Ostalb: Wenn der Stromanbieter kündigt

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Die Preise von Strom und Gas schwanken auf hohem Niveau. Wenn der Stromanbieter insolvent geht, springt der Grundversorger ein.
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Die Energiepreise fahren Achterbahn. Dutzende Energieversorger sind insolvent oder wollen nicht mehr liefern. Auch in der Region sind tausende Haushalte betroffen.

Ellwangen

Neckermann Strom, Smiling Green Energy, Dreischstrom oder zuletzt Enyway – die Liste der insolventen Stromversorger wird von Woche zu Woche länger, andere Firmen kündigen in großem Stil Verträge mit Verbrauchern wie zum Beispiel der Stromanbieter Stromio. Der Grund: Die Energiepreise fahren Achterbahn, viele Anbieter können (oder wollen) ihre für den Verbraucher früher so verlockenden, weil billigen Tarife nicht mehr bedienen. Dennoch: Um Strom oder Gas muss sich zwar kein Haushalt sorgen. Stellt der Anbieter die Versorgung ein, springt der Grundversorger ein. Auch im Ostalbkreis kommt das immer häufiger vor. Allerdings ist das mit höheren Kosten für die Verbraucher verbunden – und die Suche nach einem neuen Energieversorger verspricht derzeit wenig Abhilfe.

Die Zahl der Kündigungen steigt. „Die Zahl der Kunden, deren Verträge in den vergangenen Monaten gekündigt wurden und nun Energie von der ODR bekommen, steigt“, erklärt Nicole Fritz von dem Ellwanger Energieversorger. Dass Versorger ihre Verträge kündigen, sei im Marktgebiet der ODR zuletzt öfter vorgekommen. „Im Strom- und Gasbereich haben rund 20 Versorger Ihre Kunden aus den Verträgen gekündigt oder sind in die Insolvenz gegangen“, sagt Fritz. Das prominenteste Beispiel seien Stromio und Gas.de. „Allein von der Stromio-Insolvenz war im ODR-Grundversorgungsgebiet eine vierstellige Anzahl von Kunden betroffen“, sagt Fritz.

Bei den Stadtwerken in Schwäbisch Gmünd sind laut Sprecherin Hanna Ostertag „mehrere hundert Kunden im Stadtgebiet betroffen“ von Kündigungen oder Insolvenzen der Energieanbieter. Sie ergänzt: „Laut unseren Informationen haben mittlerweile mehr als 59 Versorger die Belieferung von Strom und Gas einstellen müssen.“ Igor Dimitrijoski, Marketing- und Kommunikationsleiter bei den Stadtwerken Aalen berichtet von rund 250 Haushalten, die in die Grundversorgung gerutscht sind. Die Ellwanger Stadtwerke wiederum versorgen ihre Kunden mit Gas. In jenem Markt halten sich die Verwerfungen noch in Grenzen, Auswirkungen habe bislang lediglich die Ankündigung von gas.de, alle Lieferverträge zu beenden, erklärt Geschäftsführer Stefan Powolny. Davon betroffen seien bislang 20 bis 25 Kunden. Auch diese rutschen in die Grundversorgung.

Warum die Grundversorgung teurer ist. Wer gekündigt wird, bezieht Strom und Gas zum sogenannten Grundversorgungstarif. Problem: Beides ist deutlich teurer als ein konventioneller Vertrag. Ein Rechenbeispiel der ODR: Bei einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden zahlt der Stammkunde im Tarif „AktivPrivat“ 26,12 Cent pro kWh, im Grundversorgungstarif 27,75 Cent. Andere Grundversorger liegen teilweise um 20 bis 25 Prozent über den Tarifen für die Stammkunden.

Den Grund für die höheren Preise erklärt Hanna Ostertag: „An den Energiebeschaffungsmärkten erleben wir seit Monaten eine nie dagewesene Preisentwicklung. Der Einkauf von Strom ist um ein Vielfaches gestiegen.“ Diese Preissteigerungen seien für Energieversorger wie die Stadtwerke Gmünd „eine große Herausforderung“. „So mussten wir ungeplant große Mengen für die Ersatz- und Grundversorgung zu sehr hohen Preisen zukaufen.“ Das erhöht die Preise für Kunden in der Grundversorgung.

Für Kunden mit Laufzeitverträgen können und konnten die Energieversorger sich bereits langfristig mit Strom und Gas von den Märkten eindecken, erklärt Igor Dimitrijoski. Sie sind von den massiven Verwerfungen auf dem Strommarkt nicht betroffen. Wie lange das so bleibt, hängt von der langfristigen Entwicklung der Preise im Großhandel ab. Was natürlich nicht bedeutet, dass sie von Preiserhöhungen verschont bleiben. Zahlte ein Privathaushalt in Deutschland 1998 brutto durchschnittlich 17,11 Cent für eine Kilowattstunde und 2000 rund 14 Cent, waren es 2018 im Mittel 29,47 Cent. Im Herbst 2021 lag der Preis inklusive aller Steuern und Abgaben bei knapp 32 Cent.

An den Energiebeschaffungsmärkten erleben wir seit Monaten eine nie dagewesene Preisentwicklung."

Hanna Ostertag, Stadtwerke Gmünd

Neuer Stromtarif. Wer in die Grundversorgung rutscht, kann sich einen neuen Anbieter suchen. Ob der indes günstiger als die Grundversorgung ist: derzeit unsicher. Denn wer dieser Tage einen Preisvergleich im Netz bemüht, wird zwar fündig. Grund zur Freude ist das nicht, alle Strom- und Gasversorger haben die Preise deutlich erhöht, die Preise schwanken täglich. Was auffällt: Buhlten noch im vergangenen Jahr dutzende bis hunderte Anbieter um neue Kunden, wird das Angebot heuer von Woche zu Woche überschaubarer.

Wer sich zum Beispiel online auf der Webseite ODR um ein Angebot bemüht, bekommt keines, lediglich die Nachricht: „Leider sind derzeit keine Strom-Tarifinformationen verfügbar und Tarifabschlüsse möglich.“ Unternehmenssprecherin Fritz erklärt die Hintergründe: „Ausschlaggebend dafür sind die volatilen Entwicklungen am Strommarkt. Fast täglich fallen am Strommarkt neue Rekordpreise.“ So habe Anfang des Jahres 2021 die Megawattstunde Strom im Schnitt zwischen 30 und 40 Euro gekostet. Im Dezember lag der Preis pro Megawatt im Schnitt bei 200 Euro, kurz vor Weihnachten sogar bei mehr als 400 Euro. Das macht es für die Energieanbieter unmöglich, seriös zu kalkulieren. „Aktuell spüren wir eine deutlich erhöhte Nachfrage nach unseren Sonderverträgen“, erklärt Fritz. „Sobald die neu kalkulierten Produkte vorliegen werden wir den Kunden ein Angebot unterbreiten.“

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