So funktioniert Ausbildung in Teilzeit

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Tarla Naffin, pädagogische Leiterin der AJO, im Beratungsgespräch.
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Nicht immer muss es der klassische Weg sein: Die Teilzeitausbildung kann ein probates Mittel gegen den grassierenden Fachkräftemangel sein. Das erwartet Mensch und Firma.

Aalen.

Der Fachkräftemangel hat auch die Region Ostwürttemberg fest im Griff, viele Unternehmen sind auf der Suche nach neuen Arbeitskräften. Ein Weg, um diesen Engpass zu bekämpfen, ist die Teilzeitausbildung. Sie ermöglicht es, Menschen in komplexen Lebensumständen, etwa Alleinerziehende, Mütter und Väter mit Kindern in Bedarfsgemeinschaften und Pflegende, an der dualen Ausbildung teilzunehmen. Firmen können von diesem Modell profitieren. Wie Teilzeitausbildung funktioniert und in der Praxis erfolgreich gelingt, das machte eine Veranstaltung der Aktion Jugendberufshilfe in Ostwürttemberg e. V. (AJO), der Kontaktstelle Frau und Beruf Ostwürttemberg sowie der WiRO deutlich.

Wie schwerwiegend der Fachkräftemangel mittlerweile ist, macht Tarla Naffin gleich zu Beginn ihres Impulsvortrags deutlich. „Laut einer Studie des ifo-Instituts sind 49,7 Prozent der Firmen durch den Fachkräftemangel belastet“, sagt die pädagogische Leiterin der AJO e. V. Ein Weg neue Fachkräfte zu rekrutieren ist die Teilzeitausbildung, bei der die Arbeits- und Lernzeit im Unternehmen reduziert wird. Dafür verlängert sich die Ausbildungsdauer im Regelfall von 36 auf 48 Monate. Die Zeit, die in der Berufsschule verbracht wird, entspricht dem einer Vollzeitausbildung. Teilzeitmodelle gebe es nur vereinzelt. Elementar wichtig für das Gelingen der Teilzeitausbildung sind die individuellen Absprachen zwischen Betrieb und den Auszubildenden, betont Naffin.

Eine weitere Option ist die betriebliche Einzelumschulung, eine betriebliche Ausbildung, die um ein Drittel der Zeit verkürzt wird, da die Bewerbenden bereits über Berufserfahrung verfügen. Auszubildende erhalten ihre Bezüge durch die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter. Übernommen werden Fahrtkosten, Lehrmaterialien, Kosten der Kinderbetreuung und bei Bedarf Nachhilfe. Der Betrieb muss keine Ausbildungsvergütung bezahlen.

Ausbildung in Teilzeit eignet sich vor allem für Unternehmen, die einen Fachkräftebedarf aufgrund der Altersstruktur und der geringen Anzahl von Bewerbungen haben, die reife Auszubildende mit hohem Verantwortungsgrad möchten oder in denen eine Auszubildende schwanger geworden ist und die durch Teilzeitausbildung im Betrieb gehalten werden kann. Einer der zahlreichen Vorteile ist unter anderem eine höhere Abschlussquote: „Der Erfolg der Prüfungsteilnehmenden in Teilzeit liegt bei der dualen Ausbildung bei 93,5 Prozent und damit um 0,7 Prozentpunkte höher als bei der Vollzeit-Ausbildung“, so Naffin. Die Teilzeitauszubildenden profitieren durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine höhere Abschlussquote sowie bessere Verdienstmöglichkeiten. „Die Teilzeitausbildung bietet die Chance, dringend benötigten Fachkräftenachwuchs zu gewinnen und diesen an das Unternehmen zu binden“, unterstreicht Naffin.

Teilzeitausbildung in der Praxis. In der Region gibt es erfolgreiche Beispiele für eine Teilzeitausbildung. Das machte die Diskussion klar, bei der drei Unternehmerinnen und Verantwortungsträgerinnen aus der Praxis berichten. So hat die Ellwanger Betzold-Gruppe mehrere Fachkräfte auf diese Weise gewonnen, wie Tina Betzold, Mitglied der Geschäftsführung, erklärt. Derzeit ist bei dem E-Commerce-Unternehmen aus dem Bildungsbereich eine Auszubildende in Teilzeit tätig, eine ehemalige Geflüchtete mit kleinem Sohn. Probleme, die von der Norm abweichenden Arbeitszeiten in den Betriebsalltag zu integrieren, gebe es nicht. „Der Frauenanteil liegt bei uns bei 70 Prozent. Es gibt bei uns kein Teilzeitmodell, das es nicht gibt“, so Betzold.

Hohe Ansprüche an ihre Teilzeitauszubildende, die aus Moldau kam und nach einem abgebrochenen Architekturstudium einen Beruf erlernt, hat Christiane Boas, Inhaberin eines Küchenstudios in Wasseralfingen. Die Auszubildende sei unglaublich engagiert. Das zeige sich auch in ihrem Willen, Deutsch zu lernen und sich dort permanent zu verbessern. Das wiederum sei eine zentrale Voraussetzung, um Küchen zu verkaufen und zu planen, so Boas.

Eine Herausforderung können interkulturelle Aspekte sein, wie Veronika Abt, Ausbildungsleiterin bei der Stadt Heidenheim, erläutert. Bei der Stadt sind drei Frauen in Teilzeitausbildung, darunter eine 41-Jährige mit vier Kindern und Abitur in Syrien, die ihre Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin absolviert. Dass sie ein Kopftuch trägt, ist für die Stadt kein Problem, erklärt Abt. In Heidenheim würden mehr als 150 verschiedene Nationen wohnen, der Ausländeranteil in den Kinderbetreuungseinrichtungen betrage teilweise 80 Prozent. „Auch angesichts des Fachkräftemangels können wir uns gar nicht leisten, auf vielfältige Bewerberinnen und Bewerber zu verzichten.“ Im Gegenteil: „Wir sehen das als große Bereicherung.“

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