Wenn Bauen den Haushalt sprengt

  • Weitere
    schließen
+
Die Materialkrise macht Bauen für die öffentliche Hand teurer.
  • schließen

Unter den Preissteigerungen und Lieferschwierigkeiten bei Holz, Stahl und Dämmstoffen leiden auch Kommunen und andere öffentliche Bauherren.

Aalen. Explodierende Preise für Holz, Stahl und Dämmstoffe lassen auch kommunale und andere öffentliche Bauprojekte teurer werden. Einerseits sind die Städte und Gemeinden an Vergaberichtlinien gebunden, was Neubau oder Sanierung von Kindergärten, Sport- und Kulturzentren oder Straßen angeht – Steuergeld soll nicht verschwendet werden. Andererseits stehen sie im Wettbewerb mit anderen Kommunen und großen Bauträgern.

Preissteigerungen

Für Schlagzeilen sorgt der Umbau eines Teils der ehemaligen Reinhardt-Kaserne in Ellwangen zur Europäischen Ausbildungsakademie (EATA). Statt der ursprünglich geschätzten 15,7 Millionen soll er rund 26,2 Millionen Euro kosten. Unter anderem lag die erste Schätzung zu niedrig, aber auch steigende Materialkosten sind mit dafür verantwortlich, dass nun überlegt wird, ganz aus dem Projekt auszusteigen.

Kommunen in Konkurrenz

Das Problem der explodierenden Kosten für einzelne Handwerksleistungen treibt fast alle kommunalpolitisch Verantwortlichen um. Öffentlich äußern möchte sich keiner, denn die Kommunen stehen im Wettbewerb miteinander. Neue Schulen, Kindergärten und Mehrzweckhallen gelten als Standortfaktoren. Gemeinden konkurrieren untereinander, Städte mit benachbarten, kleinen Gemeinden, in denen andere Genehmigungsbehörden entscheiden und andere politische Rahmenbedingungen herrschen. Lieber als auf explodierende Kosten für Hochbau und Sanierung wird auf Bereiche wie den Tiefbau verwiesen, in dem die Preise derzeit noch weitgehend stabil sind.

Bauwirtschaft am Limit

Während die Materialkosten ein neues Problem sind, treibt die Auslastung der Firmen die öffentlichen Bauherren schon lange um: „Die Bauwirtschaft boomt, es ist schwierig, entsprechende Unternehmen zu finden“, sagt Sebastian Ritter, Dezernent für Bau- und Ordnungsrecht beim Städtetag Baden-Württemberg. Tatsächlich gehen bei Kommunen mitunter gar keine Angebote auf ausgeschriebene Bauleistungen ein. Oder einzelne Angebote sind so teuer gehalten, dass der Eindruck entsteht, die betreffende Firma sei am Auftrag gar nicht interessiert.

Handwerk fürchtet Verluste

Auf der anderen Seite stehen die Handwerker. „Bei kommunalen Ausschreibungen gibt kein Gewerk mehr ein Angebot ab, weil es nicht mehr möglich ist“, überspitzte es Kreishandwerksmeisterin Katja Maier bei einer Online-Diskussion zum Thema Materialknappheit. Die Angst, am Ende auf explodierenden Materialkosten sitzen zu bleiben und Verluste zu schreiben, geht im Handwerk um.

Klausel kann helfen

Sebastian Ritter bringt sogenannte Stoffpreisgleitklauseln ins Spiel: Hier wird vereinbart, dass am Ende der tatsächliche Materialpreis abgerechnet wird. Das Risiko tragen beide Seiten. Diese Klauseln, die das Handwerk befürwortet, sind in Baden-Württemberg nicht vorgeschrieben, können öffentliche Bauprojekte aber auch verbilligen, wenn der Materialpreis wieder sinkt. „Werden die Klauseln nicht angewendet, so preist der Anbieter mögliche Steigerungen oft schon vorher im Angebot ein“, sagt Ritter.

Notbremse angezeigt?

„Städte unterliegen dem Vergaberecht, das relativ statisch ist und genaue Kriterien vorgibt“, so der Baudezernent. Projekte mit mehr als 5,35 Millionen Euro Volumen müssen EU-weit ausgeschrieben werden. Sprengen die Angebote die vorher kalkulierten Kosten, so kann und sollte mit dem Segen des Regierungspräsidiums eine Ausschreibung aufgehoben werden. „Dann muss man zwingend vergaberechtlich eine weitere Schleife ziehen“, sagt Ritter. Sind günstigere Alternativen, die das Steuersäckel weniger belasten, möglich?

Förderung und Zeitdruck

Förderung für Bauprojekte, etwa vom Land, ist meist an Fristen gebunden. Sie fließt nur, wenn das Projekt innerhalb eines bestimmten Zeitraums verwirklicht wird. Dringt eine Kommune gegenüber den Firmen aber vertraglich auf eine schnelle Realisierung, so treibt das wiederum den Preis in die Höhe. Verzögerungen wegen Materialknappheit können zugesagte Förderung theoretisch gefährden. „Allerdings zeigt sich das Land hier meist kulant“, meint ein Branchenkenner.

Vieles wird nachträglich teurer

Zu Verteuerungen während des Baus selbst kommt es, wenn Planungen nachträglich verändert werden, neue Wünsche aufkommen oder unvorhersehbare Gegebenheiten auftauchen. „Bei Sanierungen kommt man mit dem Kalkulierten fast nie aus“, heißt es.

Sollen Kommunen kürzer treten?

Manfred Scholl, Stadtrat und CSU-Ortsvorsitzender im bayerischen Dinkelsbühl, regte bei der Online-Diskussion an, dass Kommunen weniger Bauleistungen nachfragen, um nicht in Konkurrenz zu privaten Bauherren um knappe und immer teurere Leistungen zu treten. Zum einen jedoch sind etliche Baufirmen gerade auf öffentliche Aufträge spezialisiert. Ritter verweist zudem darauf, dass die meisten Bau- und Sanierungsprojekte für die Daseinsvorsorge notwendig seien. Schieben könne man Bauten im Bereich „Kür“, nicht aber die Sanierung des undichten Kindergartendachs. Er empfiehlt einen „Masterplan“, der notwendige Baumaßnahmen für die kommenden Jahre im Blick hat.

Knappes Material bremst die Wirtschaft: In der nächsten Folge der Serie lesen Sie von den Auswirkungen der Materialknappheit auf die heimische Industrie.

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft Regional

WEITERE ARTIKEL