Radikaler Umbruch im Wald

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Abrasiert, geknickt, gesplittert: Sturmschäden im Wald bei Lauterburg.
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Die Bäume wachsen nicht mehr in den Himmel: Wie der Klimawandel und seine Folgen das Geschäft mit dem Holz auf der Ostalb bedrohen und umkrempeln.

Essingen-Lauterburg

Geknickt, abgedreht, gesplittert, gesprungen, abrasiert: Philipp von Woellwarth traute seinen Augen nicht, als er sah, was ein Wirbelsturm Ende August mit den Bäumen in seinem Wald bei Lauterburg angerichtet hatte. "Das war ein Schock", sagt der Eigentümer des Forstgutes Hohenroden. 500 Festmeter Holz lagen kreuz und quer wie Mikadostäbe in einer Schneise. Wer mit Wald Geld verdient, rechnet in Festmetern, Kubikmetern reine Holzmasse ohne Zwischenräume. Auch Stefan Mayer, Land- und Forstwirt aus Rosenberg, tut das: Bei ihm hat eine ähnliche Windhose im Jahr 2006 rund 1500 Festmeter Holz im Gebiet Zumholz vernichtet. Mayer weiß das Datum noch genau: "Der 20. Juni, das war mitten im Sommermärchen."

"Das sind extreme Wetterereignisse, die aber natürlich immer häufiger werden", sagt Jörg Hirsch, Leiter des Forstreviers Heubach. Dass sich das Klima ändert, kann niemand ernsthaft übersehen, der Forstwirtschaft betreibt.

Dabei kommt der Ostalbkreis, der zu knapp 40 Prozent bewaldet ist, noch glimpflich weg. Borkenkäferplagen gab es praktisch überall rundherum – nur nicht hier. Im Harz, im Sauerland, in Mittel- und Norddeutschland sind mittlerweile riesige Gebiete mit abgestorbenen Bäumen und Kahlflächen zu sehen.

Hauptproblem: Drei Dürresommer in Folge

Das Hauptproblem, die Dürre, ist aber auch auf der Ostalb nicht zu übersehen. Drei Hitzesommer in Folge, das hält der beste Wald nicht aus. Eine Fichte verkraftet fünf bis sechs Wochen ohne Niederschlag im Sommer, schätzt Helmut Stanzel, Geschäftsführer der Forstwirtschaftlichen Vereinigung Schwäbischer Limes, die für die privaten Waldbesitzer die Vermarktung übernimmt. Wenn 10 bis 14 Wochen der Regen ausbleibt, wird es kritisch.

"Die Furcht ist groß in der ganzen Szene", sagt Helmuth Waizmann, der als Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft Ellwangen die Waldbauern vertritt. 260 000 Hektar sind in Deutschland aufzuforsten. Das Problem: Ist der Wald oben weg, wächst unten nur schwierig etwas nach. Zum einen stoßen die Forstleute an ihre Grenzen. "Wir konnten in diesem Frühjahr gar nicht nachpflanzen – es war einfach zu trocken", weiß Revierleiter Hirsch. In anderen Jahren seien von 3000 nachgepflanzten Bäumen 2000 eingegangen.

Aufforsten ist teuer und bringt manch privaten Waldbesitzer an seine Grenzen. Pro Hektar sind dafür 15 000 bis 25 000 Euro fällig, rechnet Waizmann vor. Schließlich muss auch an den Schutz vor Wildverbiss und Verfegen gedacht werden. Aber womit bezahlen? Früher fällte der Waldbesitzer seine Bäume im Winter und hatte genug Geld, um in den Wald für kommende Generationen zu investieren.

Dieses Prinzip ist in Gefahr. Von den 500 Festmetern, die der Sturm in Lauterburg gefällt hat, sind 100 gar nicht mehr verwertbar. Der Rest ist schwierig zu vermarkten. Der Preis für sogenanntes Kalamitätsholz ist im freien Fall. Bäume, die nicht planmäßig im Winter gefällt werden, sondern wegen extremer Ereignisse schnell weg müssen, werden immer mehr. Von den rund 100 Euro, die der Festmeter 2013 einbrachte, ist man meilenweit entfernt. "Die Sägewerke sind rappelvoll", sagt Waizmann. Hinzu komme, dass Holz in großem Stil billig aus osteuropäischen Ländern importiert werde. Dort lege man keinen Wert auf nachhaltige Forstwirtschaft und Pflege.

Also das Schadholz gar nicht mehr aufarbeiten und nur die Wege sichern? "Dann entstünde zunächst eine krautige Schicht, dann kommen Bäume zweiter Ordnung nach. So ein natürlicher Prozess kann 50 bis 100 Jahre dauern", so Hirsch. Für die Waldwirtschaft keine Option.

Die Furcht ist groß in der ganzen Szene.

Helmuth Waizmann Waldbauer

Wachsen bald Palmen auf der Ostalb?

Wohin geht die Reise? Die Zeit der Fichte scheint vorbei. In vergangenen Jahrzehnten war der schnell wachsende Baum, der sich gut als Bauholz verarbeiten lässt, die klare Nummer Eins. Die Klimaerwärmung sorgt dafür, dass sie mittlerweile nur noch in höheren Lagen oder gar nicht mehr nachgepflanzt wird. Aber auch die Buche, typischer Baum der Schwäbischen Alb und als Brennholz gefragt, leidet stark unter der Trockenheit.

"Wachsen Palmen bald am Chiemsee?" fragt die Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in einem Beitrag. Palmen und andere Exoten sind keine Option für die Ostalb. Elsbeere, Edelkastanie, Schwarzkiefer und Hainbuche zwar schon. "Aber nicht flächendeckend", sagt Waizmann. Solche Bäume, die besser an trockeneres Klima angepasst sind, werden vereinzelt eingesetzt, um eine Mischung zu erreichen.

Große Hoffnungen setzt die Forstwirtschaft in die Douglasie. Sie kommt mit dem derzeitigen und prognostizierten Klima sehr gut zurecht. Aber ist der Nadelbaum, der aus Nordamerika stammt, ein Allheilmittel? Forstpraktiker winken ab: "Die Douglasie ist eine Mimose im Jugendalter", sagt Philipp von Woellwarth. Sie sei extrem schwierig zu schützen und hochzubringen.

Natürliche Verjüngung – so lautet eine der wichtigsten Strategien. Junger Wald wächst nach, bevor der alte komplett zerstört ist. Hirsch sagt: "Unter Fichten wächst oft Holunder. Den hauen wir weg. Sonst kann nichts Junges nachwachsen." Eine Hoffnung haben die Forstleute: Nachwachsende Generationen von Bäumen – auch von Buchen und Fichten – könnten sich von alleine besser auf die neuen Klimabedingungen einstellen als ihre Vorgänger.

Manche Forstexperten prognostizieren, dass in Deutschland künftig eher Wälder zu sehen sein werden wie bis jetzt in mediterranen Ländern. Auch dort existiert Forstwirtschaft, die Erträge sind aber deutlich geringer. Die Bäume wachsen nicht mehr in den Himmel. "Man wird dazu kommen, dass die Wälder nicht mehr 100 Jahre alt werden", sagt Waizmann. Das Risiko ist einfach zu hoch.

Mancher Umweltschützer fordert noch radikalere Lösungen: Den Wald gar nicht mehr bewirtschaften und nur noch als Erholungsort und Lebensraum für Tiere und Pflanzen belassen? Für Waizmann undenkbar. An der Forstwirtschaft hingen in Deutschland mehr Arbeitsplätze als an der Automobilindustrie. Und ein ökologisches Baumaterial, das regional und klimaschonend erzeugt werde und auf kurzen Wegen transportiert werden kann, ginge verloren.

Im Wald von Philipp von Woellwarth hat nun der Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter eine kleine Eiche gepflanzt. Dass dies nur eine symbolische Aktion sein kann, wissen alle Beteiligten. Revierleiter Hirsch drückt aus, was alle denken: "Guter Rat ist teuer."

Guter Rat ist teuer (von links): Waldbesitzer Philipp von Woellwarth, Revierleiter Jörg Hirsch, Helmuth Waizmann (Forstbetriebsgemeinschaft Ellwangen), Helmut Stanzel (FV Schwäbischer Limes), Land- und Forstwirt Stefan Mayer und Emil Holz (Realgenossenschaft Essingen).

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