So trifft die Ukraine-Krise die Wirtschaft im Ostalbkreis

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Die Collage zeigt die Werke: Bosch Automotive Steering in Schwäbisch Gmünd (oben links), Weleda AG im schweizerischen Arlesheim (oben rechts), Zeiss unten links, Stammsitz von ADK Modulraum in Neresheim (unten rechts)
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Die Börsen stehen unter Druck, die Energiepreise steigen – und auch die Geschäfte regionaler Firmen vor Ort werden vom Krieg in Osteuropa überschattet.

Schwäbisch Gmünd

Die Ukraine-Krise und der Einmarsch Russlands hält die Welt in Atem – und mit ihr die Wirtschaft. Die Börsen stehen massiv unter Druck, die Energiepreise drohen weiter zu steigen. Auch Firmen in der Region mit Verbindungen nach Russland sind von den Entwicklungen betroffen, allerdings in unterschiedlichem Maße. Denn bereits seit 2014, als Sanktionen gegen Russland erlassen wurden, sind die Geschäfte im oder mit dem größten Land der Welt rückläufig.

Die Statistik Im Jahr 2020 sind die Ausfuhren von Baden-Württemberg (Zahlen für die Region Ostwürttemberg gibt es nicht) nach Russland laut des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) um 17,5 Prozent auf rund 2,9 Milliarden Euro gesunken. 2021 stiegen sie wegen des Endes vieler Corona-Restriktionen wieder auf 3,8 Milliarden Euro. Damit liegt Russland auf Rang 16 aller Exportländer, hinter Japan und vor der Türkei. Hauptsächlich werden Maschinen und Fahrzeuge/Kraftwagenteile (plus 85 Prozent in 2021) mit einem Wert von jeweils gut 1,1 Milliarden Euro exportiert. Aber: Das beste Jahr 2012 mit einem Rekordhoch von 5,3 Milliarden Euro ist schon eine Weile her. Laut einer Datenbank der IHK Ostwürttemberg unterhalten einige Dutzend Firmen aus Ostwürttemberg Geschäftsbeziehungen nach Russland. Die Ukraine wiederum ist mit einem Exportvolumen von lediglich 600 Millionen Euro auf Rang 45 der wichtigsten Auslandsmärkte für den Südwesten.

Wachstum in Russland Die Weleda AG ist eine der wenigen Firmen, deren Russland-Geschäft in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Der Grund: „Kosmetikartikel unterliegen bis jetzt keinen Sanktionen“, sagt Weleda-Sprecher Tobias Jakob. „Das Geschäft in Russland hat sich zuletzt gut entwickelt, die Nachfrage nach unseren Produkten ist groß.“ Inzwischen arbeiten 40 Menschen am Weleda-Standort in Moskau. Zwar geht man bei der Weleda nicht davon aus, dass Kosmetikartikel angesichts der aktuellen Entwicklung sanktioniert werden, dennoch behalte man die Lage im Auge, so Jakob.

Auch in der Ukraine unterhält Weleda eine Niederlassung, die erst vor einigen Jahren gegründet wurde und in der inzwischen 15 Menschen für das Schweizer Unternehmen mit größtem Standort in Gmünd arbeiten. Laut Jakob hatte sich der ukrainische Markt zuletzt ebenfalls positiv entwickelt. „Die Lage ist derzeit sehr dynamisch, wir halten deshalb aktuell engen Kontakt zu unseren Mitarbeitenden in Kiew und Moskau“, unterstreicht der Weleda-Sprecher.

Standorte in der Region Der Zeiss-Konzern betreibt ebenfalls Standorte in der Region, in Russland hat der Konzern rund 200 Mitarbeitende, in der Ukraine liegt Anzahl der Beschäftigten laut Zeiss-Sprecherin Sarah Hailer im niedrigen zweistelligen Bereich. „Zeiss verfolgt die tagesaktuellen Entwicklungen in der Region aufmerksam und ist mit den Mitarbeitenden vor Ort in Kontakt“, sagt sie. Allzu große Auswirkungen auf den Umsatz dürfte die Ukraine-Krise nicht haben. „Russland gehört nicht zu den Top-Ten-Märkten von Zeiss“, erläutert Hailer. Inwieweit Zeiss vom internationalen Zahlungsverkehr beeinflusst und inwiefern die Situation auf das Geschäft in Russland Einfluss haben werde, bleibe abzuwarten.

Auch bei Bosch beobachtet man die  Entwicklungen „mit großer Sorge“. Wirtschaftlich hat der russische Markt für den Gmünder Lenksystemhersteller Automotive Steering nur eine geringe Bedeutung. „Wir beliefern wenige russische Kunden mit Lkw-Lenksystemen”, erklärt Stefan Grosch, als Mitglied des Bereichsvorstands der Robert Bosch Automotive Steering GmbH unter anderem zuständig für die Region Russland. Der russische Anteil am AS-Gesamtumsatz betrage aktuell lediglich ein Prozent. „Dabei entwickelte sich der Umsatz in diesem Markt mit LKW-Lenksystemen in den vergangenen Jahren stark rückläufig. Grund dafür ist ein vermehrt zunehmender Preiswettbewerb”, so Grosch weiter. Im ukrainischen Markt sei Bosch AS aktuell nicht direkt tätig. “Die Auswirkungen auf unsere Kunden in Westeuropa, die im russischen und im ukrainischen Markt ihre Fahrzeuge vertreiben, bewertet aktuell der Krisenstab.“

Der gesamte Bosch-Konzern beschäftigt in Russland 3400 Menschen. „In der Hoffnung, dass bald wieder am Verhandlungstisch nach einer diplomatischen Lösung gesucht wird, trifft die Robert Bosch GmbH alle erforderlichen Vorkehrungen für den Schutz der Mitarbeiter vor Ort“, heißt es dazu vom Unternehmen. Zugleich arbeite ein Krisenstab daran, die Auswirkungen auf die Kunden vor Ort möglichst begrenzt zu halten. „Dabei werden natürlich alle aktuellen und zukünftigen Regularien beachtet. Bosch ist in Russland langfristig aufgestellt und seit 1904 in dem Land präsent“, teilt das Unternehmen weiter mit.

Gute Geschäfte hat die Neresheimer ADK Modulraum noch vor wenigen Jahren in Russland gemacht. Doch inzwischen sind die Härtsfelder nicht mehr dort aktiv, erklärt Geschäftsführer Robert Kohler. Die Gründe: die Sanktionen von 2014, der schlechte Rubelkurs und die hohe Inflationsrate. Die Neresheimer bauen komplette Gebäude aus Modulen an ihrem Stammsitz und liefern diese, etwa Krankenhäuser, Pflegeheime oder Hotels von dort an den jeweiligen Bestimmungsort.

In Russland waren vor allem Krankenhäuser gefragt, die von ADK komplett (inklusive Anlagen wie CTs oder MRTs) vormontiert wurden. „Seit 2008 hatten wir uns hier einen guten Markt mit guten Kontakten aufgebaut“, erläutert Kohler. ADK hatte deshalb sogar eine Tochterfirma in Moskau gegründet, die inzwischen jedoch wieder aufgelöst wurde. Das bislang letzte Projekt in Russland hat die Firma im Jahr 2016 abgeschlossen. Für die Olympischen Winterspiele in Sotchi 2014 hatten die Neresheimer das Dopinglabor gebaut und nach Russland exportiert. ADK bekomme laut Kohler immer wieder Anfragen, die man letztlich aber ablehne. Die aktuelle Lage wird das so schnell nicht ändern.

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