Pilotprojekt in der Oper

Die Unterwelt vor Augen

Erlebnis mit Brille und ein paar Macken: Das Staatstheater Augsburg schickt die Zuschauer der Gluck-Oper „Orfeo ed Euridice“ in digitale Sphären.
  • Die tanzenden Furien sind ein Höhepunkt der Virtual-Reality-Passagen in „Orfeo ed Euridice“. Foto: Heimspiel GmbH/Christian Schläffer
  • Jihyun Cecilia Lee hat als Euridice ebenfalls die Brille auf. Foto: Jan Pieter Fuhr
Die Premiere von Willibald Glucks Oper „Orfeo ed Euridice“ am Staatstheater Augsburg hat noch nicht einmal angefangen, da ist die Begleitung weg und rund um den eigenen Platz sind alle Stühle leer. Nur rechts hockt eine Lady im Flamingokleid, die einen mit gespitztem Mund anflirtet – bis man die VR-Brille nach dem Testlauf abnimmt und zurückkehrt in die echte Welt, in der trotz Corona-Auflagen etwas mehr Stühle besetzt sind. Dafür mit weniger schrillen Figuren.

Die Einführung, für die das Staatstheater Schauspielerin Marie Ulbricht als Guide engagiert hat, ist nötig, denn für den typischen Opernbesucher ist der Umgang mit Virtual Reality (VR) Neuland. Die Augsburger sind nach eigenen Angaben das erste Theater überhaupt, dass die Technologie so umfassend im Rahmen einer Operninszenierung einsetzt. Dass mehr als 500 VR-Brillen (in Kooperation mit dem Stadttheater Ingolstadt angeschafft) über ein WLAN-Netzwerk gesteuert werden können, sei sogar eine Weltneuheit.

Dass die Wahl von Intendant und Regisseur André Bücker auf die spätbarocke Reformoper „Orfeo ed Euridici“ fiel, liegt am Stoff, der den Wechsel zwischen Realwelt/Bühnengeschehen und Unterwelt/VR-Erfahrung logisch erscheinen lässt. Für die Produktion erstellte die Agentur Heimspiel mit Computerspiel- und 3D-Software 25 Minuten VR-Sequenzen, für deren Rendering liefen die Computer fünf Monate. Das Ergebnis ist beachtlich, erreicht aber in Sachen Animation nicht die Qualität aktueller Blockbuster-Videospiele, die Millionenbudgets verbrauchen.

Im echten Theater (Bühne: Jan Steigert) sehen die Zuschauer ein Museum, in dem Meisterwerke des Hell-Dunkel-Virtuosen Caravaggio ausgestellt werden, umschwärmt vom Opernchor als Touristenpöbel, Geistlichkeit und Kunstprominenz (Jonathan Meese und Marina Abramovic). Ganz versunken in die Gemälde ist aber Orfeo (einfühlsam und geschmeidig: Premierenbesetzung Natalya Boeva, Mezzosopran), zwar in Hosen, aber nicht als Mann verkleidet (Kostüme: Lili Wanner).

Orfeo trauert um seine Geliebte Euridice (emotional aufrüttelnd: Jihyun Cecilia Lee, Sopran). Die hockt in der Ecke der Galerie auf einem Sitzsack, durch eine VR-Brille vor dem Gesicht abgemeldet aus dem Leben. Liebesgott Amore (spielerisch stark: Olena Sloia, Sopran), Typus aufgedrehte italienische Nachtclub-Wirtin, weiß ein Mittel gegen die Traurigkeit: Orfeo darf seine Liebste aus der Unterwelt befreien, mit den bekannten Auflagen.

Da kommen die unter den Stühlen verstauten Brillen zum Einsatz, auf Kommando von VR-Guide Ulbricht. Und hinab geht es im Sinkflug in eine asiatische Cyberpunk-Megacity mit papiernen Schattenwesen und tanzenden Furien mit Medusa-Masken als Endgegnern vor dem Tor zum Elysium. Letzteres sieht später so aus, als hätte ein Bordell-Innenarchitekt das alte Rom zum frivolen Wellness-Paradies (inklusive pissender Göttinnen-Statue) umgestaltet. Verständlich, dass Euridice gerettet werden will. Originell auch die letzte VR-Passage, in der Amors Hand die kleine Wohnung für das wiedervereinte Glück einrichtet: mit Bewohnern, die keine Individuen, nur mehr Avatare sind, auch danach auf der echten Bühne. Bei Gluck findet das Paar ein Happy End, bei Bücker fühlt es sich komisch an.

Für die Zuschauer, denen es unter der VR-Brille nicht schwindlig wird, ist „Orfeo ed Euridice“ in Augsburg eine neue Theatererfahrung. Doch legt der Abend eben auch die Probleme der Technologie offen: Mit dem Gerät auf dem Kopf verliert man sich leicht in den Bildwelten und nimmt die Musik nur noch als Hintergrundgeräusch wahr. Dass die um Gastmusiker an Zinken, Laute und Cembalo aufgerüsteten Augsburger Philharmoniker unter der Leitung von Wolfgang Katschner (Lautten Compagney Berlin) coronabedingt nur vom Probenraum aus zugeschaltet sind, macht es nicht besser: Optisch ist die Oper ein 360-Grad-Erlebnis, akustisch klingt sie nach Stereoanlage daheim.

Nur ein erster Schritt

Bei aller Faszination, die VR im Theater auslösen kann: Es kann in dieser Form nur eine Übergangslösung sein. Wie aufregend wäre es, mit Augmented Reality die Grenzen zwischen Bühnengeschehen und digitalen Welten zu verwischen? Wie bereichernd wäre es, könnte man als Zuschauer die virtuellen Bilder nicht wie aus dem Flugzeug betrachten, sondern eigene Wege gehen, die Umgebung manipulieren? Das Staatstheater Augsburg geht einen ersten Schritt – und träumt von mehr. Zum Theaterteam gehört inzwischen eine Projektleiterin für digitale Entwicklung. Es gehe nicht darum, das analoge Theater zu ersetzen, betont Intendant Bücker. Es wäre auch schade um eine gelungene Inszenierung wie „Orfeo ed Euridice“.

Info Wieder am 17. und 18. Oktober in der Spielstätte im Martini-Park, weitere Termine bis Weihnachten.
© Südwest Presse 14.10.2020 07:45
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