Literatur

Das große Schwimmen

„Sterben im Sommer“: Die Schriftstellerin Zsuzsa Bánk hat ein sehr persönliches Buch über ihren Vater und ihre Trauerarbeit geschrieben.
  • Die Schriftstellerin Zsuzsa Bánk. Ihr Vater ist im heißen Sommer 2018 gestorben. Foto: Heike Lyding/epd
  • : Sterben im Sommer. S. Fischer, 240 Seiten, 22 Euro. Foto: S. Fischer
Kata und Isti waren die beiden Kinder, die mit ihrem Vater Kálmán glücklich im Balaton, schwammen – in seltenen Momenten der Unbeschwertheit. Ihre Mutter Katalin hatte sie im Spätherbst 1956 verlassen. Die ganze Welt war aus den Fugen geraten: der ungarische Volksaufstand, niedergeschlagen von der Sowjetarmee. Schockstarre. „Der Schwimmer“ hieß der Roman von Zsuzsa Bánk, mit dem sie 2002 unvergesslich debütierte.

Viel biografisches Leben steckt darin. Die Schriftstellerin wurde 1965 in Frankfurt am Main geboren, ihre Eltern gehörten zu den zahllosen Ungarn, die 1956 nach Deutschland flohen. Zsuzsa Bánk recherchierte ihre Familiengeschichte, setzte verschiedene Spuren zu diesem Roman zusammen: poetisch, eindringlich, in melancholischen Tönen. „Die hellen Tage“ und „Schlafen werden wir später“ folgten.

Ihr neues Buch führt jetzt wieder an den Balaton – aber es ist kein erfundener, sondern ein tatsächlich erlebter Stoff, „eine Art Trauertagebuch, Memoir, Journal, eine Mischung aus verschiedenen Formen“, wie die 54-Jährige jetzt auf der digitalen Buchmesse, auf dem „Blauen Sofa“ des ZDF, sagte. Denn „Sterben im Sommer“ erzählt vom Vater, von László Bank – und von seiner Tochter Zsuzsa, die von ihm Abschied nehmen muss. „Ich dachte immer, die Menschen sterben zwischen November und Januar“, heißt es im Buch, aber der Vater ist 2018 in größter Hitze gestorben. Noch einmal war die Schriftstellerin mit dem krebskranken, 84-jährigen Vater nach Ungarn gefahren. Sie besucht mit ihm das Heimatdorf, sie sitzen im Paradiesgarten, um ins „weite Blau“ zu schauen, baden im Balaton – der Vater, er ist der Schwimmer, an den man sofort denken muss.

Aber ihm geht es bald sehr schlecht, er muss ins Krankenhaus jenseits der Grenze nach Eisenstadt. Die Rückreise nach Frankfurt-Höchst erfolgt mit Rettungshubschrauber und Krankenwagen. Letzte Station: Onkologie. Was dann passiert, mit dem Vater, mit ihr, mit der Familie, das beschreibt Zsuzsa Bánk unter viel Tränen – es ist das „Sterben im Sommer“.

Sie sitzt am Krankenbett, klammert sich an Erinnerungen, ist überfordert und tritt doch kämpferisch auf. Sie kommt nicht zur Ruhe. „Es ist dumm und beleidigend, es ist unverständlich, warum unsere Eltern gehen müssen. Und dass sie es eines Tages wirklich tun, ist unzumutbar. Obwohl wir mit diesem Wissen aufwachsen und leben, sind wir nicht vorbereitet, nicht gewappnet, wenn es geschieht.“ Deshalb: „Das Leben ohne ihn müssen wir noch erfinden.“

Sie habe große Zweifel gehabt, ob ihre Aufzeichnungen nicht zu persönlich seien, um sie zu veröffentlichen. Doch jeder habe seine Geschichte des Abschieds, sagt die Autorin: „Die Essenz des Schmerzes ist universell.“ So spricht sie viele Menschen an. Ihr Buch aber ist weit mehr als eine Lebensbewältigungs- und Betroffenheitsprosa, es ist Literatur. Eigentlich der Stoff auch für einen großen Roman.

Poetisch wahr

Zsuzsa Bánk schreibt aber auch ihre wahre Geschichte mit einem poetischen Zauber. Weit hinausschwimmen in den Balaton, sich ganz dem See, dem Himmel aussetzen – als eine „jó úzsás“ bezeichnen das die Ungarn. „Es meint das Gefühl, es spricht das Große, Freie und Schwerelose darin an, die Stunden der Leichtigkeit im sonnenwarmen Wasser, es meint das ausgiebige Im-Wasser-Sein, das nicht enden will, für das es keine Zeit gibt.“ Dieses große Schwimmen habe der Vater den Kindern beigebracht, beschwört die Erzählerin. Das bleibt, über den Tod hinaus.
© Südwest Presse 17.10.2020 07:45
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