Interview

OB Dambacher: "Wir sind der Wirtschafts- und Dienstleistungsstandort schlechthin"

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Ellwangens OB Michael Dambacher
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Oberbürgermeister Michael Dambacher über dynamische Unternehmen am Standort Ellwangen.

Ellwangen. Zu Beginn des Jahres herrscht in Ellwangen üblicherweise Ausnahmezustand: Der traditionsreiche Kalte Markt zieht Scharen von Besucher aus Nah und Fern in die „Gute Stadt“. Doch auch in diesem Jahr ist die Veranstaltung der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Das ändert nichts daran, dass es in Ellwangen aktuell viel Grund zu Freude und Zuversicht gibt. Bernhard Hampp hat für die aktuelle Ausgabe der Wirtschaft Regional mit Oberbürgermeister Michael Dambacher gesprochen, der sich über Rekordzahlen aus der Wirtschaft freut.

Mitte Januar hat die Varta AG bekannt gegeben, den Konzernsitz in Ellwangen zu erweitern und neben neuen und modernen Büroflächen auch weitere Flächen für Forschung und Entwicklung zu bauen…

Das ist ein klares Bekenntnis von Varta zu seinem Stammsitz, das wir sehr begrüßen. Wir sind in engem und intensiven Austausch mit Varta und arbeiten konstruktiv und zielgerichtet zusammen. Im Rahmen der Möglichkeiten will die Stadt dafür sorgen, dass genügend Fläche für die Entwicklung zur Verfügung steht. Die Ankündigung, vor allem in die Höhe zu bauen, ist ein gutes Signal. Wir begleiten die Entwicklung des Varta-Geländes ja schon seit mehreren Jahren.

Varta ist aber längst nicht das einzige Ellwanger Unternehmen, das durch Investitionen von sich reden macht?

In letzter Zeit ist hier unglaublich viel in Bewegung. Innerhalb des breiten, vielfältigen Branchenmixes in Ellwangen hat sich beispielsweise ein IT- und Logistikschwerpunkt etabliert. Unternehmen wie FNT, Inneo, Clickconcepts, Betzold, Spedition Hirsch, Stengel, Ivoclar Vivadent, Netcom BW oder EurA AG sind nur einige Beispiele für Firmen, die expandiert haben oder dies planen. Kicherer erweitert und plant weiteres Wachstum, die Metzgerei Bühler und der Virngrundbäcker bauen neu, Elke-Technik investiert, und die Flaschnerei Stelzer ist ein hervorragendes Beispiel für eine erfolgreiche Betriebsübergabe. Dies sind nur einige Beispiele der aktuellen Entwicklung.

 Ellwangens Ruf, eine reine Beamten- und Verwaltungsstadt zu sein, ist also passé?

Das war einmal. Wir sind der Wirtschafts- und Dienstleistungsstandort schlechthin. Die Zahlen, die wir vorweisen können sind eindrücklich. So kommen hier 7950 (laut Pendleratlas: 8163) Einpendler auf 4.967 (Pendleratlas: 5222) Auspendler. Die Arbeitslosenquote liegt bei 1,9 Prozent. Das sind extrem positive Werte. Alleine die Entwicklung des Gewerbegebiets Neunheim zeigt das auf. Es ist beeindruckend, wenn man sich vor Augen führt, was sich in den 40 Jahren seit der ersten Ansiedlung hier getan hat. Nun steht die insgesamt neunte Erweiterung an, für die derzeit das Bebauungsplan- und das Umlegungsverfahren laufen. Ellwangen ist ein Wirtschafts- und Dienstleistungsstandort, wie es keinen zweiten in der Region gibt.

Hat die Coronakrise auch die Ellwanger Wirtschaft schwer gebeutelt?

Im Allgemeinen ist die Wirtschaft hier gut durch die Coronakrise gekommen. Wir sehen es ja an den Zahlen. Wir haben als Stadt trotz Corona noch nie so viel Gewerbesteuer eingenommen wie im Jahr 2021, nämlich 33 Millionen Euro. Manche Firmen konnten im Coronajahr sogar ihre besten Unternehmenszahlen überhaupt verbuchen. Schwierig ist die Lage sicherlich in der Automobilindustrie und bei den Zulieferern. Hier zahlt es sich aus, dass Ellwangen nicht alleine abhängig vom Wohl und Wehe einer Branche oder gar eines einzelnen Unternehmens ist. Dieser Branchenmix, den uns viele vor Jahren noch als Nachteil ausgelegt haben, kommt uns nun zugute. Im aktuellen BW-Ranking landet der Wirtschaftsraum Ellwangen deshalb auf Rang 21 von insgesamt 103 in ganz Baden-Württemberg, bei der Wirtschaftskraft war es sogar Rang 17.

Gibt es für so viel Wirtschaftskraft überhaupt genügend Fachkräfte?

Das ist sicher eine Schattenseite, dass sich der Fachkräftemangel hier noch stärker bemerkbar macht als anderswo. Die Gewinnung von Fachpersonal wird in Zukunft der wichtigste Faktor für die Entwicklung sein. Damit verbunden sind auch Themen wie die Schaffung von Wohnraum und  entsprechende Bildungs- und Betreuungsangebote. Wir haben die Re-Auditierung als attraktiver Wohnort für Fach- und Führungskräfte geschafft, was unter anderem an den vorbildlichen Bildungs- und Betreuungsangeboten liegt.

Großes Projekt in Ellwangen ist die Landesgartenschau 2026 – welche Maßnahmen laufen hier in diesem Jahr?

2022 sind wir im Jahr der Genehmigungen, um 2023 und in den folgenden Jahren mit verschiedenen Baumaßnahmen beginnen zu können. Das betrifft unter anderem die Jagst-Renaturierung und die Fußgängerbrücke über die Bahnlinie. Außerdem wird die komplette Neuanlage des Campingplatzes vorbereitet. Das Jugendzentrum, dessen Gebäude Ende des Jahres abgerissen wird, zieht in ein Interimsquartier um. Auch der GOA-Wertstoffhof wird verlegt.

Gleichzeitig erwartet sich Ellwangen von der anstehenden Gartenschau auch Investitionen durch Dritte. Was könnte entstehen?

Im Bahnhofsbereich bekommen wir hoffentlich ein neues Stadtquartier. Auch westlich der Bahngleise könnte etwas Neues entstehen. Das Varta-Headquarter wird hier auch Akzente setzen. Für die Bebauung des Parkplatzes Mühlgraben „Insel“ streben wir nach entsprechender Beratung im Gemeinderat einen Investorenwettbewerb für eine mögliche Bebauung an.

Auf dem ehemaligen Gelände der Reinhardt-Kaserne ist ein großes Quartier mit bis zu 1500 Wohneinheiten geplant.

Innerstädtischer Wohnraum ist dringend nötig: Wir werden höchstwahrscheinlich im Jahr 2023 keinen einzigen stätischen Bauplatz mehr anzubieten haben. Hier bietet sich der Technische Bereich der ehemaligen Reinhardt-Kaserne, momentan eine Betonlandschaft, förmlich an. Wir als Verwaltung begrüßen den Grundsatzbeschluss des Gemeinderats, auf einen städtebaulichen Wettbewerb zu verzichten und zügig voranzuschreiten. Wir stehen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in Kaufverhandlungen. Das komplette Areal ist voruntersucht worden, es gab keine schlimmen Überraschungen, sondern wir wissen, was uns erwartet. Alleine der Rückbau der schweren Betonteile wird allerdings einige Jahre in Anspruch nehmen. Wir werden dem Gemeinderat deshalb vorschlagen, eine Entwicklungsgesellschaft zu gründen. Wir sind bereits mit unseren Kapazitäten am Limit, können das Thema aber nicht liegen lassen.

Mehr Wirtschaftskraft bedeutet auch mehr Verkehr – unter anderem die Bürger Röhlingens wünschen sich schon lange eine Ortsumfahrung.

Die Umfahrungen von Röhlingen, Zöbingen sowie Eggenrot sind jetzt in den Maßnahmenplan des Landes aufgenommen werden. Das heißt, die Grundlagen sind gelegt, in die Planungen einzusteigen. Wie haben als Stadtverwaltung unseren Teil geleistet und nehmen nun an Abstimmungen mit Landkreis und dem Regierungspräsidium teil.

Was erwarten Sie sich von der Europäische Ausbildungs- und Transferakademie EATA, an der ausländische Fachkräfte eine Sprachausbildung absolvieren können?

Die EATA ist eine Aufgabe, die 11 Millionen an kommunaler Eigenfinanzierung mit sich bringt, bei einer Investition von 27 Millionen Euro. Das Thema anzupacken ist aber wichtig und richtig, denn wir verfügen in der Region nicht über die nötige Anzahl von Ausbildungswilligen. Wir brauchen qualifizierte Zuwanderung aus dem In- und Ausland gerade in Mangelberufen – und das sind in Ellwangen eigentlich fast alle Berufe. Ich wünsche mir, dass der Gebäudeteil C in einem ersten großen Schritt noch im Herbst fertig wird, wir 2023 dann die Gebäudeteile A und B in Betrieb nehmen und die 200 Apartments füllen können. Mit diesem Bildungscampus schaffen wir eine tolle Institution, die Früchte tragen wird, wenn ausgebildetes, sprachlich qualifiziertes Personal der Wirtschaft zur Verfügung steht.

Wie geht es mit der Landeserstaufnahmestelle (LEA) weiter?

Wir haben einen Vertrag, der am 31. 12. 2022 endet. Die Stadt ist, gemeinsam mit Landrat Dr. Joachim Bläse, im Gespräch mit dem zuständigen Staatssekretär. Wir haben signalisiert, dass wir als Stadt irgendwann auf diese ehemaligen Kasernenflächen zugreifen müssen. Die LEA ist nicht als Dauereinrichtung geplant, auch wenn wir anerkennen, dass die Landesregierung in der Flüchtlingsunterbringung in einer schwierigen Situation ist. Ellwangen hat in der Vergangenheit hier viel geleistet, darum sollten sich auch andere Kommunen solidarisch zeigen. Von Nachteil ist, dass LEA-Bewohner, die bis zu 18 Monate in Ellwangen sind, den hiesigen Unternehmen nicht zur Verfügung stehen. Das wäre bei einer vorläufigen oder einer Anschluss-Unterbringung anders. In diesen Bereichen könnte Ellwangen auch weiter einen Beitrag leisten, und es würde auch der Wirtschaft helfen.

Mit dem Kalten Markt ist Ellwangens Veranstaltungshöhepunkt auch in dieses Jahr weitgehend ausgefallen.

Wir wollten den Kalten Markt sehr gerne in Präsenz durchführen, doch das war leider nicht möglich. Ich finde dies sehr schade, denn eine Veranstaltung wie der Kalte Markt lebt vom Miteinander. Einen „Warmen Markt“ im Sommer zu veranstalten, wie von einigen vorgeschlagen, kommt für uns nicht in Frage. Wir wollen aber auch jetzt schon alle Veranstaltungen, die möglich sind, auch möglich machen. In der wärmeren Jahreszeit planen wir dann wieder mit dem Sommer in der Stadt und einer Vielzahl von Veranstaltungen.

Wie ist Ellwangen als Bildungs- und Betreuungsstandort aufgestellt?

Für eine Stadt dieser Größe findet man in Ellwangen alle nur möglichen Schul- und Bildungsangebote vor. Dass wir ein Schulstandort sind, erlebt ja täglich jeder, der durch die Fußgängerzone geht. In diesem Bereich wird und wurde viel investiert, im vergangenen Jahr beispielsweise ins Hariolf-Gymnasium. Zudem wurde 2021 der Kindergarten Lummerland im Bahnhofsbereich eröffnet, auch in diesem Jahr planen wir, einen neuen Kindergarten zu eröffnen. Bildung und Betreuung sind für uns ein Standortfaktor. Dazu gehört auch, dass Ellwangen Standort der SRH-Fernhochschule ist. Eine echte Herzensangelegenheit ist mir, die Außenstelle einer Hochschule nach Ellwangen auf den Bildungscampus zu holen, die dann das berufsbegleitende Studieren hier ermöglicht. Es wurden bereits viele Gespräche geführt, die Voraussetzungen sind besser denn je.

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