Warum das Stromnetz die Energiewende behindert

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Die Zahl der Photovoltaik-Anlagen in der Region nimmt weiter zu. Deshalb muss das Stromnetz weiter ausgebaut werden.
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Einige Ostalb-Firmen dürfen ihren selbst produzieren Solarstrom nicht ins Netz einspeisen, weil die Netzkapazitäten nicht ausreichen. Warum der Netzausbau so schleppend vorangeht.

Neresheim

Christophe Reure und sein Unternehmen wollen mitmachen bei der Energiewende. Der Geschäftsführer des Kunststoffverarbeiters Bruno Weisser aus Neresheim hat in eine 110-kWp-Photovoltaik-Anlage investiert. Das Ziel: den benötigten Strom selbst produzieren und damit unabhängiger von den Energiepreisen sein. „Für einen energieintensiven Betrieb wie den unseren sind die Stromkosten inzwischen ein großer Standortnachteil“, sagt der Geschäftsführer. Da die PV-Anlage unabhängig von den Betriebszeiten Strom produziert, will das Unternehmen, wie andere Betreiber auch, die überschüssige Erneuerbare Energie (EE) in das Stromnetz speisen. Und hier fangen die Probleme an.

Der Grund: Im Mittelspannungsnetz rund um Neresheim gibt es Engpässe, die verhindern, dass eine Anlage dieser Dimension integriert werden kann, ohne die Stabilität zu gefährden.  „Aktuell sind im Mittelspannungsnetz keine Netzkapazitäten vorhanden, um den Einspeisestrom abzuführen“, heißt es vom Energieversorger EnBW ODR. „Ein Großteil der verfügbaren Kapazitäten wird bereits durch vorhandene EE-Anlagen genutzt und die verbleibenden Kapazitäten sind für konkrete Einspeiseprojekte oder -anfragen reserviert.“ Rein technisch sei der Anschluss der Anlagen zwar möglich, „doch dürfen die Anlagen nicht ins Netz einspeisen, um die Netzstabilität und somit die Versorgungssicherheit nicht zu gefährden“, so die ODR. Der klassische Häusle-Besitzende oder -bauende mit PV-Anlage auf dem Dach ist von der Problematik nicht betroffen, betont die ODR. Deren Strom wird auf lokaler Ebene in das Niederspannungsnetz eingespeist.

Wie Reure ergeht es einigen Unternehmern in der Region, die eine PV-Anlage betreiben oder planen. Die Unternehmen werden vor die Wahl gestellt: Entweder können sie den Strom an einem bestimmten Netzpunkt einspeisen. Dazu müssen sie allerdings eine oft kilometerlange Leitung aus eigener Tasche finanzieren. Oder sie verzichten auf die Einspeisung und wählen die Option Nulleinspeisung – was die Anlagen unwirtschaftlicher werden lässt.

Bei der ODR ist man sich des Problems bewusst, das in letzter Konsequenz die Energiewende bedroht: „Der Netzausbau geht aktuell zu langsam voran und ist daher zentrale Herausforderung der Energiewende“, sagt ODR-Vorstand Sebastian Maier. An seinem Unternehmen liege das nicht, erklärt er, denn pro Jahr investieren die Ellwanger, bzw. deren Tochterfirma Netze ODR, einen mittleren, zweistelligen Millionenbetrag, um das Netz in der Region zu ertüchtigen und vor allem das Mittelspannungsnetz auszubauen.

Ein größeres Problem als die Finanzierung sind die nötigen Genehmigungsverfahren. Aktuelles Beispiel: Die Netze BW plant seit sieben Jahren an einer 110-kV-Leitung von Ellwangen nach Nördlingen, die nötigen Unterlagen füllen inzwischen dutzende Ordner. „Es dauert zu lang“, erklärt Maier. „Wir brauchen eine deutliche Beschleunigung der Genehmigungsverfahren.“ Hinzu kommen Widerstände aus der Bevölkerung: Seit über 2 Jahren liegen beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim Klagen einer Bürgerinitiative gegen den Ausbau vor. Dass die Akzeptanz in der Bevölkerung für Stromtrassen gering ist, liegt an den gesetzlichen Vorgaben: Übersteigen die Kosten für eine (meist teurere) Trassenführung unter der Erde jene für eine Überlandleitung um das 2,8-fache, muss der Betreiber zwingend Strommasten bauen. „Eine entsprechende Gesetzesänderung würde die Akzeptanz in der Bevölkerung deutlich erhöhen“, sagt Maier. Denn technisch könnten die Betreiber sämtliche Trassen unter die Erde verlegen.

Sollte das Gericht zeitnah über die Klage entschieden, könnte die Leitung bis Ende des Jahres 2024 fertig gestellt sein. „Dennoch wird das Stromnetz weiter der Flaschenhals bleiben“, prognostiziert Maier. Um die immer größeren Mengen an regional produziertem Strom zu transportieren, müsste die Netze BW laut Maier grob geschätzt zwei 110-kV-Leitungen bauen – pro Jahr. „Und eben nicht 1 Leitung in 7 Jahren“, konstatiert der ODR-Vorstand nüchtern.

Dass das Stromnetz ausgebaut werden muss, hängt direkt mit der Energiewende zusammen, erklärt Maier. Früher kam der Strom aus wenigen Quellen wie Kohle- der Atomkraftwerken, heute und künftig werden es deutschlandweit Millionen Erzeuger sein. „Aktuell haben wir in der Region 34 000 Erzeuger in unser Netz integriert.“ Die steigenden Energiepreise und die russische Attacke auf die Ukraine haben zu einem Investitionsboom bei Haushalten und Firmen geführt. Schloss die Netze ODR früher im Schnitt 1000 EE-Anlagen pro Jahr ans Netz an, werden es 2022 rund 5000 sein. „Die Energiewende ist längst in den Köpfen von Verbrauchern und Unternehmen angekommen“, sagt Maier. „Wir haben ausreichend Erzeuger von Erneuerbarer Energie, um die Energiewende voranzutreiben. Was wir nicht haben, ist das Netz.“

So grün ist regionaler Strom

Im ersten Halbjahr kamen drei Viertel des in das ODR-Netz eingespeisten Stroms aus Erneuerbaren Energien. Der größte Teil des EE-Stroms (574 Gigawattstunden) kommt aus der Photovoltaik (42 Prozent). Dann folgen Biomasse (530 GWh/38 Prozent) und Windkraft (263 Gigawattstunden/19 Prozent).

Das Stromnetz ist prinzipiell viergliedrig: Innerhalb einer Kommune wird der Strom es per Niederspannung verteilt. In dieses „lokale“ Netz speisen private PV-Betreiber in der Regel ihren Strom ein. Innerhalb eines Landkreises oder einer Region wird der Strom per Mittelspannung verteilt. Das Hochspannungsnetz wiederum ist überregional und verbindet internationale Stromnetze. Das europäische Verbundnetz wiederum arbeitet mit Höchstspannung.  

Sebastian Maier, Technischer Vorstand EnBW ODR Foto: Phositiv

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