Nokera steigt bei Stengel ein

+
Der Stammsitz von Stengel aus der Vogelperspektive: rechts mittig das Stammwerk, links ein weiteres Werk.
  • schließen

Die Nokera Construction übernimmt eine Minderheitsbeteiligung in Höhe von 10 Prozent an dem Ellwanger Metallverarbeiter, der dank der Partnerschaft weiterwachsen will.

Ellwangen

Die Stengel-Gruppe ist in den vergangenen Jahren massiv gewachsen. Inzwischen sind bei dem Ellwanger Traditionsunternehmen europaweit rund 1000 Menschen beschäftigt, der Großteil, rund 640, am Stammsitz in Ellwangen, in den Stengel seit Jahren immer wieder kräftig investiert. Nun will das Unternehmen seine Expansion dank einer Partnerschaft mit Nokera fortsetzen. Die Nokera Construction GmbH mit Sitz in Berlin übernimmt eine Minderheitsbeteiligung, genauer: zehn Prozent an Stengel.

Für die Mitarbeitenden ändert sich durch diese „strategische Entscheidung“, wie es der geschäftsführende Gesellschafter Josef Stengel bezeichnet, nichts. Auch die Geschäftsführung bleibt unverändert. „Dank des neuen Partners wollen wir unseren Stammsitz weiter ausbauen und neue Märkte erschließen“, umreißt Stengel das Ziel der Partnerschaft. Bislang ist der Metallverarbeiter in verschiedenen Branchen tätig. So baut das Unternehmen unter anderem Fertigbäder und Miniküchen für Hotels, Wohnheime und Appartementhäuser, aber auch Komponenten für Kabinen und Nasszellen in Kreuzfahrtschiffen. Für dieses Segment war Stengel im Jahr 2009 eine strategische Partnerschaft mit der Meyer-Werft eingegangen.

Mit der neuen Partnerschaft will Stengel nun die Expansion in den Hochbau fortsetzen. „Inzwischen werden die fertigen Nasszellen im mehrgeschossigen Wohnungsbau verbaut“, erklärt Prokurist Patrick Mayer. Dieser Markt ist trotz der aktuellen Entwicklungen an den Immobilienmärkten langfristig auf Wachstum gepolt. Immerhin hat die Bundesregierung bei Amtsantritt rund 400 000 neue Wohnungen pro Jahr versprochen. Insgesamt fehlen in Deutschland bis zu 2 Millionen Wohnungen im mittleren und unteren Preissegment.  Da Stengel erst seit einigen Jahren in diesem Markt tätig ist, will man vom neuen Partner Nokera profitieren. Nokera wiederum will jährlich bis zu 20 000 Wohneinheiten in einer seriellen Holzbauweise errichten.

Hinter der Gruppe steht der Unternehmer Norbert Ketterer, der mit seinem Unternehmen bezahlbaren, nachhaltigen Wohnraum verspricht. Statt einer konventionellen Bauweise setzt Nokera auf Modularisierung, heißt: Die Komponenten und Teile der Wohneinheit oder des Gebäudes wie Bäder, Küchen, Treppenhäuser oder Fassaden werden in Fabriken vorgefertigt und vor Ort auf der Baustelle montiert. Damit lassen sich laut Aussage von Nokera Wohnungen „schnell, skalierbar und ressourceneffizient realisieren“ – und damit die Wohnungsnot mit weniger Mitarbeitenden auf den Baustellen schneller lindern als mit herkömmlichem Hochbau.

Stengel passt daher perfekt in dieses Konzept. Allerdings betont Josef Stengel, dass es sich bei der Vereinbarung um eine Minderheitsbeteiligung in Höhe von 10 Prozent handelt. „Wir sichern uns durch die Partnerschaft Zugang zu einem attraktiven Markt.“ Er rechnet mit der Produktion von einigen tausend Nasszellen pro Jahr zusätzlich. Die Module für die Wohneinheiten sollen in der neu errichteten „Green-Factory“ in Magdeburg gefertigt werden. Von der Fabrik soll der Ellwanger Standort profitieren. „Perspektivisch soll unser Stammsitz weiterwachsen, entsprechende Optionsflächen besitzen wir“, sagt Stengel.

Aktuell haben die neue Partnerschaft und die forcierte Expansion in den Wohnungsbau einen weiteren Hintergrund. Jahrelang boomte die Kreuzfahrtbranche und gab bei den Werften viele Kreuzfahrtschiffe in Auftrag. Die Corona-Pandemie setzte dem Wachstum ein Ende, auch die Meyer-Werft, mit der Stengel ein Gemeinschaftsunternehmen in Litauen gegründet hat, ist betroffen. Diese Auswirkungen der Pandemie kommen jetzt bei den Zulieferern der Branche an. „Die Vorlaufzeit der Projekte dauert in der Regel bis zu drei Jahre“, sagt Stengel. Heißt: Ab 2023 werden in Folge der Pandemie weniger Kreuzfahrtschiffe gebaut als zuvor. Das wird sich auf den Standort in Litauen auswirken, wo Stengel bisher an sieben Tagen und rund um die Uhr produziert. „Wir werden die Fertigung dort reduzieren“, erklärt er. Mittelbar ist von der abzusehenden Flaute auch der Stammsitz betroffen, der Komponenten für die Standorte der Meyer-Werften produziert. „Mit der neuen Partnerschaft machen wir uns unabhängiger von Schwankungen in einzelnen Branchen und sichern die Arbeitsplätze in Ellwangen“, so der Geschäftsführer.

Für das aktuelle und das kommende Jahr sind die Werke in Ellwangen voll ausgelastet. „Allein in den vergangenen zwei Jahren haben wir 100 neue Stellen geschaffen“, sagt Prokurist Mayer. Der Stammsitz wurde in den vergangenen Jahren immer wieder ausgebaut, zuletzt wurde das Werk 7 auf rund 11 500 Quadratmetern Fläche erweitert. „Der Faktor, der unser Wachstum bislang begrenzt hat, ist der Fachkräftemangel“, erklärt Stengel. Er setzt deshalb nicht nur auf den Nachwuchs aus der Region, sondern auch auf Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland. "Mit diesen Facharbeitern, insbesondere aus Osteuropa, können wir unsere Auftragsbücher abarbeiten."

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft Regional

Kommentare