Plattform für Genossenschaften

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Von links: Lucas Winkler BWGV, Larissa Betz, Stadtverwaltung, Prof. Dr. Carsten Lecon, Hans-Peter Weber OBE, Luzia Berbecaru und Jannik Rößler Hochschule Aalen, Christina Neufeld wissenschaftli-che Mitarbeiterin der Hochschule, Dr. Karlheinz Bozem Energie-Experte, Prof. Dr. Anna Nagl Hoch-schule, Roderich Kiesewetter Bundestagsabgeordneter, Andreas Ensinger, Überlandzentrale Wörth-Altheim.

Im Land gibt es 150 Bürgerenergie-Genossenschaften. Für diese wurde nun ein Stromhandelsplattform entwickelt. Mit dabei: die Hochschule Aalen und die OstalbBürgerEnergie.

Aalen

Was folgt nach dem Boom? Vor einem Jahrzehnt gründeten sich in Baden-Württemberg zahlreiche Bürgerenergie-Genossenschaften – auch dank der Bestimmungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), dank dem der per Sonne, Wind oder Biogas erzeugten Strom zu einem für 20 Jahre garantierten Preis in das öffentliche Stromnetz eingespeist werden konnte. Durch Änderungen des EEG und dem Ende der Förderzeit für die ersten Anlagen kommt dieses Geschäftsmodell langsam an seine Grenzen. Eine Studie hat nun analysiert, wie sich das Geschäftsmodell weiterentwickeln lässt. Dabei kann eine unter anderem von der Hochschule Aalen konzipierte Stromhandelsplattform eine zentrale Rolle spielen, die nun in den Räumen der VR-Bank Ostalb in Aalen vorgestellt wurde.

Die Vorgeschichte. Die Landesregierung hatte 2020 ein hochschulübergreifendes Kooperationsprojekt unter der Leitung der Prof. Dr. Anna Nagl von der Hochschule Aalen in Kooperation mit Hans-Peter Weber, dem Initiator und Vorstand der OstalbBürgerEnergie eG (OBE) genehmigt. Gemeinsam mit der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg, der Bürgerenergie-Genossenschaft „Erneuerbare Energien Rottenburg“ (EER) sowie der Überlandzentrale Wörth/I.-Altheim AG, wurden in Abstimmung mit dem Managementexperten Dr. Karl-Heinz Bozem Lösungsansätze entwickelt, wie die Geschäftsmodelle der Genossenschaften sowie kleiner und mittelgroßer Energieunternehmen weiterentwickelt werden können.

Die Studie. Zunächst stand die Analyse der aktuellen Situation im Mittelpunkt. 150 baden-württembergische Genossenschaften wurden angefragt. 60 beteiligten sich an der Umfrage. 83 Prozent gründen ihr Geschäftsmodell auf der Einspeisung von Strom aus erneuerbare Energie-Anlagen (EEA) ins Netz gegen eine Vergütung nach dem EEG. 85 Prozent große bis mittlere Herausforderungen hinsichtlich der Anpassung ihrer Geschäftsmodelle. Eine Lösung könnte der Einstieg in den Stromhandel bzw. die Direktvermarktung gesehen, wie rund 80 Prozent angeben.

Das Problem. Derzeit gibt es keine Plattform-Anwendung zu finanziell vertretbaren Preisen für die Genossenschaften. Nagl, Bozem und der Rektor der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, Prof. Dr. Bastian Kaiser, wollen mit OBE und EER Abhilfe schaffen – und haben eine entsprechende Plattform entwickelt. Sie soll den erzeugten Strom bündeln, der an die Genossenschaftsmitglieder und Kunden verkauft werden soll.

Die Plattform. Wichtig sei für die Vermarktung vor allem, die Produktions- und Verbrauchsmengen genau vorherzusagen, so die Experten. Dies soll mit auf künstlicher Intelligenz basierende Prognosen gelingen, wobei hier insbesondere Wettervorhersagen, kalendarische Ereignisse mit zu berücksichtigen sind. Hierzu sei auf die Expertise von Prof. Dr. Carsten Lecon und der akademischen Mitarbeiterin Christina Neufeld von der Hochschule Aalen zurückgegriffen worden, so die Verantwortlichen. Die in dem Forschungsprojekt entwickelte Basis-Plattform steht als sogenannte „Open-Source-Lösung“ allen Bürgerenergie-Genossenschaften und EE-Unternehmern kostenfrei zur Verfügung.

Im Rahmen der Abschlusspräsentation im Hause der VR-Bank wurde die Plattform in ihrer Basisversion vorgestellt. So können sich Strombezieher (etwa Mitglieder der Bürgerenergie-Genossenschaften, Kunden von Stadtwerken) und Stromlieferanten (z.B. PV-Anlagenbetreiber) über die Plattform als Kunden anmelden, um dann garantiert „grünen Regionalstrom“ zu beziehen oder zu liefern.

Nagl wies in einem Statement auf die an der Hochschule Aalen vorhandene Kompetenz hin, die es ermöglicht, derartige zukunftsfähige Lösungen zu entwickeln. "Diese Kompetenz", so Nagl weiter, "dient nicht nur der Entwicklung von Plattformen für Energieunternehmen." Vielmehr könne diese Technologie auch in anderen Geschäftsfeldern, z. B. bei Verkehrsthemen in Form intelligenter Pendler-Apps erfolgreich angewendet werden. Für den baden-württembergischen Genossenschaftsverband BWGV ist wiederum die entwickelte Anwendung für Bürgerenergie-Genossenschaften überaus wichtig, da sie den Genossenschaften für die Weiterentwicklung von deren Geschäftsmodellen wichtige Impulse liefere, wie der zuständige Bereichsleiter Lucas Winkler, betonte.

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