Quer durch den Kontinent der Gewalt

Das Gastland fehlt auf der Messe, aber seine Literatur ist präsent: zum Beispiel Jacques Poulins „Volkswagen Blues“.
  • „Volkswagen Blues“. Aus dem kanadischen Französisch von Jan Schönherr. Hanser, 256 Seiten, 23 Euro. Foto: Hanser
Zuerst sieht der Mann seine künftigen Begleiter nur. „Ein großes, hageres Mädchen in einem weißen Nachthemd ging trotz Kälte barfuß übers Gras; eine kleine schwarze Katze lief ihr nach.“ Diese Szene beobachtet er durch das Rückfenster seines in die Jahre gekommenen VW-Busses, auf einem Campingplatz im Südosten Québecs. Wenig später steigt dasselbe Mädchen samt Katze als Anhalterin zu ihm in den Bulli – und sie bleiben bis zum zwiespältigen Ende der Reise.

Der Mann ist ein verschlossener Schriftsteller, der sich Jack Waterman nennt, das Mädchen eine leseverrückte und technisch begabte Halb-Innu, die ihrer dünnen Beine wegen Große Heuschrecke genannt wird, der Kater bekommt den Namen Chop Suey. Ihre Geschichte erzählt der Frankokanadier Jacques Poulin in seinem 1984 erschienenen Roman „Volkswagen Blues“, der erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, als Beitrag des Hanser-Verlags zum (größtenteils auf 2021 verlegten) Gastauftritt Kanadas in Frankfurt. In dem nordamerikanischen Staat gilt das Buch als moderner Klassiker.

Poulins Erfolgsroman ist eine „road novel“ in der Nachfolge des Beatniks Jack Kerouac und eine Art Detektivgeschichte, denn der 40-jährige Schriftsteller sucht nach seinem verschwundenen Bruder, der ihm nur eine rätselhafte Postkarte hinterlassen hat. Die Reise führt das Trio auf die Spur der Siedler, den St.-Lorenz-Strom entlang zu den großen Seen, zum Mississippi und dann auf dem sogenannten „Oregon Trail“ an die Westküste. Bücher und Tipps anderer Menschen weisen den Weg, der schmerzhafte Erfahrungen bereit hält.

Für deutsche Leser ist „Volkswagen Blues“ lehrreich, was jedoch irritiert, sind die karge Sprache und die Dialoge, die kaum um Persönliches kreisen, dafür oft um kanadische und amerikanische Historie, um Entdecker wie Jacques Cartier und „Waldläufer“, aber auch um Massaker an den Ureinwohnern. „Man fängt an, über die Geschichte Amerikas zu lesen, und findet überall Gewalt. Als wäre ganz Amerika nur auf Gewalt gebaut“, sagt Waterman. Doch der Roman enthält einen Funken Utopie: Eine friedliche Zukunft lässt sich nur miteinander bauen. Jack Waterman und die Große Heuschrecke machen es vor. Marcus Golling
© Südwest Presse 15.10.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy