Wolfgang Schäuble: Haben die Deutschen „eine Meise“?

+
Jahresempfang der IHK Ostwürttemberg mit Redner Wolfgang Schäuble.
  • schließen

Wolfgang Schäuble findet beim Jahresempfang der IHK Ostwürttemberg deutliche Worte zur Politik der aktuellen Bundesregierung.

Heidenheim

Nach 28 Monaten Corona-Pause hat die IHK Ostwürttemberg wieder zum Jahresempfang eingeladen. Für die 300 Gäste aus der regionalen Wirtschaft bedeutete das: Austausch, Netzwerkpflege und spannende Vortragsreden zu den Themen der Zeit. Während IHK-Präsident Markus Maier und IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler in Heidenheim aktuelle Herausforderungen skizzierten und den Schulterschluss der Region in der „Zukunftsoffensive Ostwürttemberg“ beschworen, gab Hauptredner Wolfgang Schäuble einen interessanten Einblick bundes- und weltpolitische Entwicklungen.

Schäuble, der im September 80 Jahre alt wird, sitzt seit 1972 ununterbrochen im Deutschen Bundestag. Der CDU-Mann war unter anderem Kanzleramts-, Finanz-, und Innenminister, zuletzt Bundestagspräsident. Ein Politprofi, der die Steilvorlage von IHK-Präsident Maier zu gerne verwandelte. Dieser hatte von „weltweiten, disruptive Veränderungen“ gesprochen, Ukraine-Krieg, Flüchtlingsströme, Inflation, Störung der Lieferketten und „Alarmstufe beim Gas“ genannt. „Natürlich hoffen wir auf Antworten durch Sie“, sagte er an Schäubles Adresse.

Der konterte augenzwinkernd: Die Welt gehe unter und er solle Lösungen parat haben? „Alles, was Recht isch!“, grummelte der Badener und erntete den ersten von zahlreichen Zwischenapplausen. Zu all den Problemen komme freilich noch die Krise der freiheitlichen Demokratie in der westlichen Welt hinzu, sagte Schäuble und nannte die USA und Frankreich als Beispiele. „Der Krieg in der Ukraine geht gegen uns“, betonte er. Ein Staat mit demokratischen Strukturen vor der eigenen Haustür werde von Russland als Bedrohung empfunden – wie einst die Bundesrepublik von der DDR. „Die Berliner Mauer wurde nicht zur Abwehr gegen uns aggressive, imperialistische Bonner Politiker gebaut, sondern, damit die Leute nicht davonlaufen“, – was sie direkt nach der Wende auch getan hätten.

„Wenn Du in Frieden leben willst, musst Du das Recht haben, dich zu verteidigen“, sagte Schäuble und forderte schnellere und entschiedenere Hilfe Deutschlands, damit die Ukraine „diesen Krieg nicht verliert“. Erst gelte es, ein Gleichgewicht herstellen, um auf Augenhöhe verhandeln zu können.

Der Forderung seiner Partei, Kernkraftwerke in der Energiekrise am Netz zu lassen, schloss er sich an: „Wir werden das sonst auf europäischer Ebene nicht durchhalten. Wir beziehen Atomstrom aus Frankreich und der Ukraine. Die anderen Europäer sagen: Die Deutschen haben eine Meise.“ Mit Solar- und Windenergie werde Deutschland den Energiebedarf seiner Wirtschaft nicht decken können.

Zukunftsoffensive als Antwort

IHK-Präsident Markus Maier nahm sich in seiner Rede vor allem der regionalen Situation in Ostwürttemberg an: Die hiesige Wirtschaft mit einem Exportanteil von über 50 Prozent sei „sehr stark an funktionierende Rahmenbedingungen auf den Weltmärkten gekoppelt“. Umfragen spiegelten eine tief sitzende Verunsicherung in allen Teilen der Wirtschaft und Gesellschaft wider. Angesichts der Transformation gelte es, den Schulterschluss aller Akteure zu üben: „Die Zukunftsoffensive Ostwürttemberg ist die größtmögliche Antwort auf das, was die Region künftig braucht.“

Dem schloss sich IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler in seinem Redebeitrag an. Politik brauche Wirtschaft und Wirtschaft braucht Politik, wasbedeute: „Wir brauchen funktionierende Wirtschaftskreisläufe und Wertschöpfungsketten und funktionierende, demokratisch legitimierte politische Entscheidungen.“

Herausforderungen wie Digitalisierung, Dekarbonisierung und demografischen Wandel könne man „nur hier vor Ort gemeinsam meistern“: Rentschler feuerte die Region auf diesem Weg mit der Textzeile eines Songs auf, mit dem Heidenheims Rockgröße Siggi Schwarz und seine Bandkollegen Tom Corel und Reinhold Lohmeyer den Jahresempfang musikalisch untermalten: „Keep on moving – Weitermachen!“

Einen Kommentar von Wirtschaftsredakteur Bernhard Hampp lesen Sie hier.

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft Regional

Kommentare