Frankreich in der Käse-Krise

Links des Rheins geht nicht nur der Absatz von Büstenhaltern oder Anzügen zurück. Auch zahlreiche Produzenten von Traditionskäse bangen um ihre Existenz.
  • Stück für Stück ein Genuss: Französischer Roquefort-Käse. Foto: Ian Langsdon/dpa
Nicht nur, dass sich dieser Sommerurlaub wegen Corona, Mundschutz und Abstandsregeln einfach nicht wie richtige Ferien anfühlen will. Die sich auf alle Lebensbereiche auswirkende Virus-Epidemie beeinflusst auch das Konsumverhalten. In Frankreich zeitigt das überraschende Folgen. So jammern nicht nur die Hersteller von Büstenhaltern, Herrenanzügen, Make-up und Schuhen über teilweise dramatische Absatzverluste. Besonders schlimm hat es die Produzenten von Traditionskäse getroffen.

Laut ersten Untersuchungen von Marktforschern muss nach dem Grund, warum unsere Nachbarn auf einmal gewisse Kleidungsstücke oder Make-up links liegen lassen, nicht lange gesucht werden. Sehr viele Menschen, die sich auf einmal im Home-Office wiederfanden, haben sich an eine gewisse Bequemlichkeit gewöhnt und scheinen nicht bereit, so ohne weiteres wieder auf sie zu verzichten. Turnschuhen etwa hat das einen deutlichen Vormarsch beschert – im Absatz wie im Straßenbild. Und während mehr als nur einzelne Herren der Schöpfung auf einmal Shorts und T-Shirts den Vorzug vor Anzug und Schlips geben, verzichten immer mehr Frauen auf BH und Make up.

Im Gegensatz dazu bleibt der brutale Absatzabsturz von weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Traditionskäse-Sorten wie Camembert, Roquefort, Saint-Nectaire oder Comté zumindest teilweise rätselhaft. Schließlich pflegen die Franzosen seit jeher eine besonders innige Beziehung mit diesen Gaumenfreuden aus Rohmilch, von denen es kaum genug Variationen geben konnte. Charles de Gaulle soll einmal verzweifelt gefragt haben, wie man ein Land regieren könne, das so viele Käsesorten kenne. Es sollen über tausend sein.

Vorwiegend die kleinen Hersteller von Traditionsmarken mit dem Gütesiegel AOP (Appellation d'origine protégée) bleiben seit Monaten auf ihrem Schafs-, Kuh- und Ziegenkäse sitzen.

Viele Kantinen geschlossen

„Es gibt schon Erklärungen für die Krise“ meint Caroline Fenaillon vom Branchenverband Cniel und verweist darauf, dass der Export französischer Traditionskäse wegen des unterbrochenen Schiff- und Flugverkehrs „quasi zum Erliegen gekommen ist“. Außerdem bleiben in Frankreich selbst weiterhin viele Betriebs- und Schulkantinen geschlossen und ein großer Teil der Restaurants, die wieder geöffnet haben, klagen über ausbleibende Kunden. Kundschaft fehlte schon vor dem Ende des Lockdowns auch den Käseläden. Deren Besitzer hatten eigentlich mit einem vom Nachholbedarf befeuerten Ansturm gerechnet. Doch der blieb seltsamerweise aus. Das aber hat schlimme Folgen. Die weder erhitzten noch pasteurisierten Rohmilchkäse nämlich haben ein Verfallsdatum von zwei Monaten. Viele Käser wissen nicht mehr wohin mit den Früchten ihrer Arbeit, wenn sie sie nicht unentgeltlich an Hilfswerke spenden.

Zahllose Kleinproduzenten stehen mittlerweile vor dem Ruin – und mit ihnen ist auch eine ganze Reihe bekannter Sorten vom Aussterben bedroht. Das gilt etwa für den Bleu d´Auvergne, den butterweichen Reblochon aus Savoyen oder den milden Ziegenkäse Saint-Marcellin. Leckerbissen also, die noch zu Beginn des Jahres Feinschmecker weltweit verzückten und die nun im Warenlager verschimmeln. Wobei hier vom richtigen Grauschimmel die Rede ist und nicht von jenen Edelpilzen, die einem Rohmilchkäse wie dem Roquefort seinen unvergleichlichen Geschmack bescheren.
© Südwest Presse 28.07.2020 07:45
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