Sollen wir jetzt alle zu Aktionären werden?

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Herbert Fischer, Vorstand des Wasseralfinger Aktienclubs, nimmt im Gespräch Stellung zur aktuellen Lage an den Finanzmärkten.

Aalen-Wasseralfingen

Herr Fischer, wir befinden uns in stürmischen Zeiten. Während sich die Länder der Weltgemeinschaft mit milliardenschweren Hilfsprogrammen überbieten, hat sich die Realwirtschaft scheinbar von der Börse entkoppelt. Wie schätzen Sie die derzeitige Lage ein?

Herbert Fischer: Die Börse läuft ja der Realwirtschaft um circa sechs bis zwölf Monate voraus. Die Hilfsprogramme werden von der Börse auch als Vertrauensvorschuss gesehen. Daraus resultieren auch die positiven Wachstumsprognosen für die zweite Jahreshälfte und das Jahr 2021. Es wird aber erhebliche strukturelle Veränderungen zwischen und innerhalb der Branchen geben.

Auch der deutsche Leitindex ist deutlich unter die Räder gekommen. Besonders Traditionswerte wie Allianz, Daimler, Deutsche Bank oder die vom Staat gestützte Lufthansa haben Milliarden an Börsenwert einbüßen müssen. Mit den einhergehenden Corona-Lockerungen scheint sich der Abwärtstrend allmählich umzukehren. Ist diese Entwicklung nachhaltig?

Hier möchte ich unterscheiden. Die Lufthansa wurde weitgehend schuldlos von der Pandemie getroffen. Die Automobilwerte, die Deutsche Bank, Bayer und andere waren schon vor der Coronakrise angeschlagen. Die Liste der Blue Chips wird sich stark verändern, entsprechend muss auch das Depot modifiziert werden. Eine größere Volatilität wird uns noch im zweiten Halbjahr begleiten. Für Kapitalanleger fehlt es aber weiterhin an renditeträchtigen Alternativen.

Der von ihnen gemanagte WAC-Fonds 1 ist vom heftigen Kursbeben nicht verschont geblieben. Am Höhepunkt der Krise notierte ihr Fonds fast 25 Prozent unter dem zuletzt erreichten 52-Wochen-Hoch. Seither konnte der Fonds, getrieben durch die weltweiten Kurserholungen, rund 14 Prozent an Boden gut machen. Herr Fischer, geht das so weiter?

Das ist richtig. Die 25 Prozent sind aber extreme Tageswerte aus dem Höchstkurs am 21. Februar und dem Tiefstkurs einen Monat später, am 20. März. Wir bevorzugen jedoch die Betrachtung über einen längeren Zeitraum. Seit Jahresbeginn haben wir einen Kursverlust von 2,3 Prozent zu verzeichnen. Der Dax verlor im gleichen Zeitraum rund 6,7 Prozent. Seit der Auferlegung unseres WAC-Fonds im Jahr 2008, konnten wir einen Kursanstieg von rund 130 Prozent erzielen.

Während einige Crash-Propheten den weiteren Niedergang der Finanzmärkte vorhersagen, sprechen viele Analysten von einer Jahrhundertchance zum Einstieg. Sollen wir jetzt alle zu Aktionären werden?

Alle bestimmt nicht. Aber diejenigen, die hart erarbeitetes Geld angespart haben und eine langfristige, renditebringende Anlagemöglichkeit suchen. Dennoch ist ein "dickes Fell" wegen noch anhaltenden Kursschwankungen erforderlich.

In der Coronakrise hat sich eine weitere Entfremdung der USA zu den weltweiten Partnern eingestellt. Im Portfolio des WAC-Fonds 1 finden sich eine Vielzahl an US-Aktien. Sehen Sie den starken Rebound des amerikanischen Börsenindex in Gefahr?

Auf die Auswahl der Papiere kommt es an. Wir sollten die Präsidentschaftswahlen im November nicht vergessen. Mit der Wirtschaft wird Präsident Trump versuchen zu punkten. Aktuell haben wir wertmäßig ein gleiches Volumen an deutschen und amerikanischen Aktien in unserem Depot. Die Prognosen der Wirtschaftsentwicklung in 2021 liegen für die USA, die Eurozone und Weltwirtschaft nahezu auf gleichem Niveau bei circa 4,5 Prozent.

Mit der Insolvenz von Wirecard geht das jahrelange Tauziehen zwischen Aktionären und Kritikern zu Ende. Die Aufdeckung eines wahrscheinlichen Bilanzbetruges hat viele Anleger auf dem falschen Fuß erwischt. Auch der WAC-Fonds 1 war Teilhaber des einstigen Börsen-Shootingstars, haben Sie den Absprung rechtzeitig geschafft?

Die Wirecard-Aktie war für uns ein Erfolgsergebnis mit einer Performance von über 300 Prozent. Wir haben die Aktie bereits im März 2018 verkauft. Aus heutiger Sicht etwas zu früh, aber im Februar 2019 gab es bereits Anzeichen von Unregelmäßigkeiten.

Das Geschäftsmodell mit digitalen Zahlungsdienstleistungen ist trotz der Pleite Wirecards durchaus lukrativ. Welche börsennotierten Unternehmen könnten aus Ihrer Sicht vom Untergang des deutschen Platzhirschen profitieren?

Zu meinen Favoriten gehört die PayPal AG. Gegründet 1998, mit aktuell circa 8 Milliarden US-Dollar Umsatz und 230 Millionen Kunden. Wir haben die Aktie im Depot. Die Performance im laufenden Jahr beträgt bereits 56 Prozent.

Die vergangenen Monate waren in jeder Hinsicht einzigartig für die Finanzmärkte. Wie haben sie als Börsenkenner diese Zeit erlebt?

Ich bin seit 27 Jahren aktiv für den Wasseralfinger Aktienclub und den WAC-Fonds tätig. Der Zusammenbruch des Neuen Marktes im Zeitraum 2000 bis 2003 war für mich und die Anleger gravierender als die aktuellen Auswirkungen auf den Finanzmarkt in Folge der Pandemie. Wir hatten auch die Lehmann-Krise 2008 und die Euro-Krise 2011. Bei jeder Krise haben wir dazugelernt mit geeigneten Maßnahmen die Auswirkungen zu mindern. Das zeigt unser aktuelles Ergebnis.

Vor Kurzem hat uns die traurige Nachricht vom Tod ihres Kollegen August Schmid erreicht. Gibt es schon Pläne, wer die verantwortungsvolle Tätigkeit zukünftig übernehmen soll?

Wir waren sehr betroffen, er war Jahrgang 1958, 27 Jahre Mitglied im WAC e.V., Gesellschafter und vertretungsberechtigter Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Braunenberg GmbH. Für die Nachfolge haben wir bereits eine Person aus dem Bankbereich gefunden. Es wird zu einer geänderten Aufteilung der Aufgaben kommen, die noch nicht definiert ist.

Matthias und Wilfried Kapfer

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