Solar-Boom auf Deutschlands Dächern

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Die Zahl der Photovoltaik-Anlagen in der Region nimmt weiter zu. Deshalb muss auch das Stromnetz weiter ausgebaut werden.
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Die steigenden Energiepreise beleben die lange darbende deutsche Solar-Branche. Die riesige Nachfrage bringt jedoch die Installationsbetriebe an ihre Grenzen – und wird vom Gesetzgeber nochmals befeuert.

Aalen.

Es ist dieser Tage gar nicht so einfach, einen Fachmann für Photovoltaik ans Telefon zu bekommen. Der Grund ist simpel: So gut wie jeder Handwerksbetrieb oder Planungsbetrieb ist derzeit voll ausgelastet. Die Branche boomt. Die steigenden Preise für Energie rufen immer mehr Häuslebesitzende auf den Plan, immer im Sinn, den galoppierenden Kosten für den Strom ein Schnippchen zu schlagen, indem man diesen einfach selbst produziert. Folge: Die Stimmung innerhalb der Solarbranche in Deutschland hat laut Branchenverband BSW den höchsten Stand seit Beginn ihrer Messung im Jahr 2005 erreicht. Doch das führt auch zu Problemen.

„Wir befinden uns derzeit in einem Spannungsfeld“, berichtet Timo Seitz von Enerix Ostalb, einem PV-Dienstleister aus Heubach. Die Energiepreise steigen, hinzu kommt die Solardachpflicht, die ab dem 1. Mai auch für private Hausbauende gilt. Die Folge: „Die Nachfrage war schon zuvor recht hoch, jetzt ist sie regelrecht explodiert“, sagt Seitz. Auch er ist auf dem Sprung, viele Interessenten warten auf noch auf Rückmeldung oder Angebot. „Derzeit liegt die Wartezeit bei bis zu acht Wochen. Bis zur Installation kann es bis zu neun Monate dauern.“

Dabei sind Bayern und Baden-Württemberg bereits jetzt führend bei der installierten Solarleistung. Knapp 40 Prozent der deutschlandweit installierten Leistung stand 2020 laut Bundeswirtschaftsministerium im Ländle (fast 7000 Megawatt) oder im Freistaat (mehr als 14 000 Megawatt). Laut Fraunhofer ISE lag der Anteil der Solarenergie am gesamten Strommix in 2021 mit rund 50 Terrawattstunden bei rund zehn Prozent. Das ist in etwa doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Tendenz steigend. „Es ist das größte Wachstum in den vergangenen Jahren“, sagt auch Seitz. Die gestiegene Nachfrage trifft dabei nicht nur auf der Handwerksebene auf begrenzte Kapazitäten.

Denn ist es gerade einmal ein paar Jahre her, dass sich die PV-Branche in einer Krise befand. Wurden 2010 in Deutschland laut dem Datenportal Strom-Report noch 19,4 Milliarden Euro in den Bau neuer PV-Anlagen investiert, waren es 2016 noch ganze 1,58 Milliarden Euro. Der Hauptgrund: Die Einspeisevergütung, die von anfangs 60 Cent je Kilowattstunde auf mittlerweile unter 7 Cent pro Kilowattstunde gesunken ist.

PV-Pflicht ab 2023 auch für Dachsanierungen

Einschnitte, Preisverfall und Wettbewerbsdruck führten im vergangenen Jahrzehnt zu zahlreichen Insolvenzen unter den deutschen Solar- und PV-Firmen. Innerhalb von fünf Jahren gingen laut dem Datenportal Strom-Report bis 2015 fast 77 000 Arbeitsplätze in Deutschland verloren – und damit Produktionspotenzial, das heute fehlt. „Der Markt ist begrenzt durch die Kapazitäten“, erklärt Seitz. Zwar bauten mehrere Firmen derzeit in Deutschland Produktionslinien für Module auf, doch bis die in den Markt wirken, dürfte es noch dauern.

Nicht nur die steigenden Energiepreise sorgen für immer mehr Nachfrage, seit 1. Mai gilt für private Hausbauende die Photovoltaikpflicht beim Bau von Wohngebäuden. Und: Ab dem Jahr 2023 gilt die Photovoltaikpflicht auch für alle grundlegenden Dachsanierungen. „Mit dieser Pflicht gießt man weiteres Öl ins Nachfragefeuer“, sagt Seitz. „In der Branche sehen wir das eher kritisch. Hier wird ein künstlicher Wettbewerb geschaffen.“ Der wiederum weitere Kapazitäten binde und die Preise steigen lasse.

Während die Preise für die Module in den vergangenen Jahren trotz wachsender Leistung und verbesserter Effizienz der Technik gefallen sind, verteuerten sich die Preise für Material und Arbeitszeit teils dramatisch. In aller Munde sind die Preissteigerungen für Aluminium und Edelstahl, die sich wie die Logistikkosten auf die Projektkosten auswirken. Seitz empfiehlt dennoch, bei der Auswahl der Anlage auf hochwertige Materialien zu setzen. „Die Anlage sollte ja 30 bis 40 Jahre laufen. Bei diesem Zeithorizont ergibt es wenig Sinn, am falschen Ende zu sparen.“ Bei deutschen Modulherstellern habe man etwa einen direkten Ansprechpartner. Seine Empfehlung: „Langfristig planen und nicht übers Knie brechen.“

Bei allem Hype um die Photovoltaik führt die Solarthermie derweil in der öffentlichen Diskussion aktuell eher ein Nischendasein. Zu Unrecht, wie Klaus Zipser, Chef des gleichnamigen Handwerksbetriebs aus Oberkochen findet. „Mit einer thermischen Solaranlage kann man direkt zum Klimaschutz beitragen.“ Und: Noch stärker als die Preise für Strom haben in den vergangenen Monaten jene für Öl und Gas zugelegt. Was eine Anlage, die mit der Kraft der Sonne das Wasser erwärmt, umso attraktiver mache, sagt Zipser. Zudem zeige sich der Staat im Gegensatz zur Photovoltaik bei Solarthermie weiter generös.

Installiert man pro Quadratmeter Wohnfläche 0,07 Quadratmeter Kollektorfläche (also zum Beispiel 8,4 Quadratmeter bei 120 Quadratmeter Wohnfläche), gibt es bis zu 30 Prozent der Kosten wieder zurück. Bei genannten Dimensionen schließen sich PV und Solarthermie nicht gegenseitig aus. Der Einbau einer neuen Solar-Heizung wird vom Bundesamt für Wirtschaft sogar mit bis zu 45 Prozent der Kosten gefördert. Die Folge: Auch die Nachfrage nach Solarthermieanlagen ist in den vergangenen Monaten gestiegen.

Das größte Wachstum in den vergangenen Jahren."

Timo Seitz, Enerix, Ostalb

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