Deutsches Literaturarchiv

„Auf Seele und Gefühl will ich nicht verzichten“

Sandra Richter will als neue Chefin in Marbach aktuelle Diskurse aufgreifen, die Digitalisierung vorantreiben – und die Töne hervorholen.
  • Ihr Zugang zu Wissen sei unorthodox, sagt Sandra Richter. Sie hat sich die Welt der Literatur auf eigene Faust erschlossen. Foto: Werner Kuhnle

Ihre Schiller-Lektüre hat Sandra Richter schon aufgefrischt. Als neue Chefin des Deutschen Literaturarchivs Marbach auf der Schillerhöhe hat sie die Dichter-Skulptur ja nun täglich im Blick. Ansonsten denkt die 45-Jährige gerne über den klassischen literarischen Kanon hinaus. Zu Beginn des Gesprächs, ein paar Tage nach ihrem Dienstantritt, legt sie die „Kritik der schwarzen Vernunft“ des kamerunischen Postkolonialismus-Theoretikers Achille Mbembe auf den Tisch – auf Französisch.

Wenn Sie jetzt lesen könnten, was Sie wollen. Was wäre das?

Sandra Richter: Ich lese immer, was ich will, außer wenn es sich um Akten handelt. Momentan arbeite ich mich in den Kolonialismus-Diskurs ein, aus persönlichem und beruflichem Interesse. Ich kann das nicht trennen. Am liebsten würde ich nebenbei Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ lesen. Es wäre mal wieder an der Zeit.

Sie haben also Literatur, die Sie begleitet?

Es gibt jede Menge Texte, die ich immer wieder lese: Grimmelshausens „Simplicissimus“, Goethe, Wieland. Schiller fasziniert mich immer wieder neu. „Gerade habe ich „Maria Stuart“ wiedergelesen: Königin Elisabeth ist für mich die spannendere Figur als die Titelheldin, weil sie im Sinne der Aufklärung herrscht und sich den Männern nicht untertan macht.

Da klingen ganz aktuelle, postkoloniale, feministische Themen an. Wird das für Ihre Arbeit in Marbach eine Rolle spielen?

Natürlich. Kulturinstitutionen sind heute sehr viel stärker als noch vor zehn Jahren gefragt, sich zu positionieren. Viele Kultureinrichtungen haben beispielsweise die „Erklärung der Vielen“ unterschrieben, die sich gegen den Rechtspopulismus wendet. Wie soll ein Literaturarchiv damit umgehen? Als Professorin habe ich außerdem festgestellt, dass sich die Studenten heute in hohem Maße wieder politische Fragen stellen.

Würden Sie die Erklärung gern unterschreiben?

Natürlich wahren wir als öffentlich geförderte Institution politische Neutralität. Im konkreten Fall werden wir eine Positionierung eingehend prüfen.

Hinein ins Archiv: Wo schließen Sie an die Arbeit Ihres Vorgängers Ulrich Raulff an, wo möchten Sie andere Akzente setzen?

Ein großes Verdienst von Ulrich Raulff war, sich nicht nur der Texte, sondern auch der Bilder und Objekte angenommen zu haben. Das DLA beherbergt aber auch ein Tonarchiv: mehr als 100 Jahre Stimmen und Lesungen seit den ersten Tonaufnahmen von Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. Dichterstimmen würde ich gerne intensiver erschließen, denn sie transportieren Literatur in besonderer Weise. Ich nehme Literatur umfassend medial wahr, und durch die digitalen Medien können wir das verstärkt tun.

Sie machen auch selber Musik?

Leider zu wenig aktiv, aber gerade erst habe ich meine musizierenden Kinder bei der „Ode an die Freude“ auf dem Saxophon begleitet.

Wie haben Sie überhaupt zum Lesen gefunden?

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, da gab es nichts außer Fernsehen, Kühe und Bücher. Und da der Fernseher langweilig war und die Kühe allemal, habe ich zu den Büchern gegriffen. Erst habe ich Kinderbücher gelesen, dann ging es weiter mit Thomas Manns „Buddenbrooks“, Kafka und französischer Literatur. Ich habe gelesen, was mir in die Finger kam, habe in Antiquariaten oder in der Stadtbibliothek gestöbert und versucht herauszufinden, was bedeutsam sein könnte.

Dann waren Archive schon früh wichtig für Sie?

Ich komme nicht aus einem gebildeten Elternhaus. Mir hat kein Onkel gesagt, dass ich Goethe lesen muss, und das war wahrscheinlich gut so. Mein Zugang zu Wissen ist noch immer ziemlich unorthodox – was zu einem so vielschichtigen Archiv wie dem DLA gut passt.

Gibt es abseitige Themen in Marbach, die Sie besonders reizen?

Davon haben wir viele! Den Nachlass der Schauspielerin und Drehbuchautorin Salka Viertel etwa. Sie hat keine große Literatur geschrieben, aber die Drehbücher für Greta Garbo – in Hollywood war sie ein Star. An ihrem Beispiel kann man sehen, wie jemand aus der klassischen Sozialisation am Theater in den Film hinüberwandert und den literarischen Kanon mit einbezieht. „Literatur und Film“ wird wohl 2020 ein Ausstellungsthema. Ich freue mich, das Publikum mit solchen Themen anzusprechen.

Der Schwerpunkt der Vermittlung bleiben also die Ausstellungen?

Wir werden auch über weitere Angebote im Netz beraten. Allerdings werden in den sozialen Medien, auf Kanälen wie Facebook und Instagram, Bildrechte an den Betreiber übertragen. Wir sind aber als Archiv unseren Sammlungen und damit einhergehenden Rechten verpflichtet, werden also bei der geplanten Erweiterung unserer Aktivitäten im digitalen Raum eine besondere Sorgfalt walten lassen.

Die Digitalisierung verändert auch die Literatur selbst. Wo ziehen Sie die Grenze – archivieren Sie zum Beispiel Tweets?

Hier hat das DLA bereits eine Pionierleistung vollbracht, indem es ein Wiki mit Netzliteratur angelegt hat. In diese Richtung werden wir weitergehen, denn Facebook-Seiten, Tweets, Blogs gehören zum digitalen Nachlass eines Autors.

Künstliche Intelligenz kann jetzt schon Kunstwerke schaffen. Was bedeutet das für die Literatur, haben Sie da Berührungsängste?

Ich bin gespannt, was kommt, glaube aber, dass Kreativität etwas ist, was Menschen und nicht Maschinen zukommt. Auf Seele und Gefühl würde ich nicht verzichten wollen, dennoch müssen wir uns mit diesen Fragen beschäftigen.

Zuletzt haben Sie eine „Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“ vorgelegt. Können Sie mit der Idee von „Nationalliteratur“ noch etwas anfangen?

Literatur hat schon immer zwischen Kulturen stattgefunden. Im Mittelalter entwickelte sich deutsche Literatur erst. Man schrieb vor allem auf Latein. Durch den Buchdruck wurde deutschsprachige Literatur in großem Stil in die Welt transportiert. Der Stoff, den Goethe im „Faust“ aufgegriffen hat, nahm seinen Umweg über England, bevor er bei ihm landete und zu dem vermeintlich „urdeutschen“ Drama wurde. Im 19. Jahrhundert begründete man schließlich die „Nationalliteratur“, da man um einen einigen Nationalstaat rang.

Und heute?

Heute kommen Autoren nicht selten aus unterschiedlichen Kulturen, orientieren sich nicht mehr so stark an nationalen Mustern, sprechen unterschiedliche Sprachen und begreifen das Übersetzen als eigene literarische Tätigkeit. Sie sind oft Kosmopoliten.

Deshalb werden Sie auch ein Thema wie den Kolonialismus in einer Ausstellung aufgreifen?

Unsere Ausstellung zur Kolonialliteratur wird „Tropenkoller“ heißen und von dem gleichnamigen Buch der Rilke-Freundin Frieda von Bülow ausgehen, „unserer“ Tanja Blixen. Außerdem werden wir uns mit dem Nachlass von Hans Grimm auseinandersetzen, dem Autor von „Volk ohne Raum“. Wir wollen in die Grauzonen der Literatur schauen.

Was erwartet uns noch in Ihrem ersten Jahr?

Zuallererst die Ausstellung „Lachen.Kabarett“, dann eine Schau zu Hegel – da lassen sich Verbindungslinien ziehen, denn Hegel hatte angeblich viel Humor. Schreiben Sie das ruhig!
© Südwest Presse 11.01.2019 07:46
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