Standort Giengen: „Der GIP A7 ist ein Erfolgsprojekt“

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Giengens Oberbürgermeister Dieter Henle.
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Als fünftgrößte Stadt der Region ist Giengen nicht nur wegen BSH, Steiff oder Ziegler ein attraktiver Wirtschaftsstandort. Die Entscheidung für den Gewerbepark GIP A7 beschleunigt diese Entwicklung, sagt OB Dieter Henle im Interview.

Giengen

Etwas skeptisch beäugte die Region die Entscheidung des damals frisch gewählten OBs Dieter Henle sowie des Gemeinderats, direkt an der A7 rund 40 Hektar neue Gewerbeflächen auszuweisen. Nicht mal drei Jahre später ist klar: Die Entscheidung war goldrichtig, die Nachfrage ist weiter höher als das Angebot, das GIP A7 ist eine echte Erfolgsgeschichte. Im Interview mit Wirtschaft Regional erklärt Henle, wie es nun weitergehen sollen, warum die Stadt sich im Gegensatz zu anderen in der Region für die Ansiedlung eines Verteilzentrums von Amazon entscheiden hat und wie der OB die Attraktivität der Innenstadt weiter stärken will.

Herr Henle, der GIP A7 direkt an der Autobahn ist bei den Firmen weiter gefragt, fast im Monatsrhythmus werden Neuansiedlungen bekannt. Wie ist der aktuelle Stand?

Es stimmt: Der GIP A7 zieht mehr Interessenten an, als wir bedienen können. Er ist ein Erfolgsprojekt für unsere innovativ agierende Fünf-Sterne-Stadt, über das wir uns sehr freuen. In der Erschließungs- bzw. Bauphase befinden sich die großen Flächen und dort die Gebäude von Garbe Real Estate (Mieter: Amazon, N. N.), Ullmann Group (Mieter: Würth, Tankstelle, Bäckerei, Schnellrestaurant), IntReal Service-KVG, Wölpert GmbH & Co KG (Baustoffhandel). In diesem Monat planen wir weitere Vergaben, die Vereinbarungen dafür sind unter Dach und Fach. Hier geht es wie angekündigt meist um kleinere Flächen. Zum Kauf bleiben danach nur noch Restflächen: Allerdings gibt es ja Investoren im GIP A7, die variable Flächen zur Miete anbieten. Das ist eine attraktive Alternative für Unternehmen, die in bester Lage agieren und sich nicht über Eigentum binden möchten.

Seit der Entscheidung für die Erweiterung sind gerade mal dreieinhalb Jahre vergangen. Wie erklären Sie sich diese hohe Nachfrage?

Zunächst bietet der GIP A7 sehr große zusammenhängende Flächen, in exzellenter Lage an A7 und B 492, nahe zur Innovationsregion Ulm und durch das Kreuz A7/A8 in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung bestens angebunden. Derartige Flächen in so attraktiver Lage im wirtschaftlich starken Bundesland sind an sich schon etwas Besonderes.  Die Nachfrage entstand aber auch, weil man von Anfang an gespürt hat: Hier läuft etwas, Stadt und Region „verstecken“ sich nicht hinter Genehmigungsprozessen, sondern gehen das Projekt offensiv an. Die Grundstücksprüfungen liefen ergebnisoffen und führten zu einem gut begründbaren Ergebnis, die Grundstückseigentümer waren kooperativ, sämtliche Genehmigungsverfahren liefen sehr gut – die Regionalplan- ebenso wie die Flächennutzungsplanänderung.  Auch das Motto „Ökonomie und Ökologie im Einklang“ überzeugte: die aufwendigen, damit verbundenen Prüf- und Ausgleichsverfahren ebenso wie die daraus entstehenden Vorgaben an die Investoren. Wir haben den GIP A7 professionell auf der Messe „Expo Real“, Europas größter B2B-Fachmesse für Immobilien und Investitionen, auf dem Gemeinschaftsstand der WiRO vermarktet. Diese offensive Vermarktung sprach sich ebenso herum wie das objektiv sehr gute Angebot.

Nun sind die 40 Hektar bald vergriffen. Wie geht es mit freien Gewerbeflächen in Giengen weiter?

Wir haben freie Flächen im Gebiet „Steinwiesen“, die wir hauptsächlich für mögliche Erweiterungen ansässiger Gewerbebetriebe zurückgehalten haben: Informationen dazu finden sich auf www.giengen.de. Auch im IP A7 gibt es noch Restflächen. In den Teilorten prüfen wir, kleinere Gewerbegebiete für ortsansässige Betriebe auszuweisen. Entsprechende Grunderwerbsverhandlungen und intensive Abstimmungen im Hinblick auf den Regionalplan stehen an.

Einer der Neuansiedlungen im GIP A7 ist Amazon. Warum haben Sie sich im Gegensatz zu Ihren OB-Kollegen in Schwäbisch Gmünd und Aalen für eine Ansiedlung von Amazon entschieden?

Es macht aus unserer Sicht keinen Sinn, dass Millionen Menschen bei Amazon bestellen, aber keiner die dazu nötige Infrastruktur vor der Tür haben möchte. Der GIP A7 mit seiner Lage direkt an der Autobahn eignet sich ideal, weil die Stadt vom überregionalen Verkehr nicht berührt wird und wir gleichzeitig die Zustellung auf kurzen Wegen ermöglichen. Das Amazon-Gebäude in Giengen erfüllt ökologische Vorgaben wie alle anderen im GIP A7 – sogar ziemlich aufwendige. Es verfügt u. a. über eine Photovoltaikanlage, ein innovatives Beheizungs- und ein Solar-Luftsystem sowie Ladeinfrastruktur zur E-Mobilität. In dem 5.400 Quadratmeter großen Verteilzentrum werden Online-Bestellungen für Endkunden aus der Region neu sortiert und danach mit E-Verteilfahrzeugen zugestellt. Mit dem Zentrum verbinden sich Arbeitsplätze, wie wir sie dringend brauchen: für 115 – in Spitzenzeiten sogar bis zu 180 Beschäftigte im Verteilzentrum, dazu 20 Beschäftigte in Fach- und Management-Positionen und 270 bis 550 Beschäftigte bei fünf mittelständischen lokalen und regionalen Lieferpartnern aus dem Bereich Kurier, Express oder Paketzustellung. Eine intelligente, dynamische Routenplanung und die routenoptimierte Sortierung in Transporttaschen sind weitere Vorteile. Das Lkw-Aufkommen ist tagsüber mit bis zu vier Lkws gering; nachts fahren 20 bis 30 Lkws an. Zudem entsteht ein Parkhaus mit vier Ebenen für die Autos der Mitarbeitenden wie für die benötigten Auslieferfahrzeuge, um die Fläche möglichst effizient zu nutzen. Und: Die Gewerbesteuer bleibt vor Ort.

Mit den Neuansiedlungen stärken Sie auch die wichtige Einnahmequelle der Gewerbesteuer. Wie ist es um die Finanzen der Stadt aktuell bestellt? Sind nach mauen Jahren des Sparens nun wieder größere Sprünge möglich?

Auch deshalb ist der GIP A7 wichtig für uns, Sie haben recht. Die Gewerbesteuerquote in Giengen ist nach wie vor verbesserungswürdig und wir freuen uns auf Zuwächse in diesem Bereich. Lassen Sie mich in puncto Investitionen auf unser Jahresmotto „Wachstum mit Weitsicht“ verweisen: Der Jahresüberschuss im Coronajahr 2020 liegt voraussichtlich bei 3,5 bis 4 Millionen Euro – nach 2,2 Millionen Euro im Jahr 2018 und 2,4 Millionen Euro im Jahr 2019. Für 2021 und die kommenden Jahre prognostizieren wir ebenfalls Überschüsse. Unsere Ergebnisse liegen zudem jährlich über Plan. Der Haushalt 2022 kommt ohne Nettoneuverschuldung aus. Durch den GIP A7 ist für 2022 ein Rückfluss aus der Sonderfinanzierung i. H. v. 6,5 Mio. EUR geplant, die Pro-Kopf-Verschuldung sinkt seit Jahren – zum Ende 2022 auf 614 Euro – von 681 Euro im Jahr 2017. Im Mittelpunkt der Investitionen steht dabei der Bereich Bildung und Soziales und hier vor allem die Bildung und Betreuung in Kitas und Schulen: Es gibt eine halbe Gruppe mehr im Kindergarten St. Peter, die Kita Brenzbären, die Vorbereitung des Rechts auf Ganztagesbetreuung, die Planung des Waldkindergartens, eine weitere TiGeR-Gruppe an der Bühlschule und mehr Betreuungsplätze im Kindergarten Memminger Wanne. Über die Eröffnung des Neubaus der Kindertagesstätte in der Lederstraße freue ich mich ganz besonders.  Wir investieren in die Umgestaltung der Skateranlage und in die Gesundheitsversorgung – hier steht das Thema Kinderarztpraxis im Mittelpunkt –, dazu in ein integriertes Radverkehrskonzept, das auch E-Bikes gerecht wird und die Teilorte besser verknüpft. Weitere Gelder gehen in Bürgerwäldle und Blühinseln, in die Digitalisierung – hier auch in eine neue, barrierefreie Website, in die Bereiche Bauen, Innenstadt – u. a. den Spielplatz im Anlägle sowie den Skulpturen-Erlebnispfad, den Straßenbau, in Grünflächen und Friedhöfe, in die Umstellung der Sportplatz-Flutlichtanlagen auf LED.  Ich könnte die Liste fortsetzen. Wir investieren aktiv, aber mit Augenmaß, und haben dabei unseren Stern 5 im Blick: Solide Finanzwirtschaft ist Pflicht – Giengen verknüpft eigene Finanzkraft und wirtschaftliches Wachstum aktiv mit Investorenengagements und verfügbaren Fördermaßnahmen.

Geeignete Flächen sind nur ein Faktor von vielen, weshalb sich Firmen für einen Standort entscheiden. Wo kann Giengen sonst noch glänzen?

(schmunzelt) So etwas dürfen Sie einen Oberbürgermeister nie fragen, wenn Sie keinen zweistündigen Monolog provozieren wollen…. Spaß beiseite: Ich versuche, mich kurz zu halten.  Giengen glänzt in vieler Hinsicht: auf wirtschaftlicher Ebene etwa durch eine aktive Kooperationspolitik mit den Unternehmen. Wir gehen gemeinsam voran, statt „verkrusteter“ Bürokratie gibt es funktionierende Prozesse. Das kommt gut an und spricht sich herum: Rüdiger Herrmann, Prokurist der Schmid Handels GmbH, lobte eben dieses schnelle und aktive Handeln in Giengen, das, so der O-Ton, „den gravierenden Unterschied zu anderen Standorten ausmacht“. Sie spüren es auch an der „Supermetzger“-Aktion zusammen mit dem Investor Andreas Adldinger. Es ist ungewöhnlich, dass ein Bauunternehmer sich mit eigenem Geld derart in die Gestaltung einer Innenstadt einbringt. Sie spüren es an unseren „Speed-Datings“ von Unternehmen und Arbeitsplatzsuchenden, am Gründerbahnhof, in den Start-ups einziehen, um ihm rasch zu entwachsen und an anderen Stellen in Giengen größere Räumlichkeiten zu beziehen. Die Verkehrsverhältnisse mit dem raschen Schaffen der drei neuen Knotenpunkte am GIP A7 wurden in Wirtschaftskreisen positiv aufgenommen, ebenso die intensive Kommunikation, die wir dafür geleistet haben.  Unsere sehr guten Angebote an Bildung und Betreuung entwickeln wir stetig weiter. Wo und vor allem wie viel wir in diesem Bereich investieren habe ich Ihnen ja schon beantwortet. Jeder Euro, den wir hier in die Hand nehmen, ist bestens angelegt: Zum einen tragen wir ganz konkret zur Bildung der kommenden Generationen bei, zum anderen bieten wir mit diesem starken Angebot auch gute Argumente für Giengen als Arbeits- und Wohnort. Zu all dem kommen unser Miteinander inklusive gelebter Städtepartnerschaften in Europa, unser aktives und planvolles Zusammenwirken mit Land und Bund, Auszeichnungen wie etwa der Mittelstandspreis, aber auch die Lage mitten in sehr schöner Natur, die Offenheit für ökologische Fortschritte... sauber konzipiert und umgesetzt. Auch hier greift das Fünf-Sterne-Programm, das wir seit meinem Amtsantritt vorantreiben.

Neben der Ansiedlung von Gewerbe rückt in Giengen auch die Entwicklung der Innenstadt in den Fokus. Wie wollen Sie deren Attraktivität stärken?

Im Fokus steht die weitere Stärkung unserer Hauptachse „Marktstraße“ und hier die Neugestaltung von Anlägle, Unterer Marktstraße und der Seitenstraßen bzw. -gassen. Nach Fertigstellung des attraktiven Spielplatzes im „Anlägle“ weihen wir im Herbst 2022 den neuen Skulpturen-Erlebnispfad ein. Er wird Familien aus Giengen und aller Welt vom Steiff Museum durch die Marktstraße zum neuen Spielplatz führen. Die geplante Barfüßer-Gastronomie mit 500 Sitzplätzen und Hotel wird im sogenannten Lamm-Areal in Verbindung mit dem Rathausplatz den Anspruch eines Sozial-, Arbeits- und Erlebnisraums idealtypisch aufnehmen – inklusive eines passenden Kulturangebots. Wir treiben weitere Handels- und Dienstleistungsangebote voran: In der Marktstraße 64 ist der Spatenstich erfolgt, weitere Verhandlungen laufen. Die Musikschule soll mittelfristig wieder in die Innenstadt kommen – auch das ist ein wichtiges Stück Er-Leben. Als sehr positiv erweisen sich die bereits abgeschlossenen Projekte: die Neugestaltung von Rathausplatz mit neuem Panscherbrunnen und Mittlerer Marktstraße, die neue Bibliothek, der, trotz touristisch schwieriger Pandemielage, sehr gut frequentierte Wohnmobilstellplatz. Für zusätzliche Frequenz werden die neuen Arztpraxen in der Obertorstraße sorgen, die zum 1. Juli eröffnen – besonders wichtig ist hier die kinderärztliche Sprechstunde. Ein wichtiger innenstadtnaher Frequenzbringer wird „Schuhe, Mode, Sport Schmid“ im ehemaligen Obi-Gebäude: Die Eröffnung ist für Mai geplant.

Hat der Einzelhandel in Innenstädten der Größe Giengens angesichts des Online-Booms und der Post-Pandemie-Zeit überhaupt eine Zukunft? Was kann die Stadt tun?

Wir müssen unsere Innenstadt als multifunktionalen Standort begreifen – als Sozial-, Arbeits- und Erlebnisraum, mit Angeboten für Wohnen, Arbeiten, Begegnung, Bildung, Kultur, Gastronomie und Handel. Mein Team hier im Rathaus agiert hier erfolgreich... auch im Blick auf das städtische Erscheinungsbild: 2021 haben wir gemeinsam mit Gewerbetreibenden und Gastronomen neue Gestaltungsrichtlinien festgelegt. Der kürzlich gestartete Innenstadtberater der Region Ostwürttemberg wird ebenfalls Impulse liefern. Ganz generell erleben wir in den vergangenen Jahren einen Paradigmenwechsel: Früher schuf der Handel die Frequenz in der Innenstadt – mittlerweile muss Frequenz generiert werden, um eine gesunde Handelslandschaft überhaupt zu ermöglichen.  Das wichtigste ist aber: Ja, Innenstädte sind zeitgemäß. Gerade in der Pandemie haben die Menschen es vermisst, gemeinsam Schönes zu erleben. Eine attraktive Innenstadt als „Wohnzimmer“ der Stadt mit Angeboten für alle bleibt aus meiner Sicht entscheidend. Das alte Sprichwort „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ lässt sich hier gut adaptieren: Auch Pakete nach Hause allein machen nicht glücklich. Das Angebot muss allerdings stimmen und zukunftsorientiert in Bewegung bleiben: Die Giengener Innenstadt wird nie „fertigentwickelt“ sein. Und das ist gut so.

Den Breitbandausbau nimmt Ihre Stadt mit der eigenen Tochterfirma DiG (i)Komm nun in die eigene Hand. Was sind die Gründe für die Entscheidung? Wie ist der Stand?

Mit der Gründung der DiG[i]Komm ist es uns gelungen, Strukturen zu schaffen, die einem zielgerichteten Breitbandausbau dienen. Zum einen können wir so leichter auf Know-how aus unseren Stadtwerken zugreifen, zum andern besteht in dieser Struktur auch die Möglichkeit, leichter an Fachpersonal und eben auch an Know-how von außen zu kommen. Das Ziel ist, jeden Haushalt mit einem FTTB-/Glasfaseranschluss zu erschließen und so flächendeckend eine bestmögliche Netzversorgung zu sichern. Gerade in ländlich geprägten Gegenden ist schnelles Internet entscheidend. Für Giengen ist es eine Voraussetzung dafür, tatsächlich eine attraktive Wohn- und Arbeitsstadt zu sein, wie wir es ja für uns in Anspruch nehmen. In den letzten Jahren waren wir teilweise durch gesetzliche und fördertechnische Regelungen blockiert, die uns in einzelnen Bereichen nicht ermöglichten, selbst Angebote zu machen und so die teilweise nicht zufriedenstellenden privatwirtschaftlichen Angebote zu ergänzen. Durch die „Weiße-Flecken-Förderung“ und die nun folgende „Graue-Flecken-Förderung“ hat sich das geändert. Die Stadt wird nun mit der DiG[i]Komm eine durchgängige, nachhaltige Versorgung mit hohen Leistungswerten für die nächsten Jahrzehnte schaffen. Die nötige Leerrohrinfrastruktur wird realisiert, bereits bestehende Infrastrukturen werden einbezogen. Aktuell betreibt die DiG[i]Komm den Ausbau der Weißen Flecken, für die eine Förderzusage bereits vorliegt. Als eines der ersten Ausbaugebiete ist unser Gewerbegebiet „Ried“ dran.

Sie haben bislang rund zehn Millionen Euro an Fördergelder für die DiG (i)Komm erhalten. Dennoch die Frage: Tun Land und Bund genug dafür, um die Breitbandinfrastruktur in Region jenseits der Ballungsräume auszubauen? Was wünschen Sie sich?

Die nun anstehende Graue-Flecken-Förderung ist wichtig und richtig, wenn sie auch aus meiner Sicht sehr, sehr spät kommt. Generell würden wir uns bei solchen Programmen weniger Bürokratie und Hindernisse in der Antragsstellung, Durchführung und vor allem in der Abwicklung wünschen. Erfreulicherweise hat sich nun einiges getan in der Breitbandförderung – allerdings fühlen sich viele Kommunen in diesem Bereich allein gelassen von Bund und Land. Ein koordinierter Ausbau mindestens auf Landesebene wäre volkswirtschaftlich meiner Meinung nach der deutlich effizientere Weg gewesen. Die digitale Infrastruktur sollte zur Grundversorgung wie Strom und Wasser gehören und darf nicht von einer Ausbauentscheidung privatwirtschaftlicher Telekommunikationsunternehmen abhängen.

Sie haben nach Ihrem Amtsantritt die Wirtschaftsförderung neu aufgestellt und zur Chefsache erklärt. Welche Projekte stehen nun an?

Unsere Wirtschaftsförderung begleitet sämtliche wirtschaftsgerichteten Aktivitäten. Bereits angesprochen haben wir Innenstadtbelebung, Breitbandausbau und die Entwicklung der Gewerbeflächen – aktuell namentlich den GIP A7. Sehr wichtig ist uns auch der enge Kontakt zu den Giengener Unternehmen, im Rahmen unserer Kooperationsvereinbarungen ebenso wie durch Besuche. Regelmäßig sind unser Wirtschaftsförderer Sebastian Vetter und ich in Giengener Industrie-, Handels-, Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen unterwegs. Wir führen eingehende Gespräche, fragen Entwicklungsthemen ab, halten Kontakte und bieten durch Presseveröffentlichungen eine entsprechende öffentliche Plattform. Weitere Themen sind Fachkräftesicherung und Existenzgründermarketing. Unsere Strategie zur Fachkräftesicherung setzt einerseits auf immer attraktivere Bedingungen in der Lebens- und Arbeitsqualität, andererseits auf die Kooperation mit WiRO und Region. Das 2021 weitergeschriebene Strategiepapier zur Fachkräftesicherung in Giengen brachte deutliche Fortschritte. Das „Welcome Center Ostwürttemberg“ der WiRO bietet seit 2021 zwei reguläre Sprechtage pro Monat in Giengen, die Fachkräfteallianz der Region Ostwürttemberg setzt Akzente. Auch das ursprünglich in Giengen gestartete Format des beruflichen „Speed-Datings“ bleibt kurzfristig aktivierbar. Die Erfolge sind spürbar und werden auch überregional wahrgenommen. Auszeichnungen, wie beispielsweise die Auditierung zum „Ausgezeichneten Wirtschaftsstandort“ freuen uns natürlich sehr und helfen auch in der Kommunikation mit überregional agierenden Investoren. Im Bereich Existenzgründermarketing profilieren wir uns durch den Gründerbahnhof und unsere Netzwerk-Aktivitäten als Mitglied im Verein „Start-up Region Ostwürttemberg“. Eine gemeinsame Kommunikationsstrategie macht die Region für Existenzgründer attraktiv. Wir sind vom Land als „Gründungsfreundliche Kommune“ ausgezeichnet und nehmen dieses Jahr erneut am Landeswettbewerb teil. Weithin wahrnehmbar ist die gemeinsame Messe „Make Ostwürttemberg“, die innerhalb kürzester Zeit zu einer attraktiven Plattform für Start-ups, Industrie 4.0 und weitere Zukunftsthemen wurde. 2023 soll die Messe bei uns in Giengen stattfinden.

Wohnraum ist in der gesamten Region knapp. Wie sieht es in Giengen derzeit aus?

Wir bauen, wir verdichten, wir schaffen Raum für viele in Giengen und auch für Menschen, die im neuen GIP A7 ihren neuen Arbeitsplatz finden und infolgedessen in unserer Stadt leben möchten: Grundstückserlösen in Höhe von 2,17 Millionen Euro aus Bauplatzverkäufen und dem Verkauf baureif gemachter Innenentwicklungsflächen stehen im Jahr 2022 Investitionen in Höhe von rund 4,4 Millionen Euro für entsprechende Zukunftsprojekte entgegen. Im Gebiet „Mittelfeld“ in Burgberg konnten wir einige Bauplätze auf Basis des bestehenden Planungsrechts kurzfristig verfügbar machen. Das Gebiet „Schlossblick“ wird derzeit geplant. Auch „Südlich der Memminger Straße“ in Giengen soll mittel- bis langfristig ein neues Wohnquartier entstehen. Im Gebiet „Bruckersberg-Ost“ liegen demnächst die Vorschläge für Planänderungen vor, die sich aus einer Verkehrsuntersuchung und aus Einwänden von Bürger*innen ergeben. In Sachsenhausen steht sowohl die Innen- als auch die Außenentwicklung von Wohnbauland an. Parallel zur Entwicklung nach außen investiert die Stadt Giengen große personelle und finanzielle Ressourcen in die Schaffung von Wohnraum durch Innenentwicklung. Der durch Fördergelder finanzierte kommunale Flächenmanager schafft nach einer Bestandsaufnahme der Baulücken, Leerstände und sonstigen Innenentwicklungspotenziale nun im Kontakt mit den zugehörigen Eigentümern die Basis dafür, dass die früher vorangetriebene Innenentwicklung im Jahr 2022 weitere konkrete Ergebnisse bringt. Dazu zählen sicher auch die Stadtwohnungen, die im neuen Lamm-Areal und in der Grabenschule nach deren Umbau geplant sind.

Der Standort ist vor allem durch seine Traditionsunternehmen Ziegler, B/S/H/ und Steiff überregional bekannt. Wie ist die Lage bei den großen drei Giengens – und natürlich bei den anderen Mittelständlern am Standort?

Diese Frage ist aufgrund der aktuellen weltpolitischen Lage aktuell nicht leicht zu beantworten, da sich derzeit gefühlt stündlich neue Hiobsbotschaften aus der Ukraine auftun. Die an sich stabile Lage der Giengener Wirtschaft wird aktuell stark durch den Ukrainekonflikt beeinflusst. Die Lage bei den großen drei Arbeitgebern in Giengen und bei den anderen Mittelständlern am Standort war bis Ausbruch des Krieges trotz Pandemie an sich gut. Der mit Abstand größte Arbeitgeber in Giengen, die B/S/H/ konnte während des letzten Jahres trotz aller Corona-Widrigkeiten sogar die Produktion erhöhen und etwa 100 zeitlich befristete Arbeitsplätze zusätzlich schaffen. Das Hygienekonzept und die groß angelegte Impfaktion im Werk scheinen gute Früchte zu tragen. Kurzarbeit ist kein Thema und die Arbeitsplätze in Giengen sind gesichert. Bei Ziegler erweisen sich die hohen Beschaffungskosten von Material, Logistik und Energie als wichtiges Thema. Auch birgt ein unsicheres politisches Umfeld Risiken bei künftigen Ausschreibungen öffentlicher Auftraggeber weltweit. Der Strukturierungsprozess seit der Übernahme durch CIMC im Jahr 2013, der das Giengener Traditionsunternehmen nach schweren Zeiten glücklicherweise wieder auf Kurs brachte, wird Ziegler sicherlich noch weiterhin begleiten. Steiff ist verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen, obwohl die Lockdowns und der Rückgang der Frequenzen in den Innenstädten viel Umsatz gekostet haben. Umso wichtiger war es für Steiff, digitale Geschäftsmodelle auszubauen und das Online-Geschäft zu stärken. Steiff ist zudem ein gutes Beispiel, wie sehr die aktuelle Situation in der Ukraine auch den Giengener Firmen zu Herzen geht: Unsere Stofftiermanufaktur unterstützt die Menschen vor Ort über langjährige Partner in der Ukraine mit wichtigen Hilfsgütern. Darüber hinaus stellt sie Kuscheltiere und Bekleidung für die Flüchtlingskinder, die in unserer Region ankommen, zur Verfügung und hofft, ihnen damit wenigstens einen kleinen Trost zu spenden. Fast allen Gewerbetreibenden gemein ist derzeit die schwierige Lage am Weltmarkt, sei es bei der Beschaffung von Rohstoffen (was für den Zimmerer vor einem Jahr die Holzpreise waren, sind nun für die Industrie z. B. die Preise für Halbleiter) oder auch die stark steigenden Energiepreise. Große Firmen mit langfristigen Verträgen sind derzeit noch auf der sicheren Seite – kleinere Firmen trifft diese Entwicklung mit großer Wucht. Wir hoffen ganz allgemein auf eine Entspannung der Lage; oberste Priorität hat natürlich eine rasche, tragfähige Friedenslösung in der Ukraine.

Mit dem Gründerbahnhof wollen Sie auch die Start-up-Kultur am Standort beleben. Wie ist der Stand?

Der Giengener Gründerbahnhof ist ein echtes Erfolgsmodell in Sachen Existenzgründung! Bereits zwei Start-ups sind ihm entwachsen und haben sich in Giengen räumlich deutlich vergrößert. Da sind einmal die Carbonauten, die auf die Entwicklung, Produktion, Veredelung und Vermarktung von Biokohlenstoffen spezialisiert sind: Durch pyrolytische Carbonisierung produzieren sie aus holzigen Abfallstoffen unter Verbrauch von CO2 Bio-Kohlenstoffe – und damit einen relevanten Hightech-Werkstoff. Wir sind in guten Gesprächen mit unserer „‚Minus-CO2-Company“ bezüglich einer Produktionsstätte in Giengen. Im vergangenen Jahr war Ministerpräsident Kretschmann zu Besuch, im November haben die Carbonauten nach früheren Preisen auch den Innovationspreis Ostwürttemberg bekommen.  Die Firma GeeZee IT– spezialisiert auf Webseiten, Webprojekte, Apps und Consulting für digitale Anwendungen, daneben auf Suchmaschinenoptimierung und Social Media Marketing – residiert nach einer Anfangszeit im Gründerbahnhof mittlerweile am Memminger Torplatz. Zu ihren Stammkunden gehören Auftraggeber der Branchen Automobil, Versicherungen, Pharma und aus dem öffentlichen Sektor. Aktuell sind im Gründerbahnhof zwei junge Unternehmen aktiv, ein weiteres Start-Up im Software-Bereich zieht im April ein: Investor und Eigentümer Andreas Adldinger plant den Ausbau drei weiterer Büros für Gründer in Giengen.

Sie sind nun seit vier Jahren Giengener OB. Wie fällt Ihr Fazit zur Halbzeit Ihrer ersten Amtsperiode aus? Was steht in Halbzeit 2 an? Werden weitere Amtsperioden folgen?

Das Resümee ist aus meiner Sicht absolut positiv. Die Zusammenarbeit im Verwaltungsteam und mit dem Gemeinderat, auf Landkreisebene und dem Land läuft praktisch reibungslos, wir erfahren viel Unterstützung für unsere teils sehr ambitionierten Projekte. Im Rahmen unserer Städte-Partnerschaft mit San Michele di Ganzaria und dem nun anstehenden Projekt des Austauschs Jugendlicher sind wir sogar zu beiden Staatspräsidenten Frank-Walter Steinmeier und Sergio Mattarella vorgedrungen und in Berlin ausgezeichnet worden. Highlights wie dieses und im Rückblick auch die Verleihung des Preises als „Kommune des Jahres“ beim Mittelstandspreis 2019 krönen viele Erfolge und schöne Erlebnisse im Alltag – ebenso wie das Bewältigen des einen oder anderen „Stolpersteins“; auch die bleiben ja nicht aus. Im eigenen Team zählt aus meiner Sicht vor allem das Bewusstsein aller Kolleginnen und Kollegen, zuständig zu sein! Eigenverantwortliches, effektives und motiviertes Arbeiten bringt uns zügig voran. Wir haben klare Strukturen, digitalisieren nach und nach die Prozesse, sind sehr gut vernetzt und entwickeln uns zielgerichtet weiter. Nach der Gründung der DiG[i]Komm im vergangenen Jahr haben wir nun unsere Verwaltung in zwei Dezernate aufgeteilt und seit 1. März einen neuen Ersten Beigeordneten: Alexander Fuchs, bisher Leiter unseres Tiefbauamtes, trägt als Bürgermeister die Verantwortung für den gesamten Technischen Bereich: Baurechtsamt, Stadtplanungsamt und Tiefbauamt, die städtischen Betriebe sowie die Eigenbetriebe Gebäudemanagement und Stadtentwässerung. In meinem Dezernat verbleiben die Inneren Dienste mit Hauptamt und Stadtkämmerei, die Bürgerdienste mit Ordnungsamt, das Amt für Bildung und Soziales, das Amt für Kultur, Sport und Tourismus sowie das Referat des Oberbürgermeisters mit Wirtschaftsförderung und Justiziariat. Damit haben wir auch in diesem Bereich Luft für neue Entwicklung geschaffen. Als weitere aktuelle Erfolge sehe ich unsere Tempo 30-Strecken bzw. -Zonen in Giengen und Hürben und die Tempo 40-Strecke in Hohenmemmingen, die Fortschritte im ÖPNV, natürlich den GIP A7, das fast bezugsfertige Dorfhaus Sachsenhausen, die zukunftsgerichtete Betreuung von Kindern bis zur vierten Klasse in verschiedensten Formen, den Ausbau von WLAN-Netz und Breitbandversorgung, um nur einige zu nennen. Als nächste Projekte stehen u. a. das neue Lamm-Areal, ein Ärztehaus, die Sanierung des Hallenbades, Planungen für ein neues Sportzentrum auf dem Schießberg, unser integriertes Radwegekonzept an – und vieles mehr. Unsere Fünf-Sterne-Stadt Giengen befindet sich auf einem sehr guten Weg. Ich bin mit Leib und Seele ihr Oberbürgermeister – und ja: Ich würde es gerne noch mindestens 11 weitere Jahre bleiben... Die Entscheidung darüber trifft in drei Jahren unsere Stadtgesellschaft. 

Der Investor Garbe investiert im Gewerbepark GIP A7 in ein Logistikzentrum, das von Amazon genutzt werden wird.

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