Logistik an der Kapazitätsgrenze

  • Weitere
    schließen
+
Auf Europas Straßen wird es immer enger – die Transportbranche stößt an Grenzen.
  • schließen

Unternehmen der Transport- und Lagerbranche berichten von einem „Auftrags-Tsunami“, der kaum noch abgearbeitet werden kann. Container und Paletten sind knapp und teuer.

Für Nachschub ist gesorgt: Eine jahrzehntelange Gewissheit wankt in diesen Tagen. Materialien wie Holz, Stahl und Kunststoff und Teile wie Halbleiter werden weltweit knapp und teilweise exorbitant teuer. Was die Logistikketten damit zu tun haben, und wie regionale Unternehmen damit umgehen.

Erschöpfte Kapazitäten

„Wir erleben einen Auftrags-Tsunami“, berichtet Thomas Schwarz, Geschäftsführer der Schwarz-Logistikgruppe mit Sitz in Herbrechtingen: „Die Warenströme nehmen zu, aber die Kapazität ist im Moment nicht vorhanden.“ In der gesamten Logistik kommt es zu Engpässen. „Die Industrie bekommt nicht alles weggefahren“, sagt Schwarz. Laut dem aktuellen Transport Market Monitor (TMM) war die verfügbare Transportkapazität auf Europas Straßen im Mai 2021 so niedrig wie seit drei Jahren nicht mehr. Gleichzeitig kletterten die Transportpreise von April auf Mai um 8,4 Prozent und sind nun auf einem Rekordstand.

Logistik als Nadelöhr

Die Verflechtung der Wirtschaft zeigt sich in der Logistik besonders. Dr. Stefan Brucker, Geschäftsführer der Spedition Brucker GmbH in Aalen, sieht die Folgen der Materialkrise für seine Branche: „Einerseits nimmt der zeitliche Druck zu, da die Lieferanten bereits in Verzug sind und dem Logistikdienstleister als letztes Glied in der Lieferkette dann kein zeitlicher Puffer verbleibt. Jedoch haben auch wir enorme Kapazitätsengpässe, und so stauen sich die Transportaufträge, die wir trotz enormen Lieferdruck nicht immer pünktlich abwickeln können.“ Firmen, die auf alternative Lieferanten – etwa aus Osteuropa – setzen, spüren den Engpass noch stärker. In der Coronakrise seien in der Logistik Kapazitäten abgebaut worden, so Schwarz. Die EU regelt den Einsatz ausländischer Speditionen zudem immer stärker. Die Blockade des Suez-Kanals durch ein havariertes Frachtschiff im März verschärfte die Engpässe.

Auch hier ist Material knapp

„Wer heute einen Lkw bestellt, muss lange auf die Lieferung warten“, erklärt Schwarz, wie der Materialengpass die Logistik direkt betrifft. Lkw-Ersatzteile sind schwer zu bekommen. Am meisten aber fehlen die Überseecontainer. „Aus Europa wurde viel Holz in die USA transportiert“, so Schwarz: „Dort stehen nun die leeren Container.“ Die Preise für Container steigen und steigen. Stefan Brucker berichtet: „Sämtliche Packmaterialien und Ladungsträger sind sehr knapp und durch die hohen Preise beim Holz sind auch die Kosten für die Paletten stark gestiegen, sofern man aktuell überhaupt welche bekommt. Holzverpackungen wie zum Beispiel Kisten für Maschinen sind kurzfristig nahezu doppelt so teuer, wobei man dann auch noch extreme Lieferengpässe hat.“

Frachtraten verteuern sich

„Insgesamt sind die Frachten deutlich teurer geworden“, berichtet Alexander Paluch, der bei der IHK Ostwürttemberg die Logistikunternehmen betreut. Laut dem Branchenportal kunststoffweb.de kostete die Passage eines 40-Fuß-Containers von China nach Nordeuropa Ende Mai mit durchschnittlich 9500 US-Dollar 29 Prozent mehr als noch einen Monat zuvor.

Es wird gelagert

„Was früher verteufelt wurde, gilt jetzt als Heilsbringer“, sagt Thomas Schwarz. Gemeint ist die Lagerhaltung. Gerade große Industrieunternehmen setzten bislang oft auf sogenannte just-in-time-Belieferung und sparten sich eigene Lager. Das ändert sich nun: „Die Unternehmen bestellen im Moment alles, was sie kriegen können, und reservieren möglichst viel Lagerfläche“, hat Schwarz beobachtet. Die Sorge, dass durch gelagertes Material Kapitel gebunden wird, spielt keine Rolle mehr. In Zeiten niedriger Zinsen werden liquide Mittel lieber in Material investiert. Was die Lager zusätzlich belastet, ist der Mangel an Seecontainern. Laut dem Aalener Stefan Brucker sorgte er für einen Export-Stau bei heimischen Unternehmen. „Die Ware wurde dann eingelagert, was dafür gesorgt hat, dass zeitweise auch die Lagerkapazitäten nicht mehr ausgereicht haben.“

Knappes Gut: Fahrer

Das knappste Gut in der Logistikbranche sind und bleiben die Berufskraftfahrer. Alexander Paluch verweist auf Studien, wonach in Deutschland 30 000 bis 60 000 Kraftfahrer fehlen. Jedes Jahr kommen etwa 15 000 weitere dazu. Neben dem Wegfall der Wehrpflicht 2011 - viele Fahrer haben den entsprechenden Führerschein bei der Bundeswehr erworben – sorgt der mitunter schlechte Ruf des Fernfahrers dafür, dass der Nachwuchs fehlt. „Wir müssen hier stark am Image des Berufsbildes sowie an der Entlohnung arbeiten, was sich letztendlich auf Transportpreise auswirken wird und muss“, sagt Stefan Brucker. Denn bis autonome Fahrzeuge oder vom Homeoffice gesteuerte Lkw den Fahrer ersetzen können, dürfte noch Zeit vergehen.

Wir haben enorme Kapazitätsengpässe.“

Dr. Stefan Brucker, Spedition Brucker

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft Regional

WEITERE ARTIKEL