Warmes Heim dank Rechenzentrum

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Die Server werden mit Wasser gekühlt.
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In Stödtlen könnten Haushalte in Zukunft mit der Abwärme eines Rechenzentrums beheizt werden. Das sind die Pläne des Unternehmers Julian Hauber.

Stödtlen

Rund 350.000 Wohnungen in Deutschland könnten künftig durch die Abwärme von Rechenzentren mit Energie für Heizung und Warmwasser versorgt werden. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Digitalverbands Bitkom. „Dieses Potenzial sollte man nicht weiter brachliegen lassen“, erklärte Bitkom-Präsident Achim Berg. Die Rechenzentren müssten direkt an öffentliche und private Fernwärmenetze angeschlossen werden. Einen ähnlichen Plan verfolgt bereits seit einigen Monaten die Firma JH-Computers, die in Stödtlen ein hochmodernes Rechenzentrum betreibt.

Das Projekt von Geschäftsführer Julian Hauber ist ehrgeizig: Bereits im Winter 2023/24 sollen Haushalte in Stödtlen per Fernwärmenetz mit Wärme versorgt werden. Die Planungen laufen auf Hochtouren, erklärt Hauber im Gespräch mit dieser Zeitung. „Bereits bei der Planung des Rechenzentrums vor knapp drei Jahren haben wir diese Option mitgedacht“, sagt Hauber. Seine Firma versorgt vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen mit Rechenpower. Dabei entsteht Wärme, die in vielen Rechenzentren einfach entsorgt, also quasi per warmer Luft an die Umwelt abgegeben wird. Bei JH-Computers nimmt eine Wasserkühlung die entstehende Energie auf. „Diese Technologie wird nur von wenigen Rechenzentren genutzt und ermöglicht uns den Betrieb von viel Rechenleistung auf kleiner Fläche“, so Hauber.

Dank Wasserkühlung ist die Energie besser nutzbar. Mit der Klimaanlage und dem Blockheizkraftwerk wird das Wasser auf eine Temperatur von knapp 95 Grad erhitzt und könnte dann per Fernwärmeleitung transportiert werden – und praktisch alle Haushalte in Stödtlen und Niederroden das ganze Jahr mit Energie versorgen. Der Spitzenlastkessel, der mit Biomasse betrieben wird, springt bei, wie der Name schon sagt, Spitzenlasten (etwa an sehr kalten Tagen) ein und kann, falls das Rechenzentrum eines Tages nicht mehr vor Ort betrieben wird, dessen Nachfolge einnehmen.

Auf rund 4 bis 4,5 Millionen Euro schätzt Hauber das Investitionsvolumen für das geplante Wärmenetz. Der Unternehmer ist sicher: „Das Potenzial ist riesig.“ Rund die Hälfte der Summe könnte über verschiedene Fördertöpfe finanziert werden. „Die Chancen für eine 50-Prozent-Förderung stehen gut, weil es sich bei der genutzten Abwärme zu 100 Prozent um einen Abfallstoff handelt.“ Für die restliche Summe entwickelt Hauber derzeit verschiedene Modelle. „Möglich wäre zum Beispiel eine Genossenschaft, an der sich die Gemeinde und die Bürger beteiligen können“, sagt er. Der Vorteil: Mit dem Fernwärmenetz können sich Gemeinde und Haushalte unabhängiger von den Energiepreisen machen. Für das Projekt wird Hauber in den nächsten Wochen eine Gesellschaft gründen, die das Netz betreibt. Der Unternehmer betont: „Das Projekt ist nicht auf maximalen Gewinn ausgelegt, sondern soll lokal zur Energiewende beitragen.“

Bereits vor dem Ukraine-Krieg (und zu Zeiten niedrigerer Energiepreise) hat Hauber das Projekt vorangetrieben, im Februar gab es in der Gemeindehalle Stödtlens eine Informationsveranstaltung. „Statt der erwarteten 50 Besucher kamen weit mehr als 100. Das Interesse an Alternativen zur aktuellen Energieversorgung ist riesig.“ Deshalb will der Unternehmer in diesem Jahr die notwendige Regulatorik bewältigen sowie Genehmigungen einholen, 2023 sollen die Bagger rollen und erste Leitungen verlegt werden. Im Winter 2023/2024 könnte die erste Energie fließen. „Die Anlage wird Pilotprojekt und Demonstrator“, sagt Hauber selbstbewusst. Er denkt bereits jetzt an die Zukunft; das Blockheizkraftwerk ist laut Hauber „Wasserstoff-Ready“, kann also auch mit diesem Kraftstoff betrieben werden. Mit einem Elektrolyseur könnte per Photovoltaik- oder Windkraftanlagen erzeugter Strom in Wasserstoff umgewandelt werden. „Wir planen den Elektrolyseur mit einer Leistung von 2 Megawatt. Im Moment arbeiten wir an den Förderanträgen“, so Hauber.

Bei der Gemeinde Stödtlen verfolgt man die Planungen rund um das Wärmenetz gespannt. „Das sehen wir absolut positiv“, sagt Bürgermeister Ralf Leinberger. Auch eine Umfrage unter den Bürgerinnen und Bürgern habe ein großes Interesse ergeben. Eine finanzielle Beteiligung der Kommune schließt er aktuell aus. „Wir begleiten und unterstützen das Vorhaben in jedem Fall, aber wir sind eine Gemeindeverwaltung und kein Energieversorger.“ Letztendlich sei das Projekt eine Frage der Wirtschaftlichkeit. „Es wäre klasse, wenn die Finanzierung gelingt“, hofft der Bürgermeister.

Julian Hauber.
Das Rechenzentrum von JH-Computers in Stödtlen.

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