Verteidigungsstrategie: Angriff

In Berlin ist der Prozess gegen vier junge Männer eröffnet worden, die beschuldigt werden, die wagenradgroße Goldmünze „Big Maple Leaf“ vor zwei Jahren aus dem Bode-Museum gestohlen zu haben.
  • Prozesseröffnung in Berlin. Hinter den Laptops die Riege der Verteidiger, dazwischen einer der Angeklagten. Foto: Odd ANDERSEN / AFP

  • Da stand sie noch im Bode-Museum: die „Big Maple Leaf“. Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa

Die vier jungen Männer halten sich Aktenmappen und Zeitschriften vors Gesicht, als sie den großen Saal 700 im Berliner Landgericht betreten. Sie wollen auf keinen Fall auf Fotos erkannt werden, das haben ihre Anwälte schon vorher in aller Deutlichkeit verkündet. Ein Besucher im Saal, der sein Handy zückte, musste Fotos vor den Augen eines Anwalts löschen. Es ist der erste Tag des Prozesses um den Diebstahl einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel im März 2017.

Drei der Angeklagten mit deutscher Staatsangehörigkeit gehören zu einer bekannten arabischstämmigen Berliner Großfamilie. Viele Mitglieder des Clans sind polizeibekannt. Politik und Polizei haben 2018 eigens einen Fünf-Punkte-Plan gegen die Clan-Kriminalität angekündigt.

Die Angeklagten: ein 24-Jähriger und sein 20-jähriger Bruder, ihr 22-jähriger Cousin sowie ein 20-jähriger Bekannter. Der Älteste und sein Cousin tragen Undercut-Frisuren und Daunenwesten über Pullovern, der jüngere Bruder sitzt kurzgeschoren und mit Rollkragen auf seinem Platz. Zu den Vorwürfen schweigen sie mit ernsten Blicken.

Teure Verteidiger

Der vierte Angeklagte soll ein Schulfreund des jüngeren Bruders sein. 2017 war er Wachmann im Bode-Museum und soll Tipps gegeben haben. Alle vier haben je zwei Verteidiger dabei, zum Teil aus renommierten und als teuer geltenden Kanzleien.

Die Staatsanwälte werfen den drei Mitgliedern der Großfamilie vor, sie seien in der Nacht zum 27. März 2017 durch das Fenster eines Umkleideraums in das Museum eingestiegen, hätten eine Vitrine zertrümmert haben, die schwere Goldplatte in Münzform, genannt „Big Maple Leaf“, mit einem Rollbrett zu dem Fenster gefahren, sie über die hochgelegenen Gleise der Berliner S-Bahn mit einer Schubkarre abtransportiert und dann in einen Park abgeseilt zu haben.

Direkt nach Verlesung der Anklage geht die Verteidigung in die Offensive. Der Anwalt des ältesten Angeklagten sagt, die Ermittlungen der Polizei hätten keinen „einzigen durchgreifenden Beweis“ ergeben, trotz Sonderkommission, Telefonüberwachung, Funkzellenabfragen, 30 Durchsuchungen und Spürhunden.

Die Staatsanwaltschaft stütze sich nur auf Hinweise von Informanten der Polizei und auf ein Gutachten zu Videoaufnahmen aus Überwachungskameras, die drei Männer, aber keine Gesichter zeigten, sagt der Anwalt. Mit dem bioforensischen Bild-Identifikationsverfahren wird sich das Gericht wohl noch beschäftigen.

Ein Verteidiger des damaligen Wachmanns sagt, die Ermittlungen seien einseitig geführt worden. Die Polizei habe entlastende Erkenntnisse ignoriert.

Weil drei Angeklagte 2017 jünger als 21 waren und als Heranwachsende gelten, wird der Prozess vor einer Jugendkammer verhandelt. Derzeit sitzt keiner von ihnen mehr in Untersuchungshaft. Allerdings wurde gegen zwei der Männer ein Vermögensarrest verhängt, sagt eine Gerichtssprecherin. So versucht die Staatsanwaltschaft Vermögen festzusetzen, um es später unter Umständen einziehen zu können. Ob das Vorgehen Erfolg hat, dürfte vom Urteil in einigen Monaten abhängen. dpa
© Südwest Presse 11.01.2019 07:46
111 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.