Tesla-Chef Elon Musk wird zunehmend ein Spekulant

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Herbert Fischer

Herbert Fischer, Vorstandsmitglied des Wasseralfinger Aktienclubs, nimmt Stellung zur aktuellen Lage an den Finanzmärkten.

Herr Fischer, das Börsenjahr 2021 ist noch keine zwei Monate alt, und schon passieren die verrücktesten Dinge am Finanzmarkt. Mit zahlreichen Anhängern konnte in den vergangenen Wochen eine Gruppe von Kleinanlegern, organisiert in einem Internetforum, die totgesagte Gamestop-Aktie kurz wiederbeleben. Was war passiert?

Fischer: Eine eigentlich lahme Aktie ist zum Spielball von Spekulanten geworden. Auf der einen Seite die Hedgefonds, die das Papier für Leerverkäufe nutzten und an einen Kursrückgang glaubten. Auf der anderen Seite eine Vielzahl von Kleinanlegern, die sich im digitalen Netz verabredeten, um den Kurs in die Höhe zu treiben und die Hedgefonds alt aussehen zu lassen.

Am 20. Januar schaute die ganze Welt auf die Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden. Wie haben die Börsen auf den Demokraten und seine ersten Anordnungen aus dem Weißen Haus reagiert?

Fischer: Die Wall Street feierte die Amtseinführung mit neuen Rekorden. Erwartet wird ein zusätzliches Fiskalpaket zur Stimulierung der Wirtschaft. Es wird voraussichtlich strukturelle Regulierungen für die großen Big-Tech-Konzerne geben und mittelfristig Steuererhöhungen. Stärker profitieren werden Aktien aus dem Bereich der grünen Technologie und Gesundheit.

Trotz anlaufender Impfkampagnen hat die Corona-Krise die Welt weiterhin fest im Griff. Blickt man jedoch auf die Finanzmärkte, scheint sich der Aufwärtstrend weiter fortzusetzen. Wie viel Zuversicht auf Normalität ist an den Börsen bereits eingepreist?

Fischer: Die Prognosen vom Wirtschaftsminister und den Instituten für 2021 für das Wirtschaftswachstum lagen zum Jahresbeginn für die Bundesrepublik und die Eurozone bei vier Prozent, für die USA bei drei Prozent und für China bei acht Prozent. Die EZB hat die Märkte mit Geld geflutet, das sucht Anlagemöglichkeit und die Niedrigzinspolitik wird fortgesetzt. Für in Aktien ungeübte Kapitalanleger bleibt ein gut gemanagter Investmentfonds eine renditeversprechende Anlage mit überschaubarem Risiko.

Die altbekannte Börsenweisheit "Buy the dip" rät zum Kurseinstieg bei Börsencrashs. Ist Ihr WAC Fonds diesem Anlegermotto im Corona-Kursrutsch gefolgt?

Fischer: Wir hatten seit Jahresbeginn 2020, bis zu dem Kursrückgang im Februar einen Kursanstieg von 8,5 Prozent und waren nahezu voll investiert. Für Zukäufe hätten wir uns von Aktien aus dem Depot trennen müssen, um tiefer einzusteigen. Verkauf und Ankauf von Aktien ist immer mit Kosten verbunden. Der Großteil der Kursrückgänge war eine Pandemie-Panikreaktion. Ende Juli waren die Kursverluste weitgehend eliminiert.

Blickt man auf das vergangene Börsen-Jahr 2020 gibt es vor allem einen Gewinner - Tesla. Die Aktie des amerikanischen Elektroautobauer mit Elon Musk an der Spitze konnte im letzten Jahr sage und schreibe 700 Prozent zulegen. Warum ist der WAC Fonds nicht investiert?

Fischer: Wir waren in der Vergangenheit auch bei Tesla engagiert und haben Geld verdient. Aus heutiger Sicht kann man uns den Vorwurf machen, wir wären zu bald ausgestiegen. Bei Aktien mit rasantem Kursanstieg ist immer Vorsicht geboten. Tesla hat ein extrem hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 205 und bei der Onlinebank ING eine durchschnittliche Kurserwartung der Analysten von 386 Euro bei einem aktuellen Kurs von 705 Euro. Elon Musk wird zunehmend ein Spekulant. Er hat sich beim Gamestop-Spiel mit eingemischt und aktuell für 1,5 Milliarden Dollar Bitcoins gekauft und damit den Kurs hochgetrieben. Unsicherheit besteht immer noch bei der endgültigen Genehmigung der Autofabrik in Grünheide, Brandenburg.

Bei unserem letzten Interview im November haben Sie mit einer erstaunlichen Genauigkeit den Stand des DAX am 30. Dezember 2020 vorhergesagt. Wie schätzen Sie die Entwicklung des ersten Halbjahres 2021 ein? Müssen die Anleger mit einem Kater von der derzeitigen fröhlichen Börsenstimmung rechnen?

Fischer: Wir gehen von einem volatilen Kursverlauf aus. Unerwartete Rückschläge bei der Bekämpfung der Pandemie können auch vorübergehend die Börse negativ beeinflussen. In Summe rechne ich mit einem positiven Ergebnis, auf jeden Fall oberhalb der Renditen bei konventionellen Kapitalanlagen.

Mit der Bundestagswahl im September wird nach 16 Jahren die Merkel-Ära enden. Was kann der Wahlkampf sowie ein möglicher Regierungswechsel für die hiesigen Anleger bedeuten?

Fischer: Es wird zwingend wieder eine ungeliebte Koalition geben, voraussichtlich Schwarz-Grün. Eine vermutlich starke grüne Komponente wird in der Wirtschaft wenig Begeisterung finden. Für konventionelle Kapitalanleger und Sparer fehlen aber weiterhin renditeversprechende Alternativen. Das stärkt die Position der Kapitalanlage in Aktien bzw. in Investmentfonds.

Matthias und Wilfried Kapfer

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