Röhm geht in Kurzarbeit: „Wir werden diese Krise meistern“

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Stammsitz von Röhm in Sontheim.
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Röhm geht in Kurzarbeit, laut Geschäftsführer Gerhard Glanz fordern die multiplen Krisen Tribut – und er übt scharfe Kritik an die Politik.

Sontheim

Gerhard Glanz ist derzeit nicht zu beneiden. „Eine Krise jagt die nächste“, sagt der Geschäftsführer der Röhm-Gruppe in Sontheim. Erst setzte die Krise auf dem Auto 2019 ein, dann folgte die Corona-Pandemie – und in diesem Jahr der russische Angriffskrieg samt gestiegener Energiepreise und Inflation. „Wir spüren als Spannmittelhersteller konjunkturelle Bewegungen direkter als andere Firmen. Nicht nur der Konsument steht derzeit auf der Bremse, auch die Industrie“, sagt Glanz. Die Folge: Die Nachfrage ist in vielen Geschäftsbereichen zurückgegangen und führt zu Arbeitsausfall. Die Konsequenz: Röhm ist in Kurzarbeit gegangen. Glanz betont aber: „Um Röhm muss sich niemand sorgen. Wir werden aus der aktuellen Krise gestärkt hervorgehen – wie schon aus den Krisen zuvor.“

Von der Kurzarbeit sind rund 70 Prozent der Belegschaft in Sontheim und Dillingen betroffen. Wie lange die Arbeitszeit reduziert wird, sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht abzusehen. Glanz betont: „Röhm ist gut aufgestellt, allerdings spüren wir die konjunkturellen Folgen der globalen Krisen.“ Die Firma beliefert nicht nur Elektrowerkzeugbauer mit Bohrfuttern, sondern auch zahlreiche Werkzeugmaschinenbauer mit Spannmitteln. Dort sei die Nachfrage bereits nach dem Rückgang der weltweiten Automobilproduktion 2019 deutlich gesunken.

Der politisch forcierte Strukturwandel zum elektrifizierten Antrieb habe die Entwicklung beschleunigt. „Für den Verbrennungsmotor und den Antriebsstrang sind zahlreiche, klassische Zerspanungsprodukte nötig, die nun nicht mehr produziert werden“, sagt Glanz. „Das Ende des Verbrenners wirkt sich massiv auf die Werkzeugmaschinenbranche und damit auf die deutsche Industrie aus.“ Die Folgen seien derzeit noch nicht komplett abzusehen. In jedem Fall hemmten sie die Investitionsbereitschaft vieler Autobauer und Zulieferer, so Glanz. Die Folgen der Pandemie hätten die Entwicklung nochmals verschärft.

Von der Corona-Pandemie ein wenig profitiert hat hingegen zunächst der Geschäftsbereich Bohrfutter. Fast alle Premiumhersteller der Elektrowerkzeugbranche beliefert Röhm. Die Nachfrage nach Akkuschraubern und Co war vor allem im ersten Corona-Sommer immens. „Inzwischen steht der Konsument auf der Ausgabenbremse“, sagt Glanz. Größere Heimwerkerprojekte würden angesichts von Inflation und Unsicherheiten hintangestellt, die Lager der Hersteller seien voll – und entsprechend niedrig die Nachfrage nach Bohrfuttern, mit denen Röhm rund ein Viertel des Umsatzes erzielt.

Den größeren Teil erzielt Röhm mit Spannmitteln für die Werkzeugmaschinenbranche. Diesen Firmen sei durch den russischen Angriffskrieg und die Sanktionen zudem ein langfristig interessanter Markt weggebrochen, so Glanz. Gleiches gelte für Belarus, Kasachstan oder Usbekistan. Die in der Folge gestiegenen Preise für Strom und Gas wirken sich auf ein energieintensives Unternehmen wie Röhm ebenfalls empfindlich aus.

„Im vergangenen Jahr 2021 lagen unsere Ausgaben für Strom und Gas bei rund 2,8 Millionen Euro“, sagt Glanz. „Bei gleichem Verbrauch werden die Kosten im nächsten Jahr bei 8,9 Millionen Euro betragen.“ Das Unternehmen hat bereits reagiert: Zwei Drittel der gestiegenen Kosten gebe man über Energiekostenzuschläge, die sich an den aktuellen Preisen am europäischen Spotmarkt orientieren, an die Kunden weiter, ein Drittel soll über „drastische Energiesparmaßnahmen“ kompensiert werden, wie der Geschäftsführer erklärt.

Mit der deutschen Politik geht Glanz in diesem Zuge hart ins Gericht. „Das Chaos in der Energiepolitik ist nicht nachvollziehbar. Es wird Panik geschürt statt die Energieversorgung sicherzustellen.“ Röhm habe, wie viele andere Firmen, massiv investieren müssen, etwa in zwei neue Flüssiggastanks und die Reaktivierung der alten Ölheizung am Standort Sontheim, um im Notfall einer Gasmangellage und eingestellten Lieferungen produktionsfähig zu bleiben. „Die Kosten für das Energiechaos bleiben bei der deutschen Wirtschaft und beim Konsumenten hängen.“ Hinzu komme: „Ich kann nicht verstehen, warum angesichts einer rudimentär ausgebauten Infrastruktur für Elektroautos das Ende des Verbrennungsmotors so intensiv vorangetrieben wird, der Schaden für die deutsche Industrie ist enorm.“

Vor diesem Hintergrund kritisiert er den jüngst geschlossenen Kompromiss im Tarifstreit zwischen Arbeitgebern und IG Metall. „Unterm Strich bedeutet das eine Lohnkostensteigerung von 13,7 Prozent in zwei Jahren. Das kann ich angesichts der konjunkturellen Lage nicht nachvollziehen. Dieser Abschluss ist eine Katastrophe für viele Betriebe. Wir hätten uns in dieser Hinsicht mehr Unterstützung seitens des Arbeitgeberverbands gewünscht.“ Er gehe zwar, wie der Verband davon aus, dass die konjunkturelle Schwächephase bald enden könnte, einen derartigen Abschluss gebe die Auftragslage vieler Betriebe im Land aber nicht her.

Glanz betont jedoch: „Ein Arbeitsplatzabbau steht bei Röhm nicht zur Diskussion. Die derzeitige Lage rührt von externen, nicht internen Faktoren. Röhm hat seine Hausaufgaben erledigt. Wir stehen stabiler da denn je.“ Seit der Übernahme durch die österreichische Rothenberger-Holding im Jahr 2017 habe sich Röhm gut entwickelt, in fast jedem Geschäftsjahr schwarze Zahlen geschrieben. „Wir mussten keine Gewinne an die Mutterholding abführen und konnten entsprechend ins Unternehmen investieren. Wir sind gesund und arbeiten, sobald das Markumfeld sich wieder normalisiert, entsprechend profitabel.“ Davon zeuge die Eigenkapitalquote von fast 60 Prozent. „Wir sind bereit für diese Krise. Sie wird uns nicht unterkriegen!“

Röhm, Geschäftsführer, CEO, Gerhard Glanz

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