Landesbank warnt vor längerem Lockdown

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Gerold Deppisch.
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LBBW-Ökonomen sehen 250.000 Jobs im stationären Einzelhandel gefährdet – Digitalisierungs-Hilfen und höhere Mehrwertsteuer für Online-Verkäufe gefordert.

Stuttgart

Unmittelbar vor den Beratungen von Bundesregierung und Landesregierungen zu den Pandemie-Maßnahmen haben Ökonomen der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) vor den Folgen eines verlängerten Lockdowns für den stationären Einzelhandel gewarnt. Am Dienstag stellten sie ihre Studie "Innenstadthandel am Limit - Ohne Hilfe droht der Kollaps" vor.

Bei einer Verlängerung des Lockdowns nur bis Ende Februar werde das Wirtschaftswachstum in Deutschland in diesem Jahr möglicherweise 3 Prozent erreichen, sagte LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. Hebe die Bundesregierung den Lockdown aber erst Ende März oder zu Ostern auf, werde das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2021 um 7 Prozent einbrechen und das BIP damit auf Jahressicht bestenfalls stabil (0 Prozent) bleiben. Auf Basis harmonisierter Verbraucherpreise erwarten die Volkswirte zugleich einen deutlichen Anstieg der Inflation. Sie soll 2021 bis auf 1,9 Prozent und damit den höchsten Stand seit 2012 Jahren klettern.

Laut der Studie ist im ersten Lockdown der stationäre Textil-Einzelhandel stark eingebrochen, während einzelne Bereiche wie der Fahrradhandel und der Lebensmitteleinzelhandel - durch Hamsterkäufe - profitierten. Überproportional zugelegt habe der Onlinehandel. Der stationäre Textil-Einzelhandel sei bereits seit 2015 rückläufig: "Dieser Trend wird weitergehen, wenn man nichts unternimmt", sagte Burkert.

"200.000 Handelsunternehmen sind aktuell in Deutschland von einer Fortsetzung des Lockdowns und in der Folge insolvenzbedingten Geschäftsschließungen bedroht. 600.000 Beschäftigte sind im innerstädtischen Einzelhandel tätig. Bis zu 250.000 davon könnten bei einer Fortsetzung des Lockdowns ihren Job verlieren", schätzt LBBW-Einzelhandelsanalyst Gerold Deppisch.

Die gebetsmühlenhaft vorgetragene Behauptung, es sei technisch unmöglich, online und stationär erzielte Umsätze zu unterscheiden, wird auch durch die ständige Wiederholung nicht richtiger.

Uwe Burkert Chefvolkswirt LBBW

Obwohl viele Menschen im Einzelhandel auf 450-Euro-Basis - und damit ohne Sozialversicherung - tätig seien, könnte sich der volkswirtschaftliche Schaden durch die Kosten der Arbeitslosigkeit und entgangenen Unternehmenssteuern auf bis zu 5,4 Milliarden Euro pro Jahr belaufen, befürchtet der Analyst. Hinzu kämen hohe Wertverluste der Immobilien und eine Verödung der Innenstädte.

Die LBBW-Ökonomen fordern neben einer schnellen Auszahlung der Soforthilfen auch eine klare Öffnungsperspektive für den Handel. Sie schlagen zudem eine höhere Mehrwertsteuer für Online-Verkäufe als für stationären Verkauf vor. Dem stationären Einzelhandel müsse außerdem mit einer Liberalisierung der Öffnungszeiten und Hilfen zur Digitalisierung unter die Arme gegriffen werden. Zudem bringt Deppisch "Vorteile für Geimpfte" ins Spiel, sobald ein flächendeckendes Impfangebot aufgebaut sei.

Uwe Burkert warnt unterdessen vor einer dauersubventionierten Handelslandschaft: "Dann haben wir das gleiche Problem wie jetzt schon in der Landwirtschaft." Der stationäre Handel trage, ebenso wie Gastronomie und Kulturangebot, zum "Lebensgefühl einer Stadt bei", so Deppisch: "Das ist auch ein Standortthema." Es gelte, den Vorteil des stationären Handels in der direkten Kommunikation mit den Kunden besser auszuschöpfen,

Uwe Burkert.

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