner weg – und damit wohl auch die Nutzung von Erdgas als Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität.

Insgesamt importiere Deutschland jährlich rund 900 Terawattstunden Gas. Die Hälfte davon kam 2021 aus Russland. Die Industrie verbraucht rund 260 Terawattstunden, die Haushalte, die Strom- sowie die Wärmeerzeugung je 250 Terawattstunden. Die Gasspeicher mit ihrem Fassungsvermögen von 240 Terawattstunden wären im Fall der Fälle „in zwei, drei, vier Wochen leer“, so Reijmajer.

Also, das russische Gas ersetzen – aber wie? Durch den Umstieg auf Kohle in der Stromerzeugung, durch Einsparungen in Haushalten, Gewerbe und Industrie sowie zwei schwimmende Flüssigerdgasterminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel, die aber bis Januar funktionieren müssen: „Sonst haben wir die gewaltige Fehlmenge von 200 Terawattstunden.“ 

Die Großhandelspreise für 2023 lieferbares Gas hätten sich von Januar 2021 bis August 2022 bereits ver-15-facht, die Strompreise an der Börse verzehnfacht. Während Durchschnittshaushalte bereits 2022 monatlich 100 Euro mehr für Gas und 200 Euro mehr für Strom zahlten als im Vorjahr, könnte es bei Kunden einzelner Versorger nochmals um 100 Prozent nach oben gehen – für Strom und Gas. „Bei Industriekunden kommen gestiegene Gas- und Stromkosten noch schneller an“, so der ODR-Vorstand.

Und im Ernstfall?

Auf die Frage eines Handwerkers nach dem Vorgehen im Ernstfall, sprach Reitmajer Klartext: Auf Aufforderung der Bundesnetzagentur könnten zuerst große industrielle Anlagen mit mehr als zehn Megawatt Leistung vom Gasnetz genommen werden. Wenn das nicht ausreiche, seien Anlagen über 140 Kilowatt an der Reihe. Wenn schließlich der Druck im Gasnetz unter drei Bar sinke, würden Teilnetze ausgeschaltet, also auch für die Haushalte. „Das wäre für uns der größte Gau“, räumt Reitmajer ein. „Problematisch ist nicht das Ausschalten, sondern das Wiederanstellen“. Das müssen Fachleute machen, und es könne für alle Haushalte in einem ein Gebiet Monate dauern. Wenn dann noch viele auf stromintensive Heizlüfter setzten, könne sogar zusätzlich der Strom abgestellt werden.

„Polta: Die Summe macht's“

Neben Sparsamkeit sieht Reitmajer vor allem einen starken Ausbau der Erneuerbaren Energien und der Netze als Schlüssel, um sich von der Erdgas-Abhängigkeit zu befreien. Diese Kraftanstrengung sei machbar, wie IHK-Hauptgeschäftsführer und Moderator Thilo Rentschler betonte: „In einer solchen Situation sind deutsche Ingenieurs- und Handwerkskunst gefragter denn je.“ IHK-Präsident Markus Maier beschwor den Schulterschluss aller Akteure: „Wir werden uns gemeinsam und mit aller Kraft gegen negative konjunkturelle wie strukturelle Einwirkungen auf die Region stemmen.“

Heidenheims Landrat Peter Polta führte viele kleine Energiesparbemühungen im öffentlichen wie privaten Raum an: „Die Summe macht's“. Für Joachim Krimmer, Präsident der Handwerkskammer Ulm, liegt der Ball bei der jungen Generation: „Der Umstieg auf erneuerbare Energien bedeutet eine unheimliche Arbeit. Wenn junge Leute den Energiewandel wollen, dann müssen sie eine Lehre im Handwerk oder in der Industrie beginnen.“

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