So klappt der „grüne Deal“ auf der Ostalb

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Experten sehen im Wandel zur Nachhaltigkeit Chancen und Risiken für die heimische Wirtschaft.
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Bei einer Podiumsdiskussion haben Vertreter aus Wirtschaft und Politik über Fördermilliarden, Wasserstoff und Energienetze diskutiert.

Aalen

Unter dem Motto „Green Deal“ möchte Europa bis 2050 als erster Kontinent klimaneutral werden. Was dieses EU-Ziel für die Ostalb bedeutet, haben Vertreter aus Politik und Wirtschaft im Aalener Landratsamt diskutiert. 70 Teilnehmer folgten der Veranstaltung der Wirtschaftsförderung des Ostalbkreises, des EURO-Point Ostalb und der IHK Ostwürttemberg online.

„Granatenmäßiger Wandel“

Mit der Initiative Zukunft Ostwürttemberg möchte die Region die Transformation anpacken: „Das wird kein Selbstläufer, sondern unsere produktionsnahe Wirtschaft massiv verändern“, sagte Landrat Dr. Joachim Bläse über Klimaschutz, Energiewende, veränderte Mobilität und Digitalisierung. Von einem „granatenmäßigen Wandel“ sprach gar IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler. Dieser Wandel allerdings müsse gelingen, „ohne dass wir wirtschaftliche Prosperität und Wertschöpfung aufs Spiel setzen“. Aus Sicht der Wirtschaft seien schlanke Genehmigungsverfahren und erschwingliche Strompreise unerlässlich.

Der europäische Weg

Welchen Weg Europa mit dem 2019 vorgestellten „Green Deal“ geht, skizzierte Dr. Renke Deckarm vom Münchner Büro der Europäischen Kommission. Mit Schritten in den Bereichen Klima, Energie, Landnutzung, Verkehr und Steuern sollen die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 sinken. Die 750 Milliarden Euro Investitionen des großen Aufbauplans „Next Generation EU“ sollen zum Großteil in Klimaschutz und Digitalisierung fließen. Zudem wird CO2 durch das EU-Emissionshandelssystem bepreist. „Den Emissionshandel wollen wir als erfolgreiches Instrument fortsetzen und auf Bereiche wie Wohnen und Verkehr ausweiten“, so Deckarm.

„Eine sportliche Aufgabe“

Dr. Sebastian Bolay, Referatsleiter Energiepolitik des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zögerte nicht, „Wasser in den Wein zu kippen“. Derzeit decke Deutschland seinen Energiebedarf zu rund 17 Prozent aus erneuerbaren Quellen. „Richtung 100 Prozent zu kommen ist eine sportliche Aufgabe.“ Die CO2-Bepreisung, die die momentan ohnehin hohen Strom- und Gaspreise verteuere und das nationale Emissionshandelsgesetz BEHG belasteten die Wirtschaft zusätzlich. Marktchancen für „grüne Produkte“ gebe es nur, wenn die Abnehmer auch von Zwischenprodukten bereit seien, dafür zu zahlen: „Besonders viel Zahlungsbereitschaft sehen wir da nicht“, so Bolay.

Heiß umkämpfter Markt

Aus der Praxis berichtete Hermann Stark, geschäftsführender Gesellschafter des Anlagenbauers VAF GmbH in Bopfingen, der seit 2016 auf Elektromobilität setzt und inzwischen rund 70 Prozent des Umsatzes mit Lösungen für nachhaltige Technologien erzielt. Eine Montageanlage für den Stator des Audi-E Tron haben die Bopfinger ebenso produziert wie Anlagen für die Batteriemodul- und Batteriesystemmontage. Der Preiskampf in diesen Zukunftsfeldern sei enorm, betonte Stark. „Jeder Wettbewerber will in diesen Bereich rein, es gibt gigantische Nachlässe.“ Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen ist für Stark eine Selbstverständlichkeit, alleine schon, weil sie die Automobilhersteller und andere Kunden von den Zulieferern verlangen. Neuerdings werden mit VAF-Anlagen auch Elektrolyseure gefertigt, die mithilfe von Windstrom Wasserstoff erzeugen. Als Speichermedium sowie als möglicher Treibstoff für Lkw, Schiffe und Flugzeuge sieht Stark im Wasserstoff großes Zukunftspotenzial .

Netze dringend ausbauen

Für Sebastian Maier, Vorstand des Energieversorgers EnBW ODR, führt der Weg zu Energiewende und regionaler, klimaverträglicher Stromerzeugung über den massiven Ausbau der Netze. Schon jetzt seien rund 33 000 Strom erzeugende Anlagen an das Verteilnetz der ODR angeschlossen. „Dafür brauchen wir eine deutliche Verschlankung der Genehmigungsverfahren“, mahnte er an. Das Verfahren für eine Stromtrasse von Goldshöfe ins Ries gehe nun bereits ins sechste Jahr, kritisierte Maier.

Beihilfekulissen sind nötig

Michael Kleiner Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, stimmte dem im Grundsatz zu. Mit den Worten „Wir als Land Baden-Württemberg stehen im Wettbewerb mit Regionen, die schwächer sind“ forderte er von der EU „Beihilfekulissen“, um die Transformation der Wirtschaft besser fördern zu können.

Beschäftigte qualifizieren

Vor dem Wandel sei ihm „nicht bange“, so Kai Bliesener, 1. Bevollmächtigter der IG Metall im Ostalbkreis: Für die Unternehmen gelte es allerdings, jetzt in Technologien zu investieren, die erst in fünf oder zehn Jahren Gewinn abwerfen und, noch wichtiger: die Beschäftigen entsprechend zu qualifizieren. „Einige Unternehmen haben hier die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt“, so Bliesener.

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