Nachbarschaftsstreit: Wie man deeskaliert und vermeidet

  • Nachbarschaft ist, wenn der Gartenzaun nur noch pro Forma und Fauna steht. Derartiger Frieden sollte beim eigenen Handeln immer das wichtigste Ziel sein.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt – so formulierte es bereits Friedrich Schiller. Tatsache ist, dass gerade unter Hausbesitzern Streit so richtig aufs Gemüt gehen kann. Denn wo Mieter noch den Vermieter als Vermittler hinzuziehen und darauf hoffen können, dass das Mietverhältnis nicht ewig dauert, leben hausbesitzende Nachbarn nicht selten lebenslang nebeneinander.

Dahinter verbirgt sich der wichtigste Grund, Zoff am Gartenzaun zu vermeiden und wenn sich Ärger zusammenbraut als deeskalierender Part aufzutreten. Denn nachbarschaftliche Fehden, wie es sie längst nicht nur im Boulevard-TV gibt, können die eigene Lebensqualität noch viel stärker ruinieren als das zeitweilige Hinnehmen von nachbarschaftlichem Fehlverhalten.

Dazu haben wir für Sie einige Tipps zusammengestellt, die als Leitlinie dienen können.

1. Anwalt haben, aber nicht inflationär einsetzen

Sehr viele Menschen besitzen heute eine Rechtschutzversicherung. Deren Vorhandensein senkt die Hemmschwelle, den Anwalt einzuschalten, natürlich deutlich herab. Nein, das soll nicht heißen, dass man auf sein Recht verzichten sollte. Im Gegenteil, man sollte absolut einen erfahrenen Rechtsbeistand an seiner Seite wissen.

Bloß sollte dieser für „schwere Fälle“ vorbehalten werden; man also nicht bei jedem kleinen Disput mit ihm drohen oder ihn gar Briefe verfassen lassen. Denn derartige Vorgehensweisen sind nicht nur eine höhere „Eskalationsstufe“, sondern nutzen sich auch mit der Zeit in ihrer Drohwirkung ab. Allerdings: Wenn alles andere aus diesem Text nicht fruchten sollte, ist es mehr als probat, den Rechtsprofi übernehmen zu lassen; manchen Menschen kann man leider nicht anders beikommen.

2. Guten Kontakt von Anfang an haben

Es gibt Menschen, die leben jahrelang nebeneinander, ohne auch nur ihre Vornamen zu kennen. Und das ist nicht nur aus Sicht des Zwischenmenschlichen ein Problem: Bei Menschen, die nach allen Maßstäben „Fremde“ sind, neigen wir viel eher zu inhärenter Feindseligkeit, zum Übelnehmen von Fehlverhalten, das wir enger Vertrauten nie ankreiden würden.

Man muss seine Nachbarn nicht zwingend zu den besten Freunden erklären. Aber was definitiv eine der wichtigsten vorausschauenden Deeskalationshandlungen ist, ist vom Einzug an zu versuchen, harmonischen Kontakt zu pflegen: Sich vorstellen, regelmäßiger Smalltalk am Gartenzaun, gegenseitige Hilfestellungen.

So klein diese Handlungen auch sein mögen, sie erhöhen in der Summe die zwischenmenschliche Nähe. Und jemandem, dem man (etwas) nahesteht, nimmt man viel seltener jene kleinen Dinge krumm, die sonst so häufig Auslöser von Streit sind.

3. Immer den Ton beachten

Jeder Mensch ist anders. Und so, wie der eine Maultaschen mag, der andere sie nicht mal riechen kann, wird es auch im nachbarschaftlichen Miteinander immer derartige Situationen geben.

Nehmen wir den Klassiker: Der Nachbar feiert lautstark, obwohl die Uhr bereits weit nach zehn anzeigt. In einer vorbildlichen Nachbarschaftsbeziehung wäre das kein Problem – da würden die Nachbarn mitfeiern. Aber nehmen wir mal den Normalfall an, wo das Verhältnis zwar gut, aber nicht so freundschaftlich ist.

Dann ist es natürlich adäquat, den Nachbarn auf sein Fehlverhalten hinzuweisen. Doch das Wie ist es, bei dem viele einen Fehler machen. Sie gehen zum Nachbarn und klingeln. Beide folgenden Sätze haben das gleiche Ziel, unterscheiden sich aber zutiefst voneinander:

  • „Es ist jetzt halb elf und laut Recht muss seit 22 Uhr Zimmerlautstärke herrschen. Was Sie hier machen, ist ein Skandal. Wenn das jetzt nicht sofort aufhört, rufe ich die Polizei!“.
  • „´nabend, Herr Nachbar. Ich will ja nicht die Partylaune stören, aber ich muss morgen ziemlich früh raus und bei mir im Schlafzimmer klingt es echt so, als fände da die Party statt. Könnten Sie vielleicht bitte die Lautstärke etwas zurückfahren oder die Fenster zu mir schließen?“.

Ersteres soll Respekt vermitteln, wird aber bei manchem eher eine Trotzreaktion hervorrufen. Und selbst wenn nicht hat man mit diesen Worten eine Situation ohne Not eskaliert. Auch hier gilt: Natürlich kann man mit der Polizei drohen – aber erst, wenn man schon mehrfach hingewiesen hat.

4. Immer eine Abwägung betreiben

Dabei geht die Party-Polizeidrohung nahtlos in dieses Kapitel über. Denn was man bei seinen Nachbarn immer bedenken sollte, ist, wie sich das eigene Handeln auf das langfristig-zukünftige Miteinander auswirken wird.

Nehmen wir abermals die obige Drohung mit der Staatsmacht. Jetzt vielleicht wird sie für die benötigte Ruhe sorgen. Doch was ist morgen, übermorgen, nächstes Jahr? So sehr einen der Partylärm momentan vielleicht auch reizt, ihn direkt mit harten Worten und einer Drohung beenden zu wollen, kann das nachbarschaftliche Verhältnis auf Dauer in eine Richtung lenken, die keine Partei wirklich will.

So zu drohen geht überdies inhärent davon aus, dass der Nachbar absichtliches Fehlverhalten an den Tag legt. Dass er ignoriert, dass er stört, dass er im Wissen um die vorgerückte Stunde agiert. Viel größer ist hingegen die Wahrscheinlichkeit, dass er einfach in Feierlaune nicht auf die Uhr gesehen hat – was jedem passieren kann, wenn eine Party „einfach gut“ ist.

Deshalb: Egal um welche exakte Form von Verstimmung es sich auch handelt, immer sollte man seine Reaktion auf ihre möglichen langfristigen Folgen hin überprüfen und sie gegebenenfalls abschwächen. Auch die längste Party geht vorbei. Ein einmal zerrüttetes Verhältnis dauert oft jedoch ewig.

5. Das Recht nicht höher werten als das tatsächliche Störungslevel

Rechtstheorie und Nachbarschaftspraxis können weit voneinander entfernt sein – wenn beide Parteien das Level einer Störung weitaus geringer erachten als das eigene Rechtsempfinden.

Bestes Beispiel: Von Nachbars Kirschbaum hängen einige Äste ein gutes Stück aufs eigene Grundstück herüber. Rechtlich ist die Sache bei uns im Bundesland einwandfrei, da dürfte man den Nachbarn schriftlich mit Frist auffordern, die Zweige zu kürzen.

Allerdings sollte man hier abermals in sich gehen und sich folgendes fragen: Geht es mir hier nur ums Prinzip? Darum, mein Recht zu bekommen? Oder stören mich diese Äste tatsächlich, weil sie die Nutzung meines Gartens in erheblichem Maß beeinträchtigen?

Denn nur wenn die Antwort darauf auf letzteres abzielt, sollte man überhaupt agieren – und auch dann erst mal freundlich hinweisen und bitten, statt gleich mit einem fristversehenen Brief loszulegen. Wem es jedoch nur ums Prinzip geht, der sollte sich abermals fragen, ob ihm das Pochen auf dieses Recht die möglichen Konsequenzen wert ist.

Zusammengefasst

Freunde kann man sich aussuchen, Nachbarn nicht. Im Gegensatz zu ersterem muss man als Hausbesitzer jedoch davon ausgehen, mit letzteren bis an sein Lebensende Garten an Garten, Einfahrt an Einfahrt zusammenleben zu müssen. Das allein sollte schon Grund genug sein, nicht ständig auf sein Recht zu pochen und immer zu versuchen, eine freundschaftliche Lösung zu finden, die beiden Seiten gerecht wird. Zu viele Menschen erkaufen ihr gutes Recht mit einem völlig vergifteten Nachbarschaftsverhältnis. Und das ist auf lange Sicht ein schlechter Tausch, weil es den eigenen Rückzugsort, das Heim, zu einer Streitzone macht.

Bild von KatinkavomWolfenmond auf Pixabay

© Schwäbische Post 07.01.2020 14:27
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