Wenn die Hand „ausrutscht“

Immer noch halten viele Eltern körperliche Strafen für ein geeignetes Erziehungsmittel, wie eine aktuelle Umfrage zeigt.
  • Schläge und Ohrfeigen sind in den Augen der meisten Eltern kein geeignetes Erziehungsmittel mehr. Foto: © SpeedKingz/shutterstock.com
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Ein Klaps schadet nicht“ – dieser Meinung ist laut einer von der Universitätsklinik Ulm durchgeführten repräsentativen Befragung immer noch knapp die Hälfte aller Eltern. Das ist zwar ein Rückgang gegenüber früheren Erhebungen. Der Anteil derjenigen, die körperliche Strafen rechtfertigen, sei aber weiterhin erschreckend hoch, sagte der Leiter der Studie, der Kinder- und Jugendpsychiater Professor Jörg M. Fegert, am Donnerstag. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie weit verbreitet sind körperliche Strafen gegen Kinder? Die gute Nachricht: Ohrfeigen haben als Erziehungsmittel bei mehr als vier Fünftel der Befragten ausgedient. Vor 15 Jahren bekannte sich noch mehr als die Hälfte dazu, gelegentlich eine „leichte Ohrfeige“ zu geben. Eine „Tracht Prügel“ kommt nur noch für weniger als jedes zehnte Elternteil infrage. Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, führte diese Entwicklung auch auf die positive Wirkung des „Gesetzes zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ aus dem Jahr 2000 zurück. Er räumte aber ein, dass die Befragungen nur einen Teil der Realität widerspiegelten. „Ich vermute, dass in der Realität der Klaps oder die Ohrfeige verbreiteter sind, als das in Umfragen angegeben wird“, betonte er.

Gibt es spezielle soziale Milieus, in denen solche körperlichen Strafen besonders häufig vorkommen? Nein, die Anwendung von Körperstrafen zieht sich durch alle sozialen Schichten. Unterschiede gibt es dagegen bei den Geschlechtern: So stimmen Männer dem Klaps auf den Hintern von Kindern mit 57,8 Prozent häufiger zu als Frauen (47,1 Prozent). Außerdem lehnen unter 31-Jährige den Klaps mit 55,4 Prozent deutlich häufiger ab als über 60-Jährige (34,7 Prozent). Weitere Erkenntnis: Der Anteil derjenigen, die körperliche Strafen befürworten, ist bei denjenigen, die selbst als Kind solche Strafen erfahren haben, fast 16 Mal höher als bei anderen.

Wie kann man erreichen, dass Eltern seltener die Hand „ausrutscht“? Der Deutsche Kinderschutzbund, der zusammen mit Unicef die Studie in Auftrag gegeben hat, dringt in erster Linie auf mehr Aufklärung. Das Bewusstsein dafür, wo physische, aber auch psychische Gewalt beginnen, müsse geschärft werden, forderte die Vizepräsidentin des Kinderschutzbundes, die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz. Auch der Deutsche Familienverband wünscht sich mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema. Eine Gesetzesverschärfung sei dagegen nicht nötig, sagte der Bundesgeschäftsführer Sebastian Heimann dieser Zeitung.

Haben sich die Schulschließungen im Frühjahr negativ ausgewirkt? Verlässliche Angaben dazu gibt es noch nicht. Vor allem für Kinder, „die in kleinsten Wohnungen mit hochbelasteten Eltern wohnen“, sei die Situation aber gewiss nicht leicht gewesen, sagte Fegert. Der Kinderschutzbund berichtete von höheren Anruferzahlen bei seinem Hilfetelefon „Nummer gegen Kummer“.

Wie sollen Freunde, Nachbarn, Verwandte reagieren, wenn Kinder misshandelt werden? „Verwandte und Nachbarn sollten in solchen Fällen die Initiative ergreifen“, betonte Heimann vom Familienverband. „Sprechen Sie das an und lassen Sie sich nicht abwimmeln“, lautet seine Empfehlung. Die Alternative sei, Polizei oder Jugendamt zu informieren, vor allem wenn die Gewalt in Richtung Missbrauch gehe. Wer direkt mit den Kindern spreche, solle ruhig bleiben. „Geben Sie dem Kind einen sicheren Raum, um auch über Geheimnisse reden zu können“, rät Heimann. „Aber drängen Sie es nicht. Hier ist viel Fingerspitzengefühl angebracht.“
© Südwest Presse 20.11.2020 07:45
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