ODR-Chef: Lage ist beängstigend

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Sebastian Maier, Vorstand der EnBW ODR, verfolgt die Entwicklung der Energiepreise mit Sorge.
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Sebastian Maier, Vorstand des Energieversorgers EnBW ODR, fürchtet durch die Verteuerung soziale und wirtschaftliche Folgen. Gas könnte im Januar punktuell abgestellt werden.

Ellwangen

Für den größten regionalen Energieversorger EnBW ODR ist die aktuelle Krise eine Ausnahmesituation. Sebastian Maier, technischer Vorstand des Ellwanger Unternehmens, spricht von einer prekären Lage: Im Winter drohe das Gas knapp zu werden. Er ruft zum Sparen auf und mahnt einen schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien, vor allem der Stromnetze an. Konkrete Aussagen, wann und wie stark die Strom- und Gaspreise für ODR-Kunden steigen, machte er nicht.

Gas geht aus

„Höchstwahrscheinlich müssen wir im Januar die ersten Firmen rausschalten, wenn sich die Lage weiter so entwickelt“, sagt der Firmenchef: Für einzelne Wirtschaftsbetriebe könnte dann der Gashahn abgedreht werden. Die Stromnetze dürften dagegen stabil bleiben, prognostiziert er.

Preise gehen durch die Decke

„Ich bin seit vierzig Jahren im Unternehmen, aber so eine Dynamik habe ich noch nie erlebt“, sagt Maier. Seit Spätsommer 2021 steigen durch das Anziehen der Konjunktur nach der Coronakrise die Energiepreise. Extrem beschleunigt wurde die Tendenz durch den russischen Überfall auf die Ukraine: „Wladimir Putin führt einen Wirtschaftskrieg gegen Europa, strategisch und mit aller Härte“, so Maier. Nun räche sich, dass Deutschland vor dem Krieg rund 55 Prozent des Gases aus Russland bezogen hat. Ein Ende des Preiskletterkurses sei nicht in Sicht. Habe die Kilowattstunde Gas im Einkauf Anfang 2021 noch 2 Cent gekostet, so seien mittlerweile auf dem kurzfristigen Markt sogar 30 Cent zu bezahlen. Strom an der Börse koste nicht mehr 5 Cent, sondern – wenn er kurzfristig für 2023 eingekauft wird – 80 Cent. Selbst, wer sich jetzt für 2025 eindeckt, zahlt noch 30 Cent: Netzentgelt und Steuern nicht eingerechnet. Die ODR ist nicht von russischem Gas abhängig und daher auch kein potenzieller Empfänger der Gasumlage. Strom wird in Deutschland noch immer zu 16 Prozent aus Erdgas erzeugt. Mehr als die Hälfte aller Wohnungen wird mit Erdgas beheizt.

Wieviel zahlen die Kunden drauf?

„Wir sind gerade in den Überlegungen, wie wir die Preiserhöhungen gestalten“, sagt Maier. Beim Gas hingen diese auch von der Umsetzung der angekündigten Gasumlage sowie der versprochenen Mehrwertsteuersenkung ab. Maier zitiert Klaus Müller, den Präsidenten der Bundesnetzagentur, laut dem sich Gaskunden ab 2023 mindestens auf eine Verdreifachung der Abschläge einstellen müssten. Wenn sich die Tendenz beim Strompreis verstetige, gehe es „genau in die Richtung“, orakelt Maier: „Perspektivisch gehen wir davon aus, dass sich das Thema beim Strom wieder erholt, aber wir werden dauerhaft sehr hohe Energiepreise haben.“

Sparen ist angesagt

Maier ruft zum Energiesparen auf: „Es wäre viel geholfen, wenn die privaten Haushalte zehn Prozent Gas einsparen würden.“ Als Unternehmen hat die ODR selbst ein Energiesparkonzept umgesetzt. „Wir bekommen auf unsere Sparvorschläge aber auch wütende Nachrichten nach dem Motto: Ich dusche, so lange ich will“, erzählt Maier.

Erneuerbare Energien

„Die Energiewende wird die Gesellschaft und die Landschaft im ländlichen Raum verändern“, betont Maier. Bisher liegt der Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland bei 16,6 Prozent: beim Strom bei 40 Prozent, bei der Wärme bei 16,5 Prozent und beim Verkehr bei 6,5 Prozent. Pluspunkt für die ODR: Im Netzgebiet stammten im ersten Halbjahr 2022 satte 75 Prozent des Stroms aus regenerativen Energiequellen: Viel Sonne und Wind im Frühjahr sei Dank.

Selbst Strom erzeugen

Immer mehr Bürger wollen selbst erzeugten Strom in die Netze einspeisen. Die ODR erhielt alleine von Juni 2021 bis Juni 2022 Anfragen für rund 1000 Megawatt Leistung: Das wäre so viel erneuerbare Energie, wie vorher insgesamt angeschlossen wurde. „Wir können der Flut der Anträge nicht gerecht werden“, räumt Maier ein. Schuld sind Lieferengpässe, Fachkräftemangel und vor allem der fehlende Netzausbau.

Flaschenhals Stromnetz

Das Stromnetz sei momentan der „Flaschenhals“, betont der ODR-Vorstand. Das betreffe einerseits die großen Nord-Süd-Trassen, andererseits aber auch die regionalen Netze. Das Genehmigungsverfahren für den Ausbau der Stromtrasse von Goldshöfe ins Ries laufe nun bald sieben Jahre: „Wir werden die Energiewende nicht in diesem Tempo schaffen.“

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