Steuern runter, Nachfrage rauf?

  • Weitere
    schließen
+
Prof. Dr. Ingo Scheuermann, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Hochschule Aalen. Archiv-
  • schließen

Wirtschaftswissenschaftler Ingo Scheuermann über die Senkung der Mehrwertsteuer und ihre Auswirkungen.

Aalen

Die Bundesregierung hat ein 130 Milliarden schweres Konjunkturprogramm auf den Weg gebracht, das die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise abfedern soll. Bernhard Hampp hat mit Prof. Dr. Ingo Scheuermann, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Hochschule Aalen, darüber gesprochen.

Es werden nun Milliarden öffentliche Gelder in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Aus Ihrer Sicht das richtige Instrument?

Wir hatten in der Coronakrise ja sowohl eine Angebots- als auch eine Nachfrageproblematik. Viele Industrien konnten nicht mehr produzieren und die Konsumenten konnten nur eingeschränkt einkaufen. Nun gehen wir langsam zur sogenannten neuen Normalität über. Das Programm kommt da richtig, um für die Nachfrage Anreize zu schaffen und die Binnenkonjunktur zu stimulieren.

Kernstück des Programms ist eine Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16 beziehungsweise 7 auf 5 Prozent von Juli bis Dezember. Heißt das, alles wird nun billiger?

Das kommt darauf an, ob die Unternehmen die gesunkenen Preise an den Endverbraucher weitergeben. Empirische Studien geben ein unterschiedliches Bild ab. In Großbritannien etwa haben die Unternehmen eine Mehrwertsteuersenkung im Zuge der Finanzkrise 2009 an die Verbraucher durchgereicht, was die Nachfrage angekurbelt hat. Ob es ein hinreichender Kaufanreiz ist, dass ein Auto nun statt 40 000 Euro 39000 Euro kostet, ist fraglich – es wird ja ohnehin schon mit Rabatten gearbeitet. Auch bei kleinen Beträgen wird der Effekt kaum spürbar sein.

Wie profitieren die Unternehmen davon?

Steigt die Nachfrage, so können sie bei gleichbleibender Gewinnmarge mehr verkaufen. Oder aber sie erhöhen die Gewinnmarge, dann steigt die Nachfrage geringer. Das kommt auch auf die jeweilige Konkurrenzsituation an. Im Bereich des Textileinzelhandels beispielsweise ist der Preisdruck durch viele Rabattaktionen ja sehr hoch.

Welche Branchen profitieren ihrer Meinung nach am meisten?

Wichtig ist das Thema Mehrwertsteuer sicher für die Gastronomie, wo ja bereits im Vorfeld eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen beschlossen wurde. Diese ist explizit dazu gedacht, den belasteten Unternehmen zu helfen, nicht so sehr, um die Preise zu verbilligen.

Was wird sein wenn die sechs Monate mit niedriger Steuer vorbei sind?

Wir haben aus der Coronakrise gelernt, dass nichts sicher ist. Prognosen vermuten für 2020 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um rund sechs Prozent. Vielleicht ist Anfang 2021 eine Aufwärtstendenz spürbar. Wenn nicht, wird das Programm vielleicht auch verlängert.

Aber das Programm soll ja aus der Krise helfen.

Dieses 130-Milliarden-Euro-Programm hat auch einen psychologischen Faktor, der nicht zu unterschätzen ist: Es geht wieder aufwärts, es wird etwas getan. Wichtig ist aber vor allem, dass das Thema Kurzarbeit wieder verschwindet, damit auch die Konsumenten zurück zur Normalität kommen. Das würde dann wirklich einen positiven Mindset verursachen.

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft Regional

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL