Wirtschaft geht von düsterer Zukunft aus

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IHK Indikatoren Mai 2022

Konjunkturumfrage der IHK Ostwürttemberg im Frühjahr: Energie- und Rohstoffpreise sorgen für eine enorme Belastung.

Heidenheim.

In der aktuellen Frühjahrs-Konjunkturumfrage der IHK Ostwürttemberg bewerten 50 Prozent der befragten Unternehmen Ostwürttembergs die aktuelle Geschäftslage mit „gut“. Das sind immerhin zwei Prozentpunkte mehr als noch im Februar 2022. Rund zehn Prozent der Unternehmerinnen und Unternehmer beschreiben ihre Lage mit „schlecht“. Das ist ebenfalls eine leichte Verbesserung gegenüber dem Jahresbeginn 2022 (13 Prozent).

Aktuell treffen die Wirtschaft allerdings mehrere Faktoren: Die ohnehin schon sehr teuren Energie- und Rohstoffpreise sind durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine weiter gestiegen. Die hohe Inflation lässt die Kosten in fast allen Bereichen deutlich anwachsen und hemmt das Konsumverhalten der Verbraucher.  Der Krieg, so die IHK, verschärfe ebenfalls die Lieferengpässe, mit denen die Unternehmen schon seit Beginn der Pandemie konfrontiert seien. Zudem sorgten neue radikale Lockdowns in China dafür, dass wichtige Vorprodukte nicht ankommen. Die noch gute Geschäfts- und Auftragslage in vielen Bereichen dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ergebnisse der Konjunkturumfrage lediglich eine Momentaufnahme in einer äußerst unsicheren Zeit widerspiegelten, die durch sich ändernde Rahmenbedingungen schon morgen überholt sein könnte.

„Im Moment sind die Unternehmen in Ostwürttemberg täglich mit neuen Unsicherheiten und politischen Reaktionen konfrontiert, die weitreichende wirtschaftliche Konsequenzen mit sich bringen. Dazu gehört ganz konkret ein Ölembargo von Seiten der EU oder die Gefahr eines Gas-Stopps durch Russland. Das schlägt sich natürlich auf die Geschäftserwartungen unserer regionalen Unternehmen nieder und sorgt für große Schwankungen der konjunkturellen Einschätzungen“, so IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler.

Die aktuelle Geschäfts- und Finanzlage wird zwar von jedem zweiten Unternehmen als „gut“ eingeschätzt, die Geschäftserwartungen werfen jedoch erste Schatten voraus: der Geschäftserwartungsindikator liegt circa 30 Prozentpunkte niedriger als noch zum Jahresbeginn.

Ein Blick auf die aktuelle Lage zeigt, dass die Umsätze gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal bei 48 Prozent der Unternehmen in Ostwürttemberg gestiegen sind, 24 Prozent melden gefallene Umsätze (Jahresbeginn 2022: 30 Prozent). Ein Blick auf die kommenden zwölf Monate zeigt aber eine deutliche Unsicherheit bei den Unternehmen. Die Mehrheit geht von gleich bleibenden Umsätzen aus, während die Anzahl der Unternehmen, die von steigenden Umsätzen ausgehen, um 20 Prozentpunkte, auf 24 Prozent, sinkt.

Ein ähnliches Bild ergibt sich im Hinblick auf die Geschäftserwartung der kommenden zwölf Monate. Eine große Mehrheit (61 Prozent) der befragten Unternehmen geht von keiner Änderung der Geschäftslage aus, während die Anzahl der Unternehmen, die eine verbesserte Lage erwarten, stark zurückgeht (14 Prozent).

Die Energie- und Rohstoffpreise stellen seit der letzten Umfrage für 81 Prozent der Unternehmen ein deutlich größeres wirtschaftliches Risiko dar. Mit etwas Abstand folgt der Fachkräftemangel als zweithöchstes Risiko (50 Prozent), dicht gefolgt von der Inlandsnachfrage (46 Prozent). IHK-Hauptgeschäftsführer Rentschler betont, dass der Fachkräftemangel nur kurzfristig und vor dem Hintergrund des Angriffskrieges etwas in den Hintergrund rücke. Langfristig steuere die Region auf einen erheblichen Engpass zu, vor allem im Bereich der beruflich Qualifizierten und der Helferberufe.

Das Investitionsniveau und die Beschäftigungserwartungen bleiben stabil: Eine Zunahme der Inlandsinvestitionen in den nächsten zwölf Monaten erwarten 29 Prozent, zwölf Prozent prognostizieren eine Abnahme oder planen keine Investitionen. Hauptmotive der Inlandsinvestitionen sind Ersatzbedarf, Digitalisierung und Rationalisierung. Im Vergleich zur vorhergehenden Umfrage sind die Investitionen in den Bereichen Umweltschutz / Energieeffizienz um circa 10 Prozentpunkte zurückgegangen.

Die Auslastung der Industrie ist weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Knapp 87 Prozent der Kapazitäten sind ausgelastet, zum Jahresbeginn waren es noch 82 Prozent. „Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass aufgrund des Mangels wichtiger Vorprodukte Aufträge nicht weiterverarbeitet werden können und es so an vielen Stellen zu langen Lieferwartezeiten kommt“, so IHK-Hauptgeschäftsführer Rentschler.

Die Geschäftslage beurteilen über die Hälfte der befragten Industriebetriebe mit „gut“ (56 Prozent), das ist eine Steigerung um 13 Prozentpunkte. Die gute Lage spiegelt sich auch in den Umsätzen und in den Auftragseingängen wider. Sowohl die Lageeinschätzung für die nächsten 12 Monate als auch die Exporterwartungen sind deutlich getrübt: Für die Euro-Zone rechnen lediglich 7 Prozent mit einer Steigerung, eine große Mehrheit (73 Prozent) geht von gleich bleibenden Exporten aus. Gegenüber Russland erwartet jedes befragte Unternehmen entweder den gänzlichen Wegfall von Exporten oder zumindest sinkende Exporte.

35 Prozent der Handelsunternehmen bewerten die aktuelle Geschäftslage mit „gut“, das Kaufverhalten der Kunden schätzen lediglich 5 Prozent der befragten Betriebe als „kauffreudig“ ein. Eine Mehrheit (86 Prozent) bewertet das Kaufverhalten mit „zurückhaltend“. Die Umfragewerte zeigen, dass die noch in der letzten Konjunkturumfrage erhoffe Normalisierung des Kundenverhaltes bisher nicht eingetreten ist, im Gegenteil: Der aufkeimende Optimismus wird durch eine Inflationsrate von über 7 Prozent im Keim erstickt.

Die Lageeinschätzung der Dienstleister ist im Vergleich zur vergangenen Konjunkturumfrage stabil geblieben: knapp die Hälfte der Unternehmen beurteilen die aktuelle Geschäftslage mit „gut“ (48 Prozent). Das Auftragsvolumen ist im Vergleich zum Jahresbeginn zwar tendenziell etwas gesunken, jedoch stabil: Während 25 Prozent ein steigendes Auftragsvolumen angeben, geht die große Mehrheit (59 Prozent) von gleich bleibenden Auftragszahlen aus. Neben den Energie- und Rohstoffpreisen sowie dem Fachkräftemangel stellen auch die Arbeitskosten ein hohes Risiko für die Branche dar.

Elf Prozent der Verkehrsbetriebe in Ostwürttemberg bewerten die aktuelle Geschäftslage mit „gut“, (-25 Prozentpunkte), 20 Prozent meldet eine „schlechte“ Geschäftslage. Die Fracht-/Beförderungskapazitäten sind zu 69 Prozent ausgelastet, zu Jahresbeginn lag die Auslastung auf einem ähnlich hohen Niveau (63,6 Prozent). Als die beiden größten wirtschaftlichen Risiken werden die Energie- und Rohstoffkosten (95 Prozent) und der Fachkräftemangel (84,2 Prozent) angegeben. Die Arbeitskosten schließen mit etwas Abstand als drittgrößtes Risiko an (38 Prozent).

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