Frankfurter Buchmesse

Lesen geht immer

Leere Hallen, keine Publikumstage, niemand muss nach Frankfurt fahren: Per Livestream aber sind viele Autoren zu erleben.
  • Denis Scheck, ARD-Literaturkritiker, ist präsent auf der Buchmesse – aber nur virtuell, im Live-Stream. Foto: Arne Dedert/dpa
  • Signale der Hoffnung: Juergen Boos, Direktor der Buchmesse. Foto: Arne Dedert/dpa
Frühmorgens in den überfüllten ICE nach Frankfurt einsteigen und nach langem Anstehen an der Einlasskontrolle die Messehallen kilometerweise abarbeiten. Lieblingsverlage besuchen, hineinstolpern in ein Autorengespräch, in den Ständen und Kojen stöbern und sich festlesen an einem überraschenden Buch. Mittags eine Spezialität essen im Gastland-Pavillon, Promis glotzen, auch noch ein Krimi-Symposium im Lesezelt mitnehmen, beim Kaffee über Romane oder Kochbücher reden und auf der Rückfahrt dann die schwer eingesammelten Prospekte und Zeitschriften in Ruhe anschauen. Und das Gefühl haben: Die ganze Welt ist Buch, aber, Hilfe!, ich kann das gar nicht alles lesen…

„Special Edition“

So war das früher auf der Frankfurter Buchmesse. Jetzt heißt es: Live-Stream im Internet statt Menschenmassen. Und Bücher anschauen nur im Internet. Nach und nach hat die Corona-Krise den weltgrößten Büchermarkt zerlegt. Dass das Programm für die Fachbesucher nur in Form digitaler Konferenzen stattfinden kann, war früh klar gewesen, im September wurden dann der Hallenbetrieb und die Publikumstage abgesagt – normalerweise kommen rund 300 000 Besucher.

Für die am Dienstagabend eröffnete „Special Edition“ haben sich nun 4400 digitale Aussteller aus 110 Ländern angemeldet, deren Angebot man freilich sowieso online auf den Homepages der Verlage erkunden könnte. Aber den Fachbesuchern geht's ja um mehr: um Geschäfte, Absprachen, Trends, Networking, Lizenzen. Über ein „Matchmaking Tool“ werden „Business-Kontakte“ jetzt digital geknüpft.

Und das Lesevolk? Denis Scheck, Deutschlands TV-populärster Literaturkritiker (aber noch lange kein -papst), grüßt zumindest wie gewohnt am Buchmessen-Mittwoch mit einer „Best of Druckfrisch“-Ausgabe von der ARD-Buchmessenbühne: live, aber online. Er lästert über die „Stampfkartoffelelemente“ in der „unfassbaren schlechten“ Lyrik einer gewissen Julia Engelmann unter dem Titel „Keine Ahnung, was für immer ist“. Dann aber rezitiert er in schwäbischem Englisch ein Gedicht der Nobelpreisträgerin („sehr gute Entscheidung“) Louise Glück.

Ach ja, normalerweise wäre man jetzt schnell zum Stand des Luchterhand Literaturverlags gewandert und hätte dort gehofft, in einem der beiden Gedichtbände der Amerikanerin Glück blättern zu können, die Ulrike Draesner 2007 und 2008 ins Deutsche übersetzt hatte, die aber vergriffen sind. Vielleicht wären noch ein paar Exemplare im Archiv gefunden und ausgelegt worden.

Glück im Unglück

Es wäre überhaupt spannend gewesen, mal zu schauen, wie es einem Verlag geht, dem die beste Werbung wundersam in den Schoß fällt, nämlich der Literaturnobelpreis für die eigene Autorin, der aber noch kein verkaufbares Exemplar parat hat. Auf der realen Buchmesse hätte man freilich auch die Gelegenheit nutzen können, in die internationalen Hallen zu gehen, zu HarperCollins oder Macmilian, wo unter dem Titel „American Originality“ Essays und Poesie der 77-jährigen Glück erschienen sind.

Die digitale Buchmesse vermittelt nun etwa unter der Rubrik „Themenwelten“ aktuellen Lesestoff: Tipps für den Literaturherbst aus unterschiedlichen Genres. Verlage wie Hanser, C.H. Beck und dtv haben sich da lieber gleich zusammengeschlossen und laden im Internet unter buchmesse-daheim.de mit viel Programm ein. Den volksfestartigen Trubel in den Hallen kann das nicht ersetzen.

Spannender sind die Online-Begegnungen mit den Autoren, das funktioniert gut, bei der ARD oder auf dem Blauen Sofa des ZDF. So erklärte am Mittwoch etwa Ex-Boxweltmeister Dr. Wladimir Klitschko seine Erfolgsphilosophie: „F.A.C.E the Challenge“. Was er uns rate zu tun? „Morgens mit einem Plan loslegen. Mit Selbstdisziplin die Willenskraft stärken.“

Nun gut, sein Plan war es also ein Buch (Co-Autorin Tatjana Kiel) zu verkaufen. Ansonsten sagte der israelische Schriftsteller David Grossman in einer Videobotschaft zur Eröffnung der Buchmesse, dass das Schreiben ein Mittel der Kreativität in der Corona-Pandemie sei. Und noch eine bemerkenswerte Zahl: Laut einer GfK-Umfrage für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels haben 17 Prozent der Deutschen in dieser Corona-Krise erstmals von der Möglichkeit erfahren, Bücher bei ihrer Buchhandlung online oder per Telefon zu bestellen – und eine Million Menschen nutzten sie.

Es geht also weiter mit dem Lesen. Und nicht für jede Erkenntnis muss man in den Zug nach Frankfurt steigen.
© Südwest Presse 15.10.2020 07:45
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