Warum die Börse Gas gibt

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Herbert Fischer, Vorstandsmitglied im Wasseralfinger Aktienclub (WAC).
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Herbert Fischer vom Wasseralfinger Aktienclub über DAX-Höchststände mitten im Lockdown, US-Investitionen und die Angst der Börsianer vor Rot-Rot-Grün.

Aalen

Ende März war es soweit: Der DAX überschritt die 15 000-Punkte-Marke. Weltweit verbuchten Börsen Rekordstände. Herbert Fischer, Vorstandsmitglied im Wasseralfinger Aktienclub, bewertet im Interview die Lage.

Ist die Corona-Krise für die deutschen Anleger vorbei?

Am Jahresanfang 2021 hatten wir steigende Inzidenzen, aufgrund zusätzlicher Mutanten und eines harten Lockdowns. Die Börse blieb unbeeindruckt, kein panikartiges Verhalten wie 2020, es kam immer wieder zu Höchstkursen. Die Prognosen für das Wirtschaftswachstum sind für den Euroraum, die USA und China positiv, die Zinsen niedrig. Es gibt nur wenige Branchen, die den Kursaufschwung nicht mitmachen.

Vor wenigen Tage hat der Internationale Währungsfonds (IMF) die Wachstumsprognosen für zahlreiche Länder, insbesondere die USA, nach oben angepasst. Wie stark hängt dies mit den nationalen Impfprogrammen zusammen?

Die Pandemie hat ja besonders 2020 zu Produktionsstörungen und Einbußen geführt, die man aufholen möchte. Daraus resultieren die Wachstumsprognosen, der Nachholbedarf. Auf positive Auswirkungen der Impfprogramme sind folgende Branchen besonders angewiesen: Touristik, Flugverkehr, Gastronomie und Einzelhandel.

Besonders schwer getroffen hat die Pandemie die Reise-, und Eventbranche. Mit steigenden Impfzahlen werden nun die Forderungen für Lockerungen immer lauter. Besteht hier die Chance auf einen Rebound bei Aktien dieser Branche?

Vielleicht bei den großen Airlines, die bedeutende Unterstützung vom Staat bekamen, wenn es dann wieder richtig losgeht. Bei den Branchen die weitgehend in den Stillstand gezwungen wurden, wäre ich vorsichtig.

Vergangenen Monat konnte der deutsche Autobauer VW mit seiner neuen Elektroauto-Strategie "Accelerate" die Anleger überzeugen. Ist das die richtige Antwort auf den Erfolg von Tesla & Co.?

Aktuell hat VW in Deutschland bei der Zulassung von Elektroautos Tesla überrundet. Ob es nach der Inbetriebnahme des Tesla-Werks Grünheide so bleibt, muss abgewartet werden. Deutschland will vollautonome Autos noch vor Großbritannien, den USA und China als reguläre Verkehrsteilnehmer zulassen. VW will den Technologie-Wettlauf mitgestalten, gewinnen. Ob das bei der deutschen Bürokratie gelingt, bleibt abzuwarten.

US-Präsident Joe Biden verkündete vor kurzem einen zwei Billionen US-Dollar schweren Infrastrukturplan, um die USA für die Zukunft fit zu machen. Müssen wir als Europäer nachziehen?

Die EZB hat bereits 2020 den Euroraum mit Geld geflutet, auch der deutsche Finanzminister hat einen entsprechenden Beitrag geleistet. Da sollte erneuter Geldsegen sorgfältig abgewogen werden. Wenn ich das Programm von Joe Biden richtig verstanden habe, geht es in den USA vorrangig um die Ertüchtigung einer maroden Infrastruktur. Das schafft Arbeitsplätze aber kaum Handelsware. Die Situation ist mit der EU nicht vergleichbar.

Das Kräftemessen zwischen Hedgefonds und Kleinanlegern bei der GameStop-Aktie blieb nicht ohne Folgen. Immer mehr junge Menschen zieht es über die sogenannten Trading-Apps an die Börse. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Die GameStop-Aktion war ein cleveres Spiel jüngerer Menschen mit etwas Fachkenntnis im Börsengeschehen. Für diejenigen, die mit Trading-Apps operieren, ist es der Versuch, schnell Geld zu machen und überwiegend eine Spekulation, keine nachhaltige Investition. Da kann es ein böses Erwachen geben.

Der Anteil des verwalteten Vermögens in Deutschland in ETFs erfährt seit einiger Zeit einen regelrechten Boom. Insbesondere die ETFs, welche lediglich einen Aktienindex wie den DAX oder den Dow Jones abbilden, sind beliebt. Warum sollten deshalb Anleger in Ihren WAC-Fonds investieren?

Es gibt viele Indizes auf definierte Aktiengruppen, Rohstoffe usw. Entsprechend groß ist die Anzahl der zugeordneten ETFs, für die es bis zu drei verschiedene Arten gibt. Für den Anleger bleibt die Qual der Wahl. Entscheidet sich der Anleger für einen DAX-ETF, verlässt er etwas den Grundsatz einer breiten Streuung. Sollte die Aktiengruppe im DAX nicht positiv performieren, besteht für den ETF-Emittenten keine Möglichkeit einer Korrektur. Im WAC-Fonds haben wir jederzeit die Möglichkeit, schlecht laufende Aktien zu tauschen und sind breiter aufgestellt. In Perioden mit starkem Kurseinbruch wird die Problematik deutlich. 2020 kam es aufgrund der Pandemie zu panikartigen Kursverlusten Seit Jahresbeginn bis ca. Ende März waren es beim DAX 38,45 Prozent, beim WAC-Fonds 19,45 Prozent. Beide haben bis im Spätsommer die Verluste wieder ausgeglichen. Der DAX benötigte dazu ein Plus von 62,47 Prozent der WAC-Fonds lediglich ein Plus von 24,15 Prozent. Wer nur diese beiden Zahlen vergleicht, bekommt ein irreführendes Bild zum Vorteil vom DAX.

Die Zustimmungswerte der CDU leiden derzeit gewaltig unter dem Corona-Management sowie Korruptionsfällen in der eigenen Partei. Auf was müssten sich Anleger einstellen, wenn sich der Trend fortsetzt und Deutschland von Schwarz-Grün bzw. Rot-Rot-Grün reagiert werden würde?

Rot-Rot-Grün wäre sicher ein schlechtes Signal für die Kursentwicklung an der Börse. Die CDU muss sich enorm anstrengen, damit es nicht Grün-Schwarz wird, aber auch das wäre, wie Baden-Württemberg zeigt, akzeptabel. Als positiver Aspekt für die Börse bleiben die Wachstumsprognosen und die anhaltende Nullzinspolitik.

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