Lebensgeschichte einer Freiheitskämpferin in Versen

Anne Weber erhält die Auszeichnung für „Annette, ein Heldinnenepos“.
  • Die Autorin Anne Weber. Foto: Arne Dedert/dpa
  • : Annette, ein Heldinnenepos, Verlag Matthes und Seitz, 208 Seiten, 22 Euro. Foto: Arne Dedert/dpa
Anne Webers origineller Umgang mit Wörtern ist bekannt. Ihr jüngstes Werk ist ein literarisches Experiment über das Leben einer 96-jährigen Französin: „Annette, ein Heldinnenepos“. Damit hat die Autorin am Montagabend den mit 25 000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis für den besten Roman des Jahres gewonnen.

Mit 16 Jahren tritt Anne Beaumanoir in die Résistance ein, rettet jüdische Kinder und wird Kommunistin. Später wird sie Medizinerin und geht im Kampf für ein unabhängiges Algerien in den Maghreb und dafür ins Gefängnis. Dann kommen Flucht und die Trennung von Familie und Kindern. Heute lebt die 96-Jährige im Süden Frankreichs.

„Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen. Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs. Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.“ Mit diesen Sätzen beginnt das Buch, für dessen literarische Form die 55-jährige Autorin das Epos gewählt hat: Ein antiker Referenzrahmen, in dem es traditionell um Götter und Helden geht, den Anne Weber auf ihre Weise gelungen ästhetisiert.

Der Stil ist rhythmisch, die Struktur der Verse erkennbar und die Spracharbeit von ungewöhnlicher Originalität. Wie auch in „Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch“, in dem sie sich auf die Suche nach den Spuren ihres Großvaters macht. Webers Texte zeichnen sich durch sprachliche Beweglichkeit aus. Weber nimmt die entsubjektivierte Position der Protagonistin ein, die ihr Leben dem Kampf für Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit gewidmet hat. Sie erzählt deren Biografie, die geprägt ist von Widerstand, Gewalt, Gefängnis, Flucht und Exil.

Für Frankreich wird Annette als FLN-Mitglied zur Terroristin und zu 10 Jahren Haft verurteilt. Sie flieht nach Tunesien, wo sie als Ärztin kranken Menschen hilft. Als Frankreich die ehemalige Kolonie in die Selbstständigkeit entlässt, baut Annette in Algerien das Gesundheitswesen auf. Nach dem Militärputsch im Jahr 1965 flieht sie nach Genf, wo sie ihre Amnestie in Frankreich abwartet. Eine ungewöhnliche Geschichte auf rund 200 Seiten.

Autorin übersetzt selbst

Anne Weber wurde 1964 in Offenbach am Main geboren, lebt seit 1983 jedoch in Frankreich, wo sie an der Pariser Sorbonne französische Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft studierte. Sie selbst übersetzt ihre Bücher, sobald sie geschrieben sind. Anfänglich schrieb sie auf Französisch und übersetzte ins Deutsche. Inzwischen verfasst sie ihre Texte in deutscher Sprache, um sie danach ins Französische zu übertragen.

„Die Kraft von Anne Webers Erzählung kann sich mit der Kraft ihrer Heldin messen“, urteilt die Jury. „Es ist atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos klingt und mit welcher Leichtigkeit Weber die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin zu einem Roman über Mut, Widerstandskraft und den Kampf um Freiheit verdichtet.

Sabine Glaubitz
© Südwest Presse 13.10.2020 07:45
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