Mapal lässt das Tief hinter sich

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Mapal stellt seit mehr als 70 Jahren Präzisionswerkzeuge wie dieses Hydrodehnspannfutter her.
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Die Strukturkrise hinterlässt deutliche Spuren in den Zahlen des Jahres 2020. Für das laufende Jahr ist Mapal-Chef Dr. Jochen Kress optimistischer. Dennoch bleiben die Herausforderungen groß.

Aalen

Dr. Jochen Kress kommt schnell zum Punkt. „Es sind herausfordernde Zeiten, die Spuren bei uns hinterlassen haben“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter von Mapal. Die Corona-Pandemie war nur ein Beschleuniger von verschiedenen Krisen, die den Umsatz von 620 Millionen Euro im Jahr 2019 auf 460 Millionen Euro im vergangenen Jahr haben fallenlassen. 2020 hat der Präzisionswerkzeughersteller zum ersten Mal in seiner Geschichte Stellen abgebaut, auch am Stammsitz in Aalen, wo derzeit 1610 Menschen für Mapal arbeiten. Dieser Abbau ist abgeschlossen. An der eigenen Organisation hat Mapal ebenfalls vieles verändert − und die ersten Früchte geerntet: Für 2021 geht Kress von einem Umsatzwachstum von 10 bis 15 Prozent aus.

Mapal ist noch immer stark von der Nachfrage aus der Automobilindustrie abhängig. Der Rückgang der weltweiten Autoproduktion hatte deshalb schon im zweiten Halbjahr 2019 zu einem Umsatzrückgang geführt. 2020 ging die Zahl der weltweit produzierten Pkw laut Branchenverband VDA erneut zurück: von 79 Millionen auf 66 Millionen. Die doppelte Krise, jene im produzierenden Gewerbe und die der Pandemie, hatte Folgen für Mapal: „Kein Mensch kauft sich eine Reibahle, weil die so schön aussieht“, kommentiert Kress. „Wir sind im Prinzip alle abhängig Beschäftigte.“

Der neuerliche Nachfrageeinbruch kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie sei „sehr heftig“ gewesen, die Talsohle im April und Mai erreicht worden. Das Ergebnis: „Die Produktionszahlen fielen ins Bodenlose.“ Denn auch den zweiten großen Mapal-Markt, die Luftfahrtindustrie, traf Corona dramatisch. Flugzeuge weltweit blieben am Boden. Bestellungen für Flugzeuge wurden massenhaft storniert. Die Branche hatte mit Umsatzrückgängen von bis zu 90 Prozent zu kämpfen. Das Aalener Unternehmen reagierte, die Zahl der weltweit bei Mapal Beschäftigten sank um rund zehn Prozent auf 5000. Der Standort in Lindlar bei Köln wurde geschlossen, die vor einiger Zeit übernommene Laserpluss AG stellte den Geschäftsbetrieb ein.

Das erste Halbjahr 2021 lief nun wieder besser, auch wenn nicht nur die Folgen der Corona- sowie Pkw-Absatzkrise Mapal beschäftigen. Neben der Demografie und Digitalisierung nennt Kress vor allem die Globalisierung, die schon längst zu einer „Glokalisierung“ geworden sei. Heißt: Die Unternehmen verkaufen nicht mehr nur weltweit, sie stellen die Produkte, zum Beispiel Autos, auch in den jeweiligen Märkten für deren Abnehmer her. Die Folge: die Zulieferer, unter ihnen Mapal, folgen.

Entsprechend international sind die Aalener ausgerichtet und aktiv: In Silicon Valley, USA, hat Mapal eine kleine Firma sowie in Shanghai einen Zulieferbetrieb übernommen. In Indien baut der Präzisionswerkzeughersteller einen neuen Standort, von dem sich Kress viel verspricht: „Asien bleibt ein Wachstumskurs, Indien und Südostasien bieten sehr viel Potenzial.“

Noch immer erwirtschaftet das Unternehmen den Großteil des Umsatzes mit der Autoindustrie. Das dürfte so bleiben, doch werden für den Bau eines Elektroautos weniger Komponenten und entsprechend weniger Werkzeuge benötigt als für klassische Verbrenner. „Wir sind im Bereich Elektromobilität gut aufgestellt“, sagt Kress. Potenzial sieht er ebenfalls in anderen Branchen: dem Maschinenbau sowie zusätzlich dem Werkzeug- und Formenbau. „Wir können hier bereits ein breites Spektrum an Produkten anbieten“, sagt Kress. „Derzeit bauen wir unser Händlernetz in Europa aus.“ In den kommenden Jahren werde dies sukzessive jenseits des Kontinents fortgesetzt.

Breiter aufgestellt hat sich das Unternehmen überdies in der obersten Führungsebene: Bereits im vergangenen Jahr hat Mapal die erweiterte Geschäftsführung um zwei Spezialisten ergänzt, Siegfried Wendel ist für den Vertrieb verantwortlich, Jacek Kruszynski für das Produktmanagement sowie die Marktsegmente Werkzeug- und Formenbau, Luftfahrt und E-Mobilität. „Wir wollen künftig mehr in Prozessen denken denn in Bereichen“, umreißt Kress die neue Philosophie.

Völlig neu war für Mapal wiederum das Arbeitsumfeld, das durch die Pandemie geschaffen werden musste: Home-Office statt Präsenz im Büro, für Mapal ein Kulturschock. „Wir waren eine extrem konservative Firma“, gibt Kress zu. „Und dann ging es von 0 auf 100 ins Gegenteil. Aber: Die Firma hat trotzdem funktioniert.“ Das hat Folgen: Das Home-Office wird es, vor Jahren noch undenkbar, weiter geben, mit im Schnitt zwei Tagen pro Woche Arbeit von daheim, die Produktion natürlich ausgeklammert. Komplett aufs Heimbüro will bei Mapal niemand setzen. „Das Soziale, Spontane, die Zufallsbegegnung fehlen sehr. Das haben unsere Beschäftigten bestätigt“, so Kress.

Für das aktuelle Jahr ist er optimistisch, dennoch geht Kress davon aus, dass die Phase der unruhigen Märkte noch mindestens bis zum Jahr 2025 andauern wird. „Die nächsten drei Jahre werden genauso spannend und herausfordernd wie die vergangenen zwei.“

Kein Mensch kauft sich eine Reibahle, weil die so schön aussieht.“

Dr. Jochen Kress, Geschäftsführender Gesellschafter

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