Kritik an Hartmann-Plänen

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Unruhe am Stammsitz von Hartmann in Heidenheim: Von dort soll die Produktion nach Polen verlagert werden. 120 Mitarbeiter sind betroffen. Archivfoto: Hartmann
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Im vergangenen Jahr hat Hartmann einen Rekordumsatz erzielt. Dennoch will der Konzern nun seine Produktion in Heidenheim schließen. Davon wären 120 Mitarbeiter betroffen.

Heidenheim.

Dank der hohen Nachfrage nach Desinfektionsmitteln und Schutzbekleidung hat Hartmann 2020 einen Rekordumsatz erzielt: Die Erlöse stiegen um 15 Prozent auf 2,433 Milliarden Euro. Unterm Strich blieb ein operativer Gewinn von mehr als 292 Millionen Euro. Dennoch will der Konzern nun sparen und die Produktion am Stammsitz Heidenheim ins Ausland verlagern. 120 Mitarbeiter sind von den Plänen betroffen. Die IG Metall übt Kritik an den Plänen, die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier und der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Stoch mahnen zu weiteren Gesprächen.

Hartmann hat angekündigt, die Heidenheimer Produktion an einen neuen Standort in Polen zu verlagern. Dort plant die Firma den Aufbau einer Fabrik. In Polen lasse sich, so die Argumentation, wettbewerbsfähiger produzieren. Dort will der Konzern auf einem 17 000 Quadratmeter großen Grundstück ein neues Produktionsgebäude für den Bereich Wundmanagement errichten. Bis Ende 2023 soll damit die letzte Fertigungsstätte am Stammsitz geschlossen werden, mit der Verlagerung werde im zweiten Quartal 2022 begonnen, so ein Unternehmenssprecher.

Es wäre eine Zäsur, Hartmann produziert seit mehr als 200 Jahren in Heidenheim. Zudem schließt der Konzern im Zuge der Verlagerung auch betriebsbedingte Kündigungen nicht aus. „Es ist unser Ziel, mit dem Betriebsrat gute Lösungen für die betroffenen Mitarbeiter zu erarbeiten“, erklärt der Sprecher weiter. Hartmann befinde sich in einem herausfordernden Markt- und Wettbewerbsumfeld. Die Ursachen seien beschränkte Budgets bei einer stetig steigenden Nachfrage nach Behandlungen.

In einem Gespräch mit Breymaier und Stoch unterstrichen Arbeitnehmervertreter ihre Kritik an dem Plan und an der aus ihrer Sicht bisher mangelnden Kommunikation der Konzernführung. Warum die Produktion am Stammsitz sich nicht mehr lohne, sei bislang nicht detailliert begründet worden. Das nähre in der Belegschaft den Verdacht, dass die mögliche Produktionsverlagerung nach Polen allein der Gewinnmaximierung dienen könne. Ralf Willeck von der IG Metall kritisiert, dass Hartmann bereit sei, 50 Millionen Euro für ein neues Werk in Polen zu investieren, ohne vorher wirklich ernsthaft geprüft zu haben, ob diese Summe, falls sie in Heidenheim investiert würde, nicht zu ähnlichen Verbesserungen führen würde, jedoch mit dem wesentlichen Unterschied, dass keine Arbeitsplätze verloren gingen.

Stoch und Breymaier begrüßen die Idee, dass die Konzernspitze ihre Kalkulationen vorlegt, damit Betriebsrat und Gewerkschaft sie von eigenen Experten prüfen lassen können. „Sollte danach ein Dialog mit der Geschäftsführung stattfinden, so sind wir gerne bereit, daran mitzuwirken“, so Stoch und Breymaier. Die beiden Politiker treibt die Sorge um den Standort Heidenheim um. „Industrielle Produktion hat Heidenheim zu dem gemacht, was es heute ist“, so Stoch: „Es macht mir immer Sorgen, wenn ein Heidenheimer Unternehmen dieses Herzstück unseres Erfolgs ganz entfernen möchte.“ Breymaier verweist auf die Erfahrungen der Corona-Krise: „Wir haben doch erkannt, wie verletzlich gerade unser Gesundheitswesen wird, wenn alles aus dem Ausland importiert wird. Im Zweifelsfall brauchen wir die nötigen Produkte hier und nicht in einem Lkw-Stau jenseits einer Grenze.“

Der Schritt Hartmanns verwundert beim Blick auf die Rekordzahlen des vergangenen Jahres. Allerdings hatte der Konzern das rapide Wachstum vor allem der Desinfektionsmanagement-Sparte zu verdanken. Deren Umsatz war wegen der großen Nachfrage nach Desinfektionsprodukten um 60 Prozent gewachsen. Die anderen Sparten, allen voran das Wundmanagement, für das am Standort Heidenheim derzeit noch Produkte gefertigt werden, verzeichneten sinkende Umsätze.

Schon länger verfolgt die Vorstandschefin Britta Fünfstück ein „Transformationsprogramm“, mit dem sie die Kosten senken und die Innovationsgeschwindigkeit steigern will. Sie verweist zudem auf den steigenden Kostendruck in den Gesundheitssystemen auf der Welt. „Die Sondereffekte durch die Pandemie dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Covid-19 die Marktteilnehmer der Gesundheitssysteme und damit auch uns vor große Herausforderungen stellen wird“, erklärte Fünfstück bei der Vorlage der Zahlen im März. „2021“, so Fünfstück weiter, „wird ein herausforderndes Jahr für die Hartmann-Gruppe und die gesamte Branche.“

Genau das zeichnet sich auch im ersten Quartal ab: Die Desinfektionssparte legte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur noch um 24 Prozent zu. Insgesamt gingen die Erlöse des Konzerns um 1,7 Prozent zurück. Die Zahl der Operationen sinkt aufgrund der Pandemie weltweit, auch Produkte aus dem Bereich Inkontinenzmanagement waren weniger gefragt, weil weniger Menschen in Krankenhäuser und Pflegeheimen untergebracht sind als vor der Pandemie. Fünfstück: „Die Corona-Pandemie wirkt sich in einigen Geschäftsbereichen deutlich negativ auf den Geschäftsverlauf aus. Für uns ist es daher weiter maßgeblich, unser Transformationsprogramm konsequent und erfolgreich umzusetzen.“

Industrielle Produktion hat Heidenheim zu dem gemacht, was es heute ist.“

Andreas Stoch, SPD-Landtagsabgeordneter

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