Rentschler zur Ukraine-Krise: „Dann ist ein Kollaps zu befürchten“

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Thilo Rentschler.
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IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler über die Folgen des Kriegs für die Wirtschaft, ein etwaiges Energieembargo gegen Russland und mögliche Entlastungen für Verbraucher und Betriebe.

Wie stark sind die IHK-Betriebe in der Region derzeit von den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs betroffen?

Wie alle Betriebe in Deutschland und Europa sind auch unsere Mitgliedsunternehmen von diesem Krieg betroffen. Derzeit läuft eine IHK-Umfrage unter den Betrieben und das erste Feedback, das wir bereits erhalten haben, ist eindeutig: 12 Prozent der Befragten sind direkt, 65 Prozent indirekt betroffen, insgesamt spüren also mehr als drei Viertel der Betriebe die Auswirkungen. Das ist eine durchaus heftige Zahl, wobei der Grad der Betroffenheit natürlich variiert. Wir wissen von sechs Firmen, die eine Niederlassung in Russland betreiben, hier sind die Konsequenzen natürlich noch ausgeprägter.

In der Öffentlichkeit werden vor allem die steigenden Energiepreise, die die Wirtschaft belasten, thematisiert. Ist das nicht zu kurz gedacht?

Es sind nicht nur die Energiepreise, die die Unternehmen belasten, sondern auch die gestiegenen Kosten für Rohstoffe. Die Preise waren schon durch die Folgen der Corona-Pandemie und der Lieferkettenproblematik auf einem sehr hohen Niveau und steigen nun weiter. Zudem verschärfen sich die Herausforderungen für die Lieferketten; einzelne Störungen können zu ganzen Kaskaden von daraus resultierenden Auswirkungen führen. Nicht zuletzt verschärft diese Krise auch das Problem des Fachkräftemangels. Das betrifft beispielsweise die Logistikbranche, der nun Tausende Berufskraftfahrer aus der Ukraine fehlen, da viele von ihnen zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Der Brexit hat uns mit den kilometerlangen Schlangen vor den Fähren erst vor wenigen Monaten aufgezeigt, welche Effekte ein Fahrermangel auf die Lieferketten haben kann. Die Auswirkungen gehen also weit über die steigenden Energiepreise hinaus und führen natürlich in der regionalen Wirtschaft zu großen Sorgen – zumal ja derzeit nicht absehbar ist, dass sich an diesem Status quo so schnell etwas ändert.

Wie ist die aktuelle Lage angesichts der steigenden Energiepreise, vor allem bei den energieintensiven Betrieben in der Region?

Natürlich sind sie bereits jetzt ein sehr großes Problem – und man mag sich kaum ausmalen, was geschieht, wenn die russischen Energielieferungen in Form von Gas, Öl und Kohle komplett ausbleiben sollten, egal aus welchem Grund. Dann wäre die Energieversorgung akut in Gefahr und ein Kollaps zu befürchten. Es gibt derzeit schlicht keine technische Möglichkeit, zum Beispiel energieintensive Betriebe über Nacht von Gas auf eine andere Energiequelle umzustellen. Diese Unternehmen haben einen so hohen Bedarf, den man nicht einfach substituieren kann. Wenn die Energie ausbleibt, wird dort nicht mehr produziert. Das betrifft eben nicht nur Luxusautos für den Export, sondern alle Güter. Deshalb ist die Ansicht, dass ein Lieferstopp nur die Wirtschaft trifft, falsch: Wenn Energie rationiert wird, kann nicht mehr ausreichend produziert werden, zum Beispiel Lebensmittel – es wäre sofort eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, von der alle direkt betroffen wären.

In der Politik mehren sich die Rufe nach einem Energieembargo gegen Russland. Wären die Folgen für die Wirtschaft überhaupt absehbar?

Ich habe da unseren ehemaligen Bundespräsidenten im Ohr, der meinte, dass man für die Freiheit ja ein bisschen frieren könne. Das greift deutlich zu kurz, die Dimension eines Embargos wäre eine ganz andere: Energie, egal in welcher Form, ist lebensnotwendig, damit eine Gesellschaft funktionieren kann. Ohne Energie kann kein Krankenhaus betrieben, keine OP-Ausrüstung produziert, keine Lebensmittel hergestellt werden – wir leben in einem hochvernetzten, hochgradig arbeitsteilig organisierten System, in dem alle Akteure miteinander verzahnt sind. Wenn es an einer Stelle klemmt, sind die Auswirkungen an vielen Stellen spürbar. Das hat uns die Corona-Pandemie schon eindrücklich gezeigt. Deshalb will ich mir nicht ausmalen, was passiert, wenn wir nun kurzfristig auf einen großen Teil der Energielieferungen verzichten. Man sollte bei politischen Entscheidungen dieser Tragweite deshalb immer vom Ende her denken. Dass die Energieversorgung neu aufgestellt werden sollte, ist unstrittig, aber eben ein Prozess, der langfristig organisiert werden muss. Deshalb war es wichtig, dass die Ampel-Koalition diese Entscheidung zum russischen Gas bislang nüchtern und sachlich analysiert und abgewogen hat.

Ist ein Energieembargo ein Szenario, mit dem sich die Firmen beschäftigen?

Wir machen uns natürlich Gedanken und stehen mit den Mitgliedsfirmen in engem Austausch, etwa über Videokonferenzen, um Informationen zusammenzutragen und branchenspezifische Hilfeleistungen geben zu können. Den Unternehmen geht es im Zuge dieser Krise aber nicht nur darum, mit den steigenden Preisen fertig zu werden oder die Lieferketten aufrecht zu erhalten, sondern auch darum, dabei zu helfen, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Die Wirtschaft stellt sich dieser Verantwortung, die Solidarität und Hilfsbereitschaft ist sehr groß. Es gilt aber auf jeden Fall sich jetzt in den Unternehmen mit Worst-Case-Szenarien zu beschäftigen. Ein Embargo oder ein Lieferstopp von russischem Gas könnte sehr schnell eintreten. 

Die Ampel hat ein Maßnahmenpaket zur Abmilderung der steigenden Energiekosten vorbereitet. Wie bewerten Sie die geplanten Maßnahmen und welche wären aus Ihrer Sicht für die Wirtschaft sinnvoll?

Ich wünsche mir, dass die Bundesregierung mit in Betracht zieht, dass der Staat über diverse Abgaben bis zu einem gewissen Grad von der aktuellen Preisbildung profitiert: Je höher die Preise für Öl, Gas, Diesel oder Benzin, desto mehr Mehrwertsteuer nimmt der Staat ein. Deshalb erwarte ich, dass er diese Mehreinnahmen an die Verbraucher zurückgeben wird. Allerdings sind die Verhandlungen über die geplanten Maßnahmen noch in einem frühen Stadium. Was ich allerdings schon heute ablehnen würde, wäre eine Mehrwertsteuersenkung wie während der Corona-Pandemie. Dafür wurde ein höchst kompliziertes Modell entwickelt, das mehr Bürokratie als Nutzen gestiftet hat. Die jetzige Entlastung muss so unbürokratisch wie möglich sein: Wir brauchen pragmatische, schnelle Hilfe und keine komplizierten Erstattungsmodelle, die die Steuerliteratur um viele Seiten erweitern würden.

Wie wirkt sich der Ukraine-Krieg auf die Zukunftsoffensive Ostwürttemberg aus, deren Workshops in diesen Tagen starten?

Wir werden die Workshops auch unter diesen, deutlich härteren Gesichtspunkten angehen und die neuen Herausforderungen, die dadurch auf die Region zukommen, diskutieren. Das reicht von Fragen der Logistik, der Abhängigkeit von Stromimporten hin zum großen Schlagwort der Resilienz und damit der Frage: Wie widerstandsfähig ist unsere Infrastruktur angesichts von Krisenszenarien? Und nicht zuletzt müssen wir uns damit beschäftigen, wie wir die jüngere Generation, die in ihrem Leben nur Frieden, Wachstum und Wohlstand in Europa gewohnt war, auf diese neue Zeit vorbereiten können. 

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