Sythetische Kraftstoffe als Retter

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An einzelnen Tankstellen in der Region gibt es bereits synthetische Kraftstoffe. Experten sehen in ihnen eine Option für die Zukunft.
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Sogenannte "E-Fuels" fristen ein Nischendasein. Zu Unrecht, glauben Experten. Mit ihnen ließe sich nicht nur die deutsche Industrie retten, auch das weltweite Klima gehöre zu den Profiteuren.

Aalen

Der Strukturwandel in der Autoindustrie ist mit voller Wucht auf dem Arbeitsmarkt angekommen, Autobauer wie -zulieferer streichen tausende Stellen. Die Politik in Deutschland und Europa hat die Elektromobilität als neue Leitindustrie erkoren, was den Transformationsprozess verschärft, obgleich die Bundesregierung immer wieder betont, die Energiewende müsse technologieoffen gestaltet werden. Synthetisch hergestellte Kraftstoffe fristen in der öffentlichen Debatte ein Nischendasein, obwohl Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst eine Diskussion hierzu anstieß.

Eine vom CDU-Landtagsabgeordneten Winfried Mack initiierte virtuelle Konferenz kam zu interessanten Ergebnissen: Synthetisch hergestellte Kraftstoffe sollen nicht nur das Potenzial haben, die Lebenszeit der Verbrennertechnologien klimaneutral zu verlängern und die traditionelle Industrie zu entlasten. Mehr noch: Ohne weltweiten Einsatz dieser neuartigen Kraftstoffe, unter dem Namen E-Fuels bekannt, soll der Klimawandel nach Ansicht der diskutierenden Experten nicht mehr aufzuhalten sein. In Karlsruhe wird am KIT bereits seit mehr als einem Jahrzehnt an neuartigen Kraftstoffen geforscht. Ein Konsortium aus Autoherstellern, deren Zulieferer sowie der chemischen Industrie forscht im Rahmen des Projekts Refuel an der gesamten Prozesskette. "Wir analysieren die Kostenseite und betrachten auch ökonomische und ökologische Aspekte", erklärt Prof. Dr. Nicolaus Dahmen vom Institut für Katalyseforschung und -technologie. Ein wichtiger Schritt sei die Demonstrationsanlage, in der rund 50 Millionen Liter synthetischer Kraftstoff hergestellt werden kann. Dahmen ist sicher: "E-Fuels sind ein globales Thema, wir in Deutschland müssen zeigen, was sie können."

Der Bosch-Konzern forscht ebenfalls in diesem Bereich. Die Motivation: "Wir werden die Klimaschutzziele nicht allein mit der Elektromobilität erreichen. Die Defossilisierung hat sich lediglich Europa auf die Fahnen geschrieben", erklärt Björn Noack, Director Sustainable Mobility Strategy bei Bosch. Die Elektromobilität habe ihre Daseinsberechtigung, könne aber allein nicht die weltweiten Klimaprobleme lösen. Schwere Nutzfahrzeuge und der Flugverkehr ließen sich kaum elektrifizieren. "Wir brauchen beides. Ohne synthetische Kraftstoffe wird der Verkehrssektor niemals klimaneutral gestellt werden können."

Prof. Dr. Franz Josef Radermacher sieht das genauso, er gehört zu den prominentesten Verfechtern der E-Fuels: "Die einseitige Versteifung auf die Elektromobilität schwächt den Industriestandort Deutschland." Der Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung an der Uni Ulm kritisiert die europäische Haltung in der Klimafrage. "Dem Globus ist Wurst, was wir hier in Europa machen." China sei der entscheidende Faktor bei der Bekämpfung des Klimawandels, auch in den nach Wohlstand strebenden Schwellen- und Entwicklungsländer sei etwa der flächendeckende Verkauf und Einsatz von Elektroautos eine Utopie. "Wir brauchen E-Fuels, dann sind alle Fahrzeuge klimaneutral."

Wir werden die Klimaschutzziele nicht allein mit der Elektromobilität erreichen.

Björn Noack Bosch

In der Tat werden die meisten E-Fuels aus Wasserstoff und Kohlendioxid gewonnen. Das Problem: Die Herstellung ist extrem energieintensiv und daher (noch?) teuer. Dr. Tim Böltken, Geschäftsführer der Karlsruher Ineratec, hält indes langfristig einen Preis von unter einem Euro pro Liter realistisch. Der Unternehmer stellt mit aktuell 50 Mitarbeitern Minireaktoren her, die synthetische Kraftstoffe oder chemische Grundstoffe produzieren. "Der chemische Bereich muss dekarbonisiert werden", fordert Böltken, der die Anlagen gemeinsam mit dem KIT entwickelt hat. Es gebe Sektoren, die "nicht einfach elektrifiziert werden können". Er kritisiert: "Synthetische Kraftstoffe werden von der Politik noch immer wie fossiler Diesel behandelt."

Den Energiebedarf der Umwandlung könnte Strom aus Erneuerbaren Energien liefern, in den Sonnenwüsten, etwa in Marokko, Chile oder Spanien, der dann in Zwischenstoffen zur Weiterverarbeitung transportiert werden müsste. Dieser große Aufwand stößt bei Kritikern auf wenig Gegenliebe, Böltken gibt zu bedenken: "Wir müssen in Deutschland dringend die Erneuerbaren Energie ausbauen, aber zu glauben, wir könnten damit 100 Prozent unseres Energiebedarfs decken, ist Utopie. Wir werden weiter auf Importe angewiesen sein." Für ihn steht fest: "Wir müssen technologieoffen sein, um unsere Klimaziele zu erreichen. Wir werden synthetische Kraftstoffe brauchen."

Initiator Winfried Mack sowie Claus Paal, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, sehen neben dem positiven Effekt aufs Klima auch die Vorteile für die Wirtschaft im Südwesten. Denn mehr als 400 000 Jobs hängen allein im Land an der Autoindustrie. "Mit synthetischen Kraftstoffen ergibt sich auch eine Perspektive für unsere Arbeitsplätze."

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