Krippenfigur schlägt Wellen

Ist die Darstellung des schwarzen Melchior in Ulm rassistisch? Darüber wird bundesweit diskutiert.
  • Die umstrittene Figur des Melchior der Ulmer Krippe. Foto: Peter Schaal-Ahlers, dpa
Caspar, Melchior und Balthasar gehören zur Weihnachtsgeschichte wie die Hirten, wie die Engel, wie Ochs und Esel. Doch ist das richtig so? Seit eine evangelische Kirchengemeinde aus Ulm die Heiligen Drei Könige wegen rassistischer Merkmale vorsorglich aus ihrer Weihnachtskrippe verbannen will, gibt es eine Debatte darüber, wie man die Weisen aus dem Morgenland heutzutage darstellen darf.

„Die Holzfigur des Melchior ist etwa mit seinen dicken Lippen und der unförmigen Statur aus heutiger Sicht eindeutig als rassistisch anzusehen“, begründet der Dekan der evangelischen Münstergemeinde, Ernst-Wilhelm Gohl, die Entscheidung. Das schlägt Wellen. Die Meinungen gehen auseinander.

Der Sprecher des Bistums Regensburg, Clemens Neck, kann die Entscheidung nicht verstehen. „Klar ist, dass die Darstellung des Königs Melchior als Mensch schwarzer Hautfarbe nichts gemein hat mit rassistischem Denken. So beraubt man mit Unterstellungen eine lange Tradition ihrer Unbefangenheit und unterwirft sie einem unangemessenen Anpassungsdruck.“

Die „Passauer Neue Presse“ veröffentlichte am Freitag eine ganze Sonderseite mit Briefen empörter Leser: „Unsinn in Perfektion“ und „lächerlicher Kniefall vor einer vermuteten öffentlichen Meinung“. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland hingegen findet die Entscheidung richtig. „Es zeigt, dass es inzwischen einen konsequenteren Umgang mit Rassismus gibt“, sagt Sprecher Tahir Della. „Ich sehe die politischen Verantwortungsträger in der Pflicht.“

Von einer „sehr zwiegespaltenen Situation“ spricht Jürgen Bärsch, Prodekan der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. „Im Ulmer Fall ist es sehr markant, dass Stereotype bedient werden, die problematisch sind.“ Zwar handle es sich um eine ältere Darstellung, die im Kontext ihrer Zeit gesehen werden müsse. „Aber man muss sich bei dieser Diskussion auch vor Augen halten, dass wir heute eine andere Sensibilität haben – vor allem durch die aktuelle Rassismus-Debatte in den USA.“

Der Kunsthistoriker Stephan Hoppe von der Ludwig-Maximilians-Universität München beurteilt Eingriffe in Kunst grundsätzlich kritisch. „Man kann die Geschichte ergänzen und kommentieren. Aber man kann sich die Geschichte nicht hinbiegen, wie man sie gerne hätte.“

In Ulm ist das letzte Wort über den Umgang mit den Krippenfiguren noch nicht gesprochen. Die endgültige Entscheidung will die Gemeinde „in aller Ruhe“ im neuen Jahr treffen. dpa
© Südwest Presse 12.10.2020 07:45
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