Kretschmann besucht Palm und Zeiss

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Ministerpräsident Kretschmann besucht den Ostalbkreis.
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Der Ministerpräsident besucht bei seiner Tour im Ostalbkreis die Papierfabrik Palm und den Zeiss-Konzern – und verlässt die Ostalb sichtbar von der hiesigen Technologie beeindruckt.

Aalen/Oberkochen. Da schaut man einmal nicht zur Tür – plötzlich steht der Ministerpräsident am Arbeitsplatz. Winfried Kretschmann wirft ein freundliches „Grüß Gott miteinander“ in den Kontrollraum der Papierfabrik Palm. Dann lässt er sich von Firmeninhaber Wolfgang Palm das Herz der Fabrik in Aalen-Neukochen erklären. Auf acht Bildschirmen verfolgen die Mitarbeitenden das Geschehen an der Papiermaschine. „Früher standen sie noch direkt an der Maschine und haben Hebel bedient, heute läuft alles vollautomatisiert“, erklärt Palm – und teilt dem staunenden Ministerpräsidenten hernach mit, dass in der neuen Papiermaschine am Standort mehr Sensoren verbaut sind als in einem Jumbo-Jet. 

Beeindruckend für Kretschmann ist der Grad der Nachhaltigkeit bei der neuen Fabrik. 200 000 Tonnen pro Jahr werden über den neu gebauten Gleisanschluss transportiert, die Papierfabrik benötigt viel weniger Strom als die alte und ist damit europaweit führend – und die Fabrik ist die erste weltweit, über der keine sichtbaren Dampfschwaden von der Papiertrocknung erscheinen. Imponiert hat Kretschmann das Tempo des Neubaus – und der notwendigen Genehmigungen: „Wir sind nicht so langsam wie man manchmal denkt.“ 

Nicht nur bei der neuen, mehr als eine halbe Milliarde Euro teuren Papierfabrik macht der Ministerpräsident am Freitag Halt. Danach lässt er sich bei Zeiss am Standort der Halbleitersparte im Gewerbegebiet Oberkochen/Königsbronn in die Hochtechnologie der Chipproduktion einführen. „Zeiss ist ein absoluter Technologieführer. Wir sind mächtig stolz, ein solches Unternehmen im Land zu haben“, erklärt der Ministerpräsident. Ohne Technologie aus Oberkochen gebe es keine Chips der neuesten Generationen. „Das zeigt uns, über welche Schlüsseltechnologie wir in Baden-Württemberg verfügen.“

Der Weg zu den kleinsten Chips der Welt – ein neues Smartphone verfügt über 12 Milliarden Transistoren, die Apollo 11 landete einst mit 10 000 Transistoren auf dem Mond – ist langwierig, teuer und steinig. So hat Zeiss bereits in den 2000er-Jahren in jene EUV-Technologie investiert, die heute State-of-the-Art und weltweit unübertroffen ist. Ein Geheimnis sind die Spiegel, mit denen die Strukturen auf die immer kleineren Chips geschrieben werden. 

Am Anfang, so erklärt Dr. Burkhard Kneer von Zeiss bei der Führung, steht ein ziemlich unförmiger, mehrere hundert Kilogramm schwerer Keramikblock, der in mühevoller und detaillierter Arbeit zu einem Spiegel wird, der, in den Sub-Mikrometer-Bereich genau bearbeitet, das EUV-Licht bündelt. Zunächst wird der Block zu einem Spiegel geschliffen. Bereits hier sind spezielle und innovative Maschinen im Einsatz, die von Zeiss gemeinsam mit Partnern in jahrelanger Kooperation entwickelt und eingestellt wurden. Mehrere hundert Stunden wird geschliffen, vermessen und wieder geschliffen. Bereits bei diesen Prozessen muss die Genauigkeit auf den Mikrometer genau passen. „Je besser und genauer geschliffen wird, desto geringer ist der Arbeitsaufwand bei den nachfolgenden Schritten“, erklärt Zeiss-Ingenieur Martin Timm. Was nicht heißt, dass die Spiegel fertig sind. Im Gegenteil: Noch filigraner wird es beim Polieren und Beschichten. Viele Arbeitsschritte müssen im Vakuum erfolgen, einige im Reinraum. „Für die High/NA-Spiegel der neuesten Generation, die bald in Serie gehen werden, dauert die Fertigung der Spiegel aktuell ein ganzes Jahr“, so Kneer. Grundsätzlich gilt, so sagt er: Je kleiner die Chips, desto größer sind die notwendigen Spiegel und Optiken und desto genauer müssen deren Oberflächen sein. Und absolut glatt bedeutet bei Zeiss: absolut glatt.

Durch diese Technologie sind Zeiss und seine Partner ASML, der die eigentlichen Chipfertigungsmaschinen herstellt und Trumpf, der für die Lasertechnologie verantwortlich zeichnet, weltweit führend. Entsprechend wächst die SMT und mit ihr der Standort in Oberkochen. 700 Millionen Euro hat Zeiss seit 2011 in Oberkochen investiert, weitere mehr als 250 Millionen Euro folgen bis 2025. Die Halle 5 wird erweitert, die Planungen für eine neue Halle 10 laufen. „Der Platz wird eng“, sagt Vorstandschef Dr. Karl Lamprecht. Auch die weiteren drei Geschäftsbereiche florieren. Folge: Für das Geschäftsjahr 2021/2022 prognostiziert Lamprecht im Pressegespräch einen Konzernumsatz von 8,2 Milliarden bis 8,3 Milliarden Euro. 

Für Kretschmann war der Besuch laut eigener Aussage „ein Augenöffner, welches Paradebeispiel an Weltmarktführer hier im beschaulichen Oberkochen zu Hause ist“. Baden-Württemberg zeichne aus, dass man kein Zentrum mit Weltmarktführern habe, sondern dass diese in der Fläche verteilt seien. „Zeiss hat die Chipfertigung auf ein völlig neues Level gehoben und ist die Herzkammer Europas für die Halbleitertechnologie“, so Kretschmann. Der Konzern helfe mit seiner Technologie dabei, die Unabhängigkeit im Chipmarkt zu sichern. „Wir müssen angesichts der Krisen Abhängigkeiten abbauen und Europa auf eigene Beine zu stellen.“

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