Wie Stanley Kubrick mit einem Zeiss-Objektiv Filmgeschichte schrieb

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Jan Harlan, Produzent von Stanley Kubricks Filmen, übergab das Zeiss Planar 0,7/50mm als Leihgabe an das Zeiss Museum der Optik.
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Eines der berühmtesten Objektive der Welt ist im Zeiss-Museum der Optik in Oberkochen zu sehen. Jan Harlan, Produzent des Meisterregisseurs, übergab es als Leihgabe an die Einrichtung.

Oberkochen

Eigentlich war es für Aufnahmen der dunklen Seite des Mondes gedacht. Und insgesamt wurden nur zehn Exemplare produziert, sechs davon für die NASA: Die Rede ist vom legendären Filmobjektiv Zeiss Planar 0,7/50mm. Eines davon ist nun, 50 Jahre nach der Produktion, zurück bei Zeiss und im Museum der Optik in Oberkochen zu sehen. Allerdings wurde es nicht durch spektakuläre Bilder des Erdtrabanten berühmt, denn für die amerikanische Weltraumbehörde kam es nicht zum Einsatz, dafür schrieb es Filmgeschichte.

Stanley Kubrick, Regisseur von cineastischen Meilensteinen wie 2001, Shining, Spartacus, Full Metall Jacket oder Uhrwerk Orange, nutzte das lichtstärkste Objektiv der Welt, um die ersten Innenaufnahmen ohne Kunstlicht zu drehen. Für die Aufnahmen bei Kerzenschein, die im Film „Barry Lyndon“ gezeigt werden, konnte Kubrick dank des Objektivs auf zusätzliches Licht verzichten. Das 1975 gedrehte Historienepos gewann seinerzeit vier Oscars, darunter auch jenen für die beste Kamera. Das Objektiv schaffte es mit der ungewöhnlich hohen Lichtstärke 1989 gar ins Guinness-Buch der Rekord.

Jan Harlan, Kubricks ausführender Produzent und an allen Filmen des US-amerikanischen Meisterregisseurs, der zu den bedeutendsten Filmemachern aller Zeiten zählt, obwohl er nie einen Oscar als bester Regisseur erhalten hat, maßgeblich beteiligt, übergab es als Leihgabe an das Museum. Harlan eröffnete zudem als Ehrengast eine Sonderpräsentation, die diesem außergewöhnlichen Objektiv gewidmet ist. „1972 konnte ich das Objektiv hier in Oberkochen direkt bei den Entwicklern abholen“, so der gebürtige Karlsruher. „Und jetzt bringe ich es als Leihgabe für das Museum zurück nach Hause.“ Als Überraschung überreichte der Produzent dem Museum zwei der speziell für „Barry Lyndon“ angefertigten Kerzen, die mit drei Dochten heller brennen als herkömmliche Kerzen.

Auch heute werden weltweit Filme in Holly- und Bollywood für Kino und Streaming mit Filmobjektiven von Zeiss gedreht, auch wenn Optik und Aufnahmetechniken im digitalen Zeitalter deutlich fortgeschrittener sind und Lichtstärke ist bei schwachem Licht keine Herausforderung mehr darstellt. Das Planar von 1972 wäre für Digitalkameras ohnenhin nicht einsetzbar – der Abstand der Hinterlinse zum Film betrugt nur knapp über 5mm, zu wenig für moderne Sensoren. „Das Filmgeschäft liegt uns sehr am Herzen“, sagt Jörg Schmitz, Leiter Zeiss Consumer Products. „Wir danken Jan Harlan von ganzem Herzen, dass wir jetzt ein legendäres Stück Film- und Objektivgeschichte im Zeiss Museum der Optik zeigen können.“

Das Zeiss Museum der Optik in Oberkochen bietet einen Einblick in 800 Jahre Optikgeschichte und mehr als 175 Jahre Zeiss. Es ist werktags von 9 -17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.

Die Geschichte des Objektivs

Jan Harlan, Produzent, Regisseur und Dozent an Filmhochschulen, erzählte bei seinem Besuch, wie es dazu kam, dass ein Objektiv, das eigentlich für die NASA entwickelt und produziert wurde, Eingang in die Filmgeschichte fand. „Stanley las einen Artikel im ‘American Cinematographer’ über ein Zeiss Objektiv mit Brennweite 50 mm und einer Ausgangsblende von 0.7, und war begeistert. Er bat mich, hier nachzuforschen, und ich rief Dr. Kämmerer bei Zeiss an, der mir erklärte, dieses Objektiv könne nie für eine Filmkamera genutzt werden, da der Abstand der Hinterlinse zum Filmmaterial nur wenig mehr als 5 mm betrage. Ich berichtete das Stanley, und typisch für ihn, war ein Nein für ihn keine Antwort“, so der gebürtige Karlsruher.

Kubrick habe dann nach einer Kamera für einen Abstand von 5 mm gesucht. Eine Spiegelkamera sei nicht in Frage gekommen: es gab schlicht keinen Platz für den Spiegel. „Aber 5 mm sollten genug Raum für eine rotierende Umlaufblende bieten. Kurz gesagt: Ich kaufte ein Objektiv und brachte es Ed Di Guilio, mit dem Stanley lange diskutiert hatte. Ed baute die Objektivhalterung einer Mitchel BNC speziell für diese Linse um. Nachdem die Tests erfolgreich waren, kaufte ich zwei weitere Objektive für den eventuellen Umbau auf andere Brennweiten. Diese sind heute in der Stanley-Kubrick-Ausstellung zu sehen – bis auf das eine, das ich behalten habe“, so Harlan, der zudem Kubricks Schwager war. Die Ausstellung öffnete 2004 am Deutschen Filmmuseum in Frankfurt/Main und ist seitdem weltweit auf Tour. 1,6 Millionen Besucher haben sie gesehen – die nächsten Stationen sind Istanbul und 2023 Athen.

Eines der seltenen Zeiss Planar 0,7/50mm-Filmobjektive, die Stanley Kubrick für seine Innenaufnahmen ohne Kunstlicht beim Historienepos Barry Lyndon (1975) nutzte, ist nun im Zeiss-Museum ausgestellt.

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