Warum das Bürgergeld eine Chance ist

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Claudia Prusik, Arbeitsagentur Aalen.
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Claudia Prusik, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Aalen, sieht Ostwürttemberg in einer anderen Situation als vor 30 Jahren – mit neuen Herausforderungen.

Aalen

Claudia Prusik ist seit 2021 Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Aalen. Im Interview mit der Wirtschaft Regional blickt sie auf den Arbeitsmarkt in Ostwürttemberg.

Vor 30 Jahren erschien die Wirtschaft Regional zum ersten Mal. Wie unterschieden sich die Arbeitsmarktzahlen von Ostwürttemberg von den heutigen?

Der Arbeitsmarkt Ostwürttemberg befand sich 1992 an einem Wendepunkt. Der Boom der Wiedervereinigung flachte ab und die Region musste steigende Arbeitslosenzahlen verzeichnen. 1992 lag die Arbeitslosenquote bei 6,9 Prozent. Die Zahlen verschlechterten sich bis Mitte der 90er-Jahre und Ostwürttemberg musste mit einer massiven und langandauernden Rezession kämpfen. Den Höchststand an Arbeitslosen verzeichneten wir 1997 mit fast 18.000 Arbeitslosen. Erst 1998 begann sich die Lage wieder zu entspannen. Im Vergleich zur heutigen Situation gibt es viele Unterschiede, aber auch Parallelen. Seit Jahresbeginn haben wir in Ostwürttemberg eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 3,3 Prozent – also eine wesentlich angenehmere Lage. Das liegt nicht zuletzt am starken Zuwachs an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Im Jahr 1992 hatte Ostwürttemberg rund 160.000 Beschäftigte. Heute sind es rund 185.000. Und auch die Struktur der Arbeitslosigkeit hat sich im Laufe der Jahre verändert. Vor allem der Anteil an Ungelernten unter den Arbeitslosen hat im Laufe der Jahre stetig zugenommen. Die Themen auf dem Arbeitsmarkt haben sich schlichtweg verändert – man denke nur an die Digitalisierung und Automatisierung, durch die sich die Welt vieler Berufe einem enormen Wandel unterzogen hat – manche Berufsfelder sind neu strukturiert oder sogar weggefallen, neue Berufe und Aufgaben sind entstanden. Die Arbeitswelt ist viel volatiler. Zudem sprechen wir heute von einem Bewerbermarkt, nicht mehr von einem Stellenmarkt, was so viel heißt: Die Bewerberinnen und Bewerber fragen „Was bieten Sie mir?“ Damals wie heute steht die Region vor großen, aber anderen Herausforderungen und das gelingt nur im Zusammenspiel aller Akteure und in guten Netzwerken wie unserer Zukunftsoffensive Ostwürttemberg.

Haben Sie Besonderheiten am Arbeitsmarkt Ostwürttembergs kennengelernt?

Ostwürttemberg ist ein historisch gewachsener Produktionsstandort. Das unterscheidet uns doch stark von manch anderer Region. Durch unsere Unternehmensstruktur sind wir stärker von der Substituierbarkeit mancher Bereiche betroffen und müssen hier fokussiert Alternativen entwickeln. Aber wir haben einen guten und stabilen Arbeitsmarkt. Wir nutzen alle Hebel, um Ausbildungs- und Arbeitskräfte zu gewinnen und zu binden, um – und das habe ich in meinem ersten Jahr als Vorsitzende der Geschäftsführung sehr stark wahrgenommen – als starke Netzwerkpartner die Region voranzubringen und sicherzustellen, dass wir im Wettbewerb konkurrenzfähig und attraktiv bleiben.

Der Industrie als Arbeitgeber wurde immer wieder ein Niedergang vorausgesagt. Dennoch gibt es in Ostwürttemberg sehr viele Industriearbeitsplätze ...

Da Ostwürttemberg ein klassischer Produktionsstandort ist, sind hier eben auch die meisten Arbeitsplätze zu finden. Wenn wir die Entwicklung der Beschäftigten in diesen Bereichen anschauen, so hat das verarbeitende Gewerbe allerdings schwächere Zuwächse zu verzeichnen als die anderen Wirtschaftsbereiche. Dass wir hier – trotz großer Veränderungen – nach wie vor einen stabilen Arbeitsmarkt haben, liegt an einer Kombination aus verschiedenen Faktoren. Zum einen ist es der regionalen Industrie gelungen, durch Innovation und clevere Strategien im Wettbewerb mitzuhalten. Zum anderen hat uns auch das Instrument der Kurzarbeit über manche Krise hinweggeholfen und eine Durststrecke überbrückt – wie etwa die Corona-Pandemie, Lieferkettenengpässe oder auch die Wirtschaftskrise 2008. Wichtig ist, dass wir als Region heute durchstarten und unsere Beschäftigten qualifizieren, damit wir auch künftig wettbewerbsfähig bleiben. Das Qualifizierungs- und Chancengesetz bieten uns dafür eine gute Grundlage.

Wird es gut weitergehen?

Insgesamt sind wir als Region gut aufgestellt. Der Markt zeigt sich ja nun schon sehr lange robust – trotz der ganzen Unwägbarkeiten. Wenn man bis zum Jahr 2019 zurückdenkt, dann waren die letzten 2,5 Jahre ganz schön turbulent. Damals meldeten wir Monat für Monat Spitzenzahlen, die zuletzt 1991 verzeichnet wurden. Natürlich wussten wir, dass dem Markt große Veränderungen bevorstanden – Digitalisierung, demografischer Wandel, Dekarbonisierung, Fachkräftemangel ... Die Veränderungen sind da und gemeinsam mit allen Netzwerkpartnern werden wir sie meistern.

In den vergangenen Jahren blieb Ostwürttemberg von großen Firmenpleiten verschont. Was passiert, sollten diese nun eintreffen?

Ich bin hier nicht blauäugig unterwegs, dennoch bin ich zuversichtlich. Und sollte es wider Erwarten an der ein oder anderen Stelle ein Thema sein, dann werden wir alles daran setzen, abzufedern was abzufedern geht. Wir haben bereits in der Pandemie bewiesen, dass wir auch als große Behörde flexibel auf Sondersituationen reagieren können. Wir haben Personal flexibel und kurzfristig ein- und umgesetzt, um den Menschen ihre finanzielle Existenz zu sichern. Wir sind mit allen Partnern gut vernetzt und werden die Region auch durch schwierige Fahrwasser begleiten und unterstützen. Aber im Moment sehe ich wie gesagt einen robusten Arbeitsmarkt in einem starken Ostwürttemberg. Unsere Unternehmen brauchen Arbeitskräfte - auch künftig.

Wie stark treffen aktuelle Krisen wie der Ukraine-Krieg, die Energiekrise und die Lieferkettenproblematik den hiesigen Arbeitsmarkt?

Die Arbeitslosenzahlen liegen aktuell unter der 9000er-Marke und auch der Bedarf an Arbeitskräften ist nach wie vor hoch. Auch auf dem Ausbildungsmarkt spüren wir eine hohe Ausbildungsbereitschaft unserer regionalen Betriebe. Zahlreiche freie Ausbildungsstellen für dieses und auch fürs kommende Jahr spiegeln dies wider. Die Verantwortlichen in den Unternehmen wissen, wie wichtig ihre Arbeitskräfte für sie sind und werden daher alles daran setzen, sie in den Unternehmen zu halten. Das Instrument des Kurzarbeitergeldes wird sich dahingehend wieder als zuverlässiges Instrument erweisen und ich bin froh, dass wir diese Möglichkeit haben, um den Betrieben durch turbulente Zeiten zu helfen. Damit dies möglichst unkompliziert läuft, wurden die vereinfachten Zugangsvoraussetzungen durch die Bundesregierung bis zum 31. Dezember erneut verlängert.

Automatisierung und Digitalisierung werden auch den Arbeitsmarkt umkrempeln. Wie kann sich die Region fit dafür machen?

Hier gibt es vier wesentliche Schlagworte, die alle wichtigen Themen beinhalten: 1. Ausbilden – es ist ja nun kein Geheimnis mehr, dass Ausbildung ein unumgängliches Muss ist, um Fachkräfte für die Zukunft zu gewinnen. Und das ist das nächste Schlagwort: 2. Gewinnen. Wir müssen in der Region sämtliche Potenziale ausschöpfen. Hierzu gehören vor allem Personengruppen wie Berufsrückkehrende, Studienaussteigende und Karrierewechselnde, aber auch Bewerberinnen und Bewerber mit Defiziten, die es auszugleichen gilt. Und natürlich auch Fachkräfte aus dem Ausland! 3. Entwickeln! Das ist ein wesentliches Kernthema! Denn nur mit gut qualifiziertem Personal können wir am Zahn der Zeit bleiben und mithalten. Und last but not least: 4. Binden! Es ist wichtig, dass Unternehmen ihre Arbeitskräfte an sich und damit auch an die Region binden, um als einzelner Betrieb, aber auch als starke Region zu punkten. Vor allem durch die Zukunftsoffensive Ostwürttemberg stehen hier im ständigen Austausch mit den Firmen und versuchen das Thema weiter voranzutreiben. Das dürfen wir trotz aller anderen aktuellen weltpolitischen Geschehnisse nicht aus dem Fokus verlieren!

Während der Pandemie war die Kurzarbeit ein großes Thema. Welchen Effekt hatte sie?

Die Anträge auf Kurzarbeit sind vor allem zu Beginn der Pandemie explosionsartig in die Höhe geschossen. Im April und Mai 2020 befanden sich 2858 Betriebe mit fast 40.000 Beschäftigten in Kurzarbeit – ein historischer Höchstwert. Im Jahresverlauf 2020 und vor allem dann im Jahr 2021 haben sich die Zahlen aber schnell relativiert. 2021 lag der Höchststand an Betrieben, die Kurzarbeitergeld in Anspruch genommen haben, bei 1998 Unternehmen mit 14.579 Beschäftigten. Man muss schon sagen, dass uns dieses Instrument enorm geholfen hat und auch größere Massenentlassungen verhinderte. Die Arbeitslosenzahlen sind zwar gestiegen, aber lange nicht in dem Ausmaß, in dem sie ohne Kurzarbeitergeld gestiegen wären.

2023 soll das Bürgergeld als neue Grundsicherungsleistung eingeführt werden. Welche Konsequenzen für den Arbeitsmarkt in der Region erwarten Sie?

Ich begrüße die Neuausrichtung des SGB II grundsätzlich. Sie trägt dazu bei, Stigmata abzubauen, die soziale Akzeptanz zu erhöhen, und bringt den betroffenen Menschen positive Effekte. Zudem sehe ich die Weiterentwicklung als Chance und als Basis dafür, weiterhin engagiert für die betroffenen Menschen da sein zu können. Mit der Neuausrichtung wird der Tatsache Rechnung getragen, dass sich der Blick der Bevölkerung auf die Grundsicherung stetig verändert hat. Die Grundsicherung, wie sie jetzt besteht, wurde geschaffen zu Zeiten der Massenarbeitslosigkeit und konnte dort vielen helfen. Aber jedes Gesetz hat seine Zeit. Die arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen haben sich erheblich geändert. Wie in vielen anderen Bereichen auch besteht daher für die Grundsicherung ein allgemeiner Modernisierungsbedarf. Dies hat sich nicht erst in der Pandemie gezeigt, als Menschen hilfebedürftig geworden sind, bei denen dies ohne Pandemie nicht erwartbar gewesen war. Es bleibt eine große Herausforderung, die berechtigten Erwartungen der Hilfebedürftigen und die Interessen derjenigen, die das Bürgergeld finanzieren, fair auszubalancieren.

Menschen im höheren Erwerbsalter tun sich nach Jobverlust oft schwer, wieder eine Arbeit zu finden – wie ist die Lage in dieser Altersgruppe in Ostwürttemberg und welche Möglichkeiten gibt es?

Seit vielen Jahren sprechen wir darüber, dass die älteren Arbeitslosen sich etwas schwerer tun, wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Aber wenn wir das Pferd mal von hinten aufzäumen und uns die Beschäftigtenzahlen genauer anschauen, dann sind es vor allem die Personen mit 55 Jahren und älter, die einen großen Anteil am Beschäftigungsaufbau der letzten Jahre hatten. Der demografische Wandel und der enorme Fachkräftebedarf haben hier zu einem Umdenken geführt. Viele Unternehmer sind froh, wenn sie eine gut ausgebildete Fachkraft bekommen, die viel Berufserfahrung in den Ring werfen kann, auch wenn diese vielleicht keine 20 Jahre mehr im Betrieb bleibt. Es gilt, dieses Wissen geschickt und planvoll auf die nächsten Generationen zu übertragen.

Junge Menschen fragen sich oft, in welcher Branche es zukunftssichere Jobs gibt. Was raten Sie?

Tja, das ist eine gute Frage. Da ich in meiner Anfangszeit bei der BA als Berufsberaterin tätig war, sah ich mich häufig mit dieser Frage konfrontiert. Es gibt viele Bereiche, die ich als zukunftssicher deklarieren würde und genauso viele Bereiche, bei denen ich mir sicher bin, dass sie in Zukunft nur noch in sehr veränderter Form ausgebildet werden. Es ist wichtig, einen Blick auf Rahmenbedingungen und den Arbeitsmarkt zu werfen und auszutarieren, wie die Zukunftschancen in den einzelnen Berufen stehen. Das ist aber kein Grund, bestimmte Berufe von seiner Wunschliste zu streichen. Ich finde es genauso wichtig, dass junge Menschen sich gut überlegen, was zu ihren Interessen und Fähigkeiten passt. Und wenn das ein Beruf ist, der in naher oder ferner Zukunft vielleicht in sehr veränderter Form ausgeübt werden kann, dann wird es vorher eine Möglichkeit geben, sich in seinem Bereich weiterzuentwickeln und sich zu qualifizieren und den eingeschlagenen Weg in veränderter Form trotzdem beizubehalten. Ich möchte dies anhand eines Beispiels veranschaulichen: Eine junge Dame, die sich nach dem Abitur für den Beruf der Schornsteinfegerin entschieden hat. Der eine oder anderen könnte nun vermuten, dass das ein Berufsbild ist, das durch den Energiewandel nicht besonders zukunftsträchtig ist. Viele Haushalte werden im Laufe der Zeit auf klimaneutrale Möglichkeiten umrüsten, wodurch sich das Berufsbild verändern wird. Das hat die junge Dame trotzdem nicht abgeschreckt – im Gegenteil. Sie möchte gerne nach dem Abschluss ihrer Ausbildung den Meistertitel draufsatteln und ihren Fokus auf die Energieberatung legen. Was ich damit sagen will: Auch Ausbildungsinhalte sind einem stetigen Wandel unterworfen, es wird Themenbereiche geben, die wegfallen und welche, die ergänzt werden. Für Beschäftigte wird es Anpassungsqualifizierungen geben. Unser Bildungssystem ist in den letzten Jahrzehnten immer flexibler und durchlässiger geworden und das wird sich auch nicht mehr ändern. Mein Appell an alle Jugendlichen, die sich gerade in der Berufsfindungsphase befinden: Überlegt euch gut, was zu euch passt! Bezieht Alternativen in eure Überlegungen ein und bleibt künftig an den Themen dran, die euren Beruf verändern werden – dann sind die richtigen Weichen gestellt!

Wie gravierend ist der Fachkräftemangel in der Region und wie kann ihm begegnet werden?

Der Fachkräftemangel ist in der Region in vielen Bereichen schon sehr deutlich spürbar. Und er wird sich auch noch verstärken. Wir merken das vor allem daran, dass es bei uns Stellenangebote gibt, die wir nur nach einer langen Vakanzzeit besetzen können. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage wird zunehmend größer. Hier kommen wieder meine 4 Schlagworte ins Spiel: Ausbilden, Gewinnen, Entwickeln und Binden. Es gilt schlicht und ergreifend alle Potenziale auszuschöpfen und keine Möglichkeit außer Acht zu lassen. Alle Partner am Arbeitsmarkt müssen gemeinsam alle Hebel in Bewegung setzen. Dazu gehören Themen wie Zuwanderung, Aktivierung der stillen Reserve, Ausbildung und Qualifizierung in allen Facetten und vieles mehr. Nur wenn alle Partner gemeinsam an einem Strang ziehen und diese Themen fokussiert angehen, können wir die Region fit für die Arbeitswelt von heute und Morgen machen. 

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